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Tonart | Beitrag vom 16.05.2019

100 Jahre LiberaceWie die Camp-Kultur immer noch den Pop beeinflusst

Stefanie Roenneke im Gespräch mit Vivian Perkovic

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Liberace mit seinem Ex-Freund Scott Thorson 1985 auf einer Veranstaltung in den USA. (picture alliance/dpa/Adam Scull/PHOTOlink.net)
Liberace (l) mit seinem Ex-Freund Scott Thorson 1985 auf einer Veranstaltung in den USA. (picture alliance/dpa/Adam Scull/PHOTOlink.net)

Der Entertainer Liberace gilt als Inbegriff der Camp-Kultur. Seine exzentrische Darstellung brachte ihm den Spitznamen "Mr. Showmanship" ein. Wie Camp-Strategien die Popmusik bis heute prägen, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Roenneke.

Liberace steht wie kaum ein anderer Musiker in der Popgeschichte für Opulenz und Übertreibung. Seine barocke, königliche Inszenierung, die feminine Art zu sprechen, Perücken und Schönheits-OPs haben den US-amerikanischen Pianisten zu einem Symbol werden lassen für Camp. Liberace habe "die Binarität zwischen Mann und Frau herausgefordert", erklärt die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Roenneke.

Doch das entscheidende für die Camp-Ästhetik bei Liberace sei sein Hintergrund: Ein schwuler Mann, der das in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft in den 1960er- und 70er-Jahren nie öffentlich machen konnte. "Diese Karriere hätte er als offen schwuler Mann nicht haben können", glaubt Roenneke.

Der Vampir als ambivalente Figur

Liberaces Markenzeichen war sein vampirisches Aussehen. Die Figur des Vampirs verweise auf das kapitalistische Show-System in Las Vegas, wo Liberace häufig aufgetreten ist. Er sei Teil des Systems gewesen, erklärt Roenneke, gleichzeitig wäre es ihm als schwuler Mann eigentlich verwehrt gewesen. Das gibt dem Ganzen eine "camphafte Note". Sowieso sei der Vampir eine ambivalente sexuelle Figur, weil Vampire Frauen und Männer begehren.

Auf die Frage, wie Popmusikerinnen und -musiker heute das Erbe der Camp-Strategien fortführen, entgegnet Roenneke, dass sie nach wie vor in der Popkultur vorhanden sind und es ein größeres Wissen über diese Subkulturen gebe. Das Spiel mit Identitäten finde nach wie vor Anklang. So sei etwa die Rapperin Nicki Minaj ein Beispiel, wie Camp im Mainstream benutzt werde. In der männlich dominierten Rap-Szene haben Minajs "übertriebene, sehr sexualisierten Darstellungen, die aber immer sehr humorig sind, diesen Camp-Effekt", sagt Roenneke.

Camp hinterfragt gesellschaftliche Paradigmen

Wie emanzipatorisch Camp-Strategien im Mainstream überhaupt noch sein können, stehe immer wieder zur Debatte, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Es sei stark vom Kontext abhängig. Dennoch würde Camp sowohl in Subkulturen, als auch im Mainstream gesellschaftliche Paradigmen hinterfragen. Doch das gelingt nicht immer. Etwa bei der diesjährigen "Met Gala" unter dem Motto "Camp".

Die Künstlerin Janelle Monáe auf dem Weg zur "Met Gala" in New York. (imago images / ZUMA Press / Mike Reed)Die Künstlerin Janelle Monáe auf dem Weg zur „Met Gala“ in New York. (imago images / ZUMA Press / Mike Reed)
"Nur, weil man ein extravagantes Kleid trägt, das einer sachlichen Ästhetik widerspricht, heißt das noch lange nicht, dass das Camp sein muss", sagt Roenneke. Es habe zwar das Spiel mit Geschlechteridentitäten im Ansatz gegeben, aber eine wirkliche Reminiszenz an Camp sei nicht zu erkennen gewesen. Viel witziger wäre es doch gewesen, glaubt Roenneke, wenn alle Prominenten eine Dragqueen verpflichtet hätten, die ihre Person in die Groteske verzerrt:

"Das wäre charmanter gewesen als diese wohlsituierten populären Personen in schönen Kleidern zu sehen."

(chm)

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