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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.01.2018

100 Jahre FreistaatBayern feiert und streitet

Von Susanne Lettenbauer

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Menschenmengen sammeln sich während der Novemberrevolution 1918 in München.  (picture alliance/dpa/)
Menschenmenge während der Novemberrevolution 1918 in München. (picture alliance/dpa/)

Bayern ist stolz auf seine Geschichte und auf seine Sonderrolle innerhalb Deutschlands. Die Ausrufung des Freistaats vor 100 Jahren soll daher gefeiert werden. Doch es ist kein einfaches Jubiläum, denn jeder beansprucht die Deutungshoheit für sich.

Weltrevolution.
Gebärerin des neuen Schwingens.
Gebärerin der neuen Völkerkreise.
Rot leuchtet das Jahrhundert
Blutige Schuldfanale.
Die Erde kreuzigt sich.
Den Proletariern.

Ein ehemaliges Zisterzienserinnenkloster bei Donauries: Als der Dramatiker Ernst Toller dieses Gedicht Anfang 1919 im heutigen bayerischen Jugendgefängnis Niederschönenfeld schreibt, versinkt Bayern im Bürgerkrieg. Nur wenige Monate zuvor im November 1918 war in einer Nacht- und Nebelaktion der Freistaat Bayern ausgerufen worden – von der sozialdemokratischen Splittergruppe USPD, eine Abspaltung der traditionellen SPD.

Der 73-jährige König Ludwig III. ist von einem Tag auf den anderen – eher widerwillig – geflohen. Ins Schloss Wildenwart im Chiemgau und später nach Ungarn. Im Münchner Wirtshaus Mathäser-Bräu am Stachus, wo heute das Großkino steht, herrschen Arbeiter- und Soldatenräte. Tausende Kriegsheimkehrer sind ohne Wohnung. Ein Machtvakuum lähmt das Land. Der Schwabinger Erich Mühsam revoltiert in hämischen Strophen. So beginnt der Freistaat Bayern.

War einmal ein Revoluzzer
Im Zivilstand Lampenputzer
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit

"Ich habe viel erlebt, die Schießereien in der Stadt, Plünderungen, es waren die Sparkassen geschlossen, man durfte von den Banken nur ganz beschränkt Geld abheben ..."

Erinnert sich ein Zeitzeuge 1969. Der 26-jährige Literat Ernst Toller und mit ihm der Schwabinger-Bohéme-Schriftsteller Erich Mühsam hatten Glück im Unglück. Durch ihre Verhaftung entkommen sie nur knapp dem aufgebrachten Münchner Mob. Sie werden nicht auf offener Straße zwischen Marienplatz und Stacchus, Hauptbahnhof und Residenz erschossen, wie gut 600 Andere - Revolutionäre, Monarchisten, Bürger, Unschuldige. Sie werden auch nicht im damals neuen Münchner Zentralgefängnis auf Gut Stadelheim von Wärtern erschlagen wie ihr Mitstreiter, der Schriftsteller Gustav Landauer.

Der deutsche Schriftsteller Ernst Toller (1893-1928) bei einem Vortrag in New York, aufgenommen am 7.4.1938. (dpa / picture alliance / UPI)Der deutsche Schriftsteller Ernst Toller (1893-1939) bei einem Vortrag in New York (dpa / picture alliance / UPI)

Land ohne König

Am 18. Dezember 1918 hatte Landauer, ein aus Karlsruhe stammender Sozialdemokrat, vor dem neuen sogenannten "Provisorischen Nationalrat des Volksstaates Bayern" mit sarkastischen Worten das Demokratieverständnis der Abgeordneten kritisiert. Das Zitat könnte von heute stammen:  

"Ich weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll, über die bürgerlichen Parteien, die sich - ich meine es nicht bös, gestatten Sie schon das populäre Wort - mit einer wirklich affenartigen Geschwindigkeit umkostümiert haben, oder soll man sich mehr wundern über die Sozialdemokratie, über die Regierungssozialdemokratie früherer Regierungsart, die sich so benimmt, als ob überhaupt nichts geschehen wäre."

Soldaten sammeln sich während der Novemberrevolution 1918 in München. Am 7./8. November 1918 proklamierte der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner den republikanischen "Freistaat Bayern". Seine Ermordung durch den nationalistischen Studenten Anton Graf von Arco wurde am 21. Februar 1919 in München zum Signal für die Ausrufung der zweiten Münchner Revolution. (dpa)Novemberrevolution in München 1918. Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner proklamiert den republikanischen "Freistaat Bayern". (dpa)
Es sind Literaten, politische Journalisten und Dramatiker, die den verdutzten König 1918 außer Landes jagen und kurzerhand einen eigenen "Freistaat", ein Land ohne König, ausrufen.

Idealisten, meinen heutige Historiker.

Einer dieser "unausgegorenen, jungen Menschen" war der Weinhändlerssohn Josef Breitenbach. Seine Erinnerungen an jene Nacht vor 100 Jahren:

"Es war vielleicht zehn Uhr. Es war dunkel. So läutete jemand an der Glocke. Wir warteten da draußen am Trottoir. Und kam der Pförtner mit einer Laterne in der Hand, etwas knieschlotternd. Wir gingen in den geschlossenen Sitzungsaal, setzten uns in die Bänke der Abgeordneten, Eisner ans Podium. Unmittelbar nachdem wir alle etabliert waren stand er auf und sagte: Wir haben heute Abend gesehen, wie man Geschichte macht. Bayern ist ein Volksstaat. Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt und mit Ihrer Zustimmung übernehme ich das Amt des provisorischen Ministerpräsidenten."

Die Bayern und die Sozialdemokratie

"Die Meinungen werden immer ambivalent bleiben zu dieser Aktion."

Wägt Bayerns Chefhistoriker Ferdinand Kramer ab. In seinem Institut für bayerische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität direkt an der Münchner Ludwigstraße, dem Prachtboulevard der bayerischen Könige Richtung Norden, also Preußen, wird die fast 1000-jährige Geschichte Bayerns und fast 700 Jahre bayerische Monarchie erforscht:

"Man vergisst ja manchmal, dass unmittelbar vor der Revolution die alte Regierung schon beschlossen hatte die Demokratisierung und Parlamentarisierung des politischen Systems, wenige Tage zuvor waren schon alle Entscheidungen getroffen, selbst die Minister waren schon ausgesucht."

Der Freistaat Bayern und seine Sozialdemokratie - Vorreiter der Demokratie in Deutschland?

So viel sie sich anstrengt, von dieser Vorreiterrolle ist bei der heutigen Bayern-SPD nicht viel geblieben. Der heutige Chef der unermüdlichen Oppositionspartei Markus Rinderspacher, gibt sich trotzdem ganz selbstbewusst:

"Die CSU ist erst 28 Jahre nach Ausrufung des Freistaates geboren worden, sie hat mit diesem überhaupt nichts zu tun und ist natürlich auch ein Stück weit eifersüchtig, dass ausgerechnet Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten den Urkern, die Grundsteinlegung des Freistaates zu verantworten haben."

100 Jahre Freistaat Bayern. Ein Grund zum Feiern?

Alle Parteien beanspruchen das Jubiläum in diesem Jahr für sich. Die Bayernpartei, weil Bayern eben Bayern und nur vorübergehend ein Bundesland ist, die SPD, weil der Anfang eben sozialdemokratisch war. Und die CSU beansprucht gleich den gesamten Erfolg des heutigen Freistaats für sich.

Historiker Kramer: "Da finden weitreichende Umdeutungen statt zur Zeit. Das geht los mit der Bewertung der Revolution als solches, als Anfang von demokratischer und republikanischer Tradition, während man ja viel Jahrzehnte lang in großer Distanz zu dieser Revolution stand."

Ein blau-weiße Bayernfahne mit dem Wappen des Freistaats Bayern weht im Wind. (dpa)Die Flagge des Freistaats Bayern (dpa)

Ein bisschen Monarchie

Immer wieder kokettiert der Freistaat seit der Einbindung in die Bundesrepublik 1949 mit Unabhängigkeitsgeplänkel. Kein anderes Bundesland beansprucht eine derartige Sonderstellung. Im Gegensatz zu anderen Regionalliedern, wie dem Badnerlied, Pommernlied oder Niedersachsenlied besitzt die Bayernhymne einen offiziellen Status. Den letzten eigenen offiziellen Gesandten zog der Freistaat erst 1934 aus Rom ab.

Den sogenannten Reservatrechten über Militär, Immobilien, Brauerei, Eisenbahn, Trauung und Post, die durch die Novemberrevolution 1918 verloren gingen, trauert mancher im Freistaat bis heute hinterher. Zumindest die Monarchie sei noch immer präsenter als zugegeben, auf eine stille Art und Weise, verrät Historiker Kramer:

"Es ist, was vielleicht weniger bekannt ist, auch interessant, dass das Haus Wittelsbach hier durchaus bis heute in Formen der Staatsrepräsentation mitwirkt. Immer wieder werden auch ausländische Gäste in Nymphenburg draußen empfangen oder bei Empfängen für Staatsgäste zieht der Ministerpräsident den Chef des Hauses Wittelsbach mit hinzu, wenn die Gäste beim Abendessen hofiert werden und dergleichen mehr."

Ein Freistaat mit ohne König. Ganz lösen will man sich bei der Regierungspartei CSU von monarchischem Gehabe nicht, kritisiert die SPD. In München gäbe es noch nicht einmal einen Platz der Republik, dafür tagt der Landtag seit 1949 im Maximilianeum, einer ehemaligen Pagenschule, benannt nach König Max II. Zur Eröffnung des Oktoberfestes fährt der Ministerpräsident zu Marschklängen in der offenen Kutsche vor.

Eine tatsächliche Unabhängigkeit, wie sie die Bayernpartei propagiert, sei Koketterie ohne Substanz. Auch wenn man über die alten Reservat-, also Sonderrechte aus der Kaiserzeit durchaus diskutieren könnte, meint die FDP-Politikerin und frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrem Haus am Starnberger See:

"Freistaat heißt eben, ein selbständiges Bundesland zu sein. Es ist eben ein Freistaat, aber es ist nicht ein eigenständiger Staat neben der Bundesrepublik Deutschland. Und ich glaube, alle, die sich ein bisschen mit den derzeitigen Entwicklungen befassen, die wissen, dass das ein komplett falscher Weg wäre. Dass man in Bayern seine Kompetenzen verteidigt, das ist gut, da werden wir noch intensiv zu debattieren haben."

Eine schwierige Geburtsstunde

"Wir feiern ja nicht, dass das damals stattgefunden hat. Wir erinnern uns, dass das der ausschlaggebende Punkt der Geschichte war, von dem an sich eine demokratische Republik in diesem Land etablieren konnte, auf die wir heute stolz sind."

Erklärt CSU-Staatskanzleiminister Marcel Huber.

100 Jahre Freistaat Bayern. Ein ganzes Jahr bis zum 8. November 2018 sollen Heimatvereine, Wissenschaftler, Bürger ihr Bayern präsentieren. Bei all dem Feiern fallen nur wenige Worte über den Expressionisten Ernst Toller, über den hochemotionalen Dichter Rainer Maria Rilke, über Gustav Landauer und den Schwabinger Bua Rudi Eglhofer, der kurzzeitig Stadtkommandant und Anführer der "Roten Armee" der Münchner Räterepublik war.

Ganz im Stillen wurde 2016 mit einem Lied ein Gedenkstein für Rudolf Eglhofer auf dem Münchner Nordfriedhof errichtet. Auf dem Ostfriedhof liegt das Grab von Ernst Toller. Gustav Landauer wird seit diesem Sommer 2017 auf dem Münchner Waldfriedhof wieder mit einer Stele gedacht, sehr zum Missfallen von konservativen Bürgern.

"Es gilt jetzt, noch Opfer anderer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben Beispiel zu geben."

Das stand auf Landauers Grabstein, den die Nationalsozialisten im gleichgeschalteten Bayern zerstörten. Der gleiche Aufruf auf der neuen Grabstele erinnert jetzt wieder an die schwierige Geburtsstunde des Freistaates Bayern.

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