100 Jahre politischer Mord in Deutschland

Der Verschwörungsmythos der „Protokolle der Weisen von Zion“

04:59 Minuten
Außenminister Walter Rathenau am 11. April 1922 in Berlin.
Außenminister Walter Rathenau in Berlin, weniger Monate vor seiner Ermordung im Juni 1922 © imago images/United Archives International
26.01.2022
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Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine antisemitische und antidemokratische Fälschung. Für Gegner der Weimarer Republik waren sie ein Vorwand, Außenminister Walter Rathenau 1922 zu ermorden.
„Wer dieses Beweismaterial zu Gesicht bekommen hat, kann nicht mehr daran zweifeln, daß ein großer Teil dieser sogenannten ‚Protokolle‘ die Wiedergabe einer Agitationsschrift darstellt.“
Die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine der wirkungsmächtigsten antisemitischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Am 21. Januar 1921 bekräftigt der „Düsseldorfer Beobachter“, dass es sich dabei zweifellos um eine Fälschung handele. Die Zeitung bezieht sich auf eine Veröffentlichung in der Londoner „Times“, nach der das antisemitische Pamphlet erkennbar im zaristischen Russland verfasst worden sei, um angesichts der Unzufriedenheit über die Zustände im Land eine politische Botschaft zu verbreiten: 

„Jedenfalls hat der Verfasser der Protokolle oder vielmehr sein Auftraggeber den Zweck verfolgt, in Rußland und insbesondere den ‚Hofkreisen‘ den Eindruck zu erwecken, daß der vornehmste Grund für die Unzufriedenheit nicht in der reaktionären Haltung der Bürokratie zu suchen sei, sondern auf eine weltumspannende jüdische Verschwörung zurückgeführt werden müsse. Sie sollten eine Waffe gegen die russischen Liberalen bilden, die dem Zaren schon einige Konzessionen an die freisinnige Intelligenz abgenötigt hatten.“

Düsseldorfer Beobachter

Die sogenannten „Protokolle“ handeln von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung und wenden sich gegen Liberalismus, Demokratie, Freiheit und Gleichheit der Menschen.
In Deutschland benutzt vor allem der völkisch-antisemitische Schutz- und Trutzbund die „Protokolle“, um auf die angeblichen Hintermänner der deutschen Niederlage im Krieg und der Revolution 1918 zu verweisen. Schon während des Weltkrieges hatte Ernst von Reventlow in der „Deutschen Tageszeitung“ das Gerücht von einer Verschwörung von „roter“ und „goldener Internationale“ gegen das Deutsche Reich verbreitet. „Alljuda“ wolle Deutschland vernichten. 

100 Jahre politischer Mord in Deutschland
Eine Sendereihe über mörderische Demokratiefeindschaft und ihre Hintergründe von Deutschlandfunk Kultur in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) – immer mittwochs gegen 19.25 Uhr in den „Zeitfragen“.

In den von Louis Müller alias Gottfried zur Beek 1919 in Deutschland veröffentlichten „Protokollen“ wird daraus eine lang angelegte Strategie von Juden aus aller Welt. Die detailliert geschilderten Methoden – bis hin zum Bau von U-Bahnen, deren Tunnelsysteme mit Sprengstoff gefüllt würden, um die Metropolen im Bedarfsfall zu zerstören – scheinen aus einem Schauerroman abgeguckt. Die „Freiheit“, die Zeitung der USPD, vermutet, dass nicht einmal die rechten Propagandisten selbst die „Protokolle“ für echt halten würden. Im Mai 1920 ist in der „Freiheit“ zu lesen: 

„Diese ganze Geschichte glaubt Graf Reventlow, oder nein: wir tun ihm Unrecht, ein so großer Idiot ist er nicht. Er will sie nur den Minderbegabten glauben machen, aus denen sich die Anhängerschaft der Deutschnationalen Volkspartei rekrutiert. Natürlich unterschlägt er ihnen den vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus schon vor einiger Zeit gebrachten Nachweis, daß große Teile der Dokumente einfach aus einem im Jahre 1860 erschienenen antisemitischen Schundroman des ‚Kreuzzeitungs‘-Redakteurs Goedsche übernommen sind (…).“

Freiheit

Trotzdem glauben viele Menschen in Deutschland und anderswo an die Echtheit der „Protokolle“. Und sie leiten aus ihnen die Rechtfertigung zum Mord ab. So glaubt etwa einer der am Attentat auf Außenminister Walther Rathenau Beteiligten, Hans Werner Techow, Rathenau sei einer der „Weisen von Zion“ gewesen.

Der sozialdemokratische „Vorwärts“ schreibt 1926:

„(…) ein Buch, das eine der dümmsten Fälschungen darstellt, die die Weltgeschichte kennt, das aber gerade deshalb zur Bibel der völkischen Antisemiten wurde. Je dümmer einer dieser völkischen Erretter Deutschlands ist, desto fester schwört er auf das ‚Protokoll‘.“

Vorwärts

Obwohl auch mehrere Gerichtsprozesse die „Protokolle“ eindeutig als antisemitisches Pamphlet entlarven: Sie entfalten weiter ihre Wirkung – nicht nur in der Weimarer Republik, sondern bis heute. 

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