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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.11.2018

100 Jahre FrauenwahlrechtArbeiterinnen wie Bürgerliche wollten an die Urnen

Birte Förster im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Demonstration für das Frauenwahlrecht am 12. Mai 1912 in Berlin, digital koloriertes Foto der Gebrüder Haeckel (picture alliance/akg-images)
Demonstration für das Frauenwahlrecht am 12. Mai 1912 in Berlin, digital koloriertes Foto der Gebrüder Haeckel (picture alliance/akg-images)

Fast 50 Jahre hatte der Kampf um das Frauenrecht gedauert. Überwältigend war die weibliche Beteiligung an der ersten reichsweiten Wahl im Januar 1919. Flugblätter und der Film "Anna Maria Müller-Lincke kandidiert" halfen, alte Vorstellungen zu überwinden.

82 Prozent der Frauen gingen bei der Wahl am 19. Januar 1919 an die Urne. Nie wieder war die Frauen-Wahlbeteiligung in der Weimarer Republik so hoch.

Zuvor hatten die Frauen Millionen Flugblätter gedruckt, um den Frauen das Wählen beizubringen, erläuterte die Geschlechterhistorikerin Birte Förster im Deutschlandfunk Kultur. Auch der Film "Anna Maria Müller-Lincke kandidiert" trug zur Aufklärung über das Wählen bei.

Die Frauenbewegung hatte sich zuvor in unterschiedlichen Strömungen entwickelt, so Förster. Während die Arbeiterinnen in ihrem Bestreben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit den Kampf für Wahlrecht als Teil des Klassenkampfes sahen, versuchten bürgerliche Frauen auf kommunaler Ebene zu beweisen, "dass sie politikfähig sind", so Förster.

Vorstellungen über das "politische Subjekt"

Frauen waren bis dahin als "Rechtssubjekte" nicht anerkannt. Aber auch viele Männer durften etwa nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht nicht wählen. "Das hat mit Vorstellungen im 19. Jahrhundert von Liberalen und Republikanern zu tun, wie denn das politische Subjekt, also diejenigen, die wählen können sollen, aussieht. Und die stellen sich das eben vor als eine Person, die wirtschaftlich unabhängig ist. Das heißt auch für viele Männer: Sie können gar nicht wählen", so Birte Förster:

Frauen standen für Gefühl und alles Nicht-Kultivierte

Das Rechtssubjekt stellten sich die liberalen Denker als Person vor, die ihre Gefühle kontrollieren muss und wirtschaftlich unabhängig ist, so Förster.

"Also ein unabhängiges, nicht beeinflussbares, politisches Subjekt. Und Frauen galten zu diesem Zeitpunkt als das genaue Gegenteil davon: Die galten als Repräsentation von Gefühl, von Natur, von allem Nichtkultivierten. Und die Männer waren eben rational und repräsentierten Kultur."

(huc)


Das Interview im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: Mehr Frauen in den Bundestag, das ist das Ziel von Bundesjustizministerin Katharina Barley, SPD. In der "BILD"-Zeitung forderte Barley gestern eine Wahlrechtsreform. Man konnte das als Wunsch nach einer Quotenregelung, genau 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland. Über beides möchte ich mit der Darmstädter Geschlechterhistorikerin Birte Förster sprechen, Frau Förster, guten Morgen!

Birte Förster: Guten Morgen!

Karkowsky: Beginnen wir doch mal mit der Geschichte. Kaum war der Erste Weltkrieg beendet, da bekamen die Frauen ihr Wahlrecht. Wie hängt das zusammen?

Förster: Das hängt eigentlich so gut wie gar nicht zusammen. Die Vorkämpferinnen für das Frauenwahlrecht, sowohl im sozialistischen wie im bürgerlichen Lager, die tun das schon spätestens seit 1900, auch international vernetzt. Und im letzten Jahr wurde ja Millicent Fawcett geehrt, die britische Suffragette, auf dem Parlamentsplatz in London, mit einer Statue, und die kämpfte seit 1868 dafür, dass Frauen das Wahlrecht bekommen.

Karkowsky: Waren es denn nur die Suffragetten, denen das Wahlrecht so unheimlich wichtig war, also die ersten Frauenrechtlerinnen überhaupt, oder war das gerade in Deutschland vor 100 Jahren so eine Art Massenbewegung, der sich alle angeschlossen haben, also auch die einfachen Hausfrauen und Mütter, die mit Politik noch nicht so viel am Hut hatten?

Förster: Die Erweiterung von Rechten für Frauen hat ja ganz unterschiedliche Ebenen, zum Beispiel natürlich auch wirtschaftliche Rechte, und dafür haben die Frauen in der Arbeiterbewegung vor allen Dingen auch gekämpft. Man war sich vor allen Dingen nicht einig, wie man das Ziel Frauenwahlrecht erreicht, aber dass es irgendwann erreicht werden soll, darüber bestand schon Einigkeit. Und dann geht es eben darum, entweder sagt man, man bindet das in den größeren Klassenkampf mit ein, oder man sagt, wie die bürgerliche Frauenbewegung, wir versuchen mal auf kommunaler Ebene zu beweisen, dass wir politikfähig sind und Verantwortung übernehmen können im Staat. Denn das war eine ganz zentrale Frage.

"Es gibt mehrere Frauenbewegungen eigentlich"

Karkowsky: Also es war keine Elitenbewegung von Frauen, sondern durchaus auch Arbeiterinnen, die da mitmachten?

Förster: Ja. Die Frauenbewegung ist ja geteilt eigentlich bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in eben die Arbeiterinnenbewegung und die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland. Die haben relativ wenig Berührungspunkte. Deswegen kann man sagen, es gibt mehrere Frauenbewegungen eigentlich, die sich auf sehr unterschiedliche Weise für das Wahlrecht einsetzen.

Karkowsky: Warum hat es so lange gedauert? Aus heutiger Sicht findet man es ja absurd, dass überhaupt Frauen mal eine Zeit lang nicht wählen durften. Warum war dieser Weg so lang bis dahin?

Förster: Das hat mit Vorstellungen zu tun im 19. Jahrhundert, von Liberalen und Republikanern, wie denn das politische Subjekt, also diejenigen, die wählen können sollen, aussieht. Und die stellen sich das eben vor als eine Person, die wirtschaftlich unabhängig ist. Das heißt auch für viele Männer, sie können gar nicht wählen, weil sie nicht wirtschaftlich unabhängig sind. Wir haben ja auch in vielen Ländern im Deutschen Reich das Klassenwahlrecht, denken Sie an Preußen. Und das andere ist, dass die Person ihre Affekte, also ihre Gefühle kontrollieren muss. Also ein unabhängiges, nicht beeinflussbares politisches Subjekt ist.

Und Frauen galten zu diesem Zeitpunkt als das genaue Gegenteil davon. Die galten als Repräsentantinnen von Gefühl, von Natur, von allem Nicht-Kultivierten, und die Männer waren eben rational und repräsentierten Kultur. Und was auch noch ganz wichtig ist, Frauen wurden, sobald sie verheiratet waren, rechtlich von ihrem Mann vertreten. Das heißt, die existierten als Rechtsperson nicht mehr. Die konnten keinen Besitz haben, und die hatten zum Beispiel auch kein Recht auf Vormundschaft für ihre Kinder und solche Sachen. Die waren eben als Rechtsperson und damit als mögliches politisches Subjekt überhaupt nicht existent in diesen Denkwelten. Das hat sich sehr lange durchgezogen, in ganz Europa.

Karkowsky: Und als es dann endlich losging, als die Frauen endlich ihr Wahlrecht hatten, war dann der Andrang der Frauen an den Wahlurnen wirklich groß?

Förster: In Deutschland kommt es ja tatsächlich am heutigen Tag vor hundert Jahren, und da mobilisieren die Frauen in der gesamten Frauenbewegung unglaublich viele Helferinnen, und die drucken Millionen von Flugblättern, machen Wahlveranstaltungen, um Frauen das Wählen beizubringen. Da gibt es auch so schöne Fotoromane, es gibt einen Film sogar – "Anna Maria Müller-Lincke kandidiert" heißt der, den kann man auch sehen auf der Seite des Bundesarchivs. Und dann wählen tatsächlich am 19. Januar 1919 82 Prozent der Wählerinnen. So hoch ist die Wahlbeteiligung nie wieder in der Weimarer Republik. Das ist auch höher als heute bei den Bundestagswahlen.

Sozialdemokraten bauten Stimmanteil aus

Karkowsky: Und haben die im Prinzip im Schnitt dasselbe gewählt wie ihre Männer? Oder gab es da eine ganz klare Präferenz für andere Parteien?

Förster: Das Problem ist, man hat relativ wenig verlässliche Daten über die Zeit der Weimarer Republik, weil kaum nach Geschlecht ausgezählt wurde. Es wurde zum Beispiel in Köln nach Geschlecht ausgewertet, und da war in Köln eben der Anteil von Zentrumswählern relativ hoch. Aber das ist eigentlich kein guter Ort, um das repräsentativ herauszufinden. Man geht davon aus, dass Frauen tendenziell eher konservativ gewählt haben. Andererseits muss man festhalten, dass zum Beispiel die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil im Vergleich zu vor dem Krieg ausbauen konnten, trotz Spaltung zur USPD. Das ändert sich relativ deutlich innerhalb dieser hundert Jahre bis zur Zeit heute.

Karkowsky: Wie ist es denn heute? Bei den Midterms in den USA hatte man ja deutlich den Eindruck, dass vor allem Frauen sich gegen Trump gestellt haben.

Förster: Ja. In Deutschland ist es so, das sind Zahlen vom Bundeswahlleiter, die kann man in dem neuesten Heft von "Aus Politik und Zeitgeschichte" nachlesen. Da hat Gesine Fuchs einen Aufsatz geschrieben. Im Moment ist es so, dass Frauen überproportional häufig die CDU wählen und, überproportional noch stärker deutlich, die Grünen. Bei der SPD ist es relativ gleich, die FDP wählen mehr Männer, und die AfD wählen deutlich mehr Männer als Frauen.

Karkowsky: 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts liegt der Anteil der Frauen im Bundestag bei nur noch rund 30 Prozent. Darauf hat Katharina Barley am Wochenende hingewiesen. Was glauben Sie, warum sind das nicht mehr?

Förster: Das ist natürlich ein Problem. Aber gleichzeitig kann man im Moment die Partei, die eine Quote eingeführt hat auf ihren Listen, und wenn man einen guten Listenplatz hat, wird man relativ sicher ins Parlament gewählt, wenn man in der grünen Partei ist. Die ist im Moment unglaublich erfolgreich, die wird auch mehrheitlich von Frauen gewählt. Und das ist ja vielleicht auch eine Verbindung zu den USA, zu dieser eher progressiven Richtung, die ja jetzt auch mit Frauen als Kandidatin sehr erfolgreich ist und zum Teil Republikaner eben aus dem Amt geworfen haben. Warum es immer noch rückfällig ist, das liegt daran, dass in der AfD und in der FDP so wenig Frauen ins Parlament gewählt worden sind. Und das sind meines Wissens Parteien, die auch keine Quote haben. Die CDU hat ja auch so was wie eine Quote, die nennt sich nur "Quorum" bei denen. Die ist auch nicht 50 Prozent, aber …

"Bei Männern ist es so, dass sie in der Regel Männer wählen"

Karkowsky: Ein Quötchen. Wenn man aber den Anteil der Frauen im Bundestag nun vergleicht mit dem Anteil der Frauen unter den Parteimitgliedern, dann sind ja Frauen sogar überrepräsentiert im Bundestag. Sie haben in den Parteien also schon heute größere Chancen, ins Parlament zu kommen, als Männer. Und dann eine Quote einzuführen, ins Wahlrecht, wenn das überhaupt geht, da würde ja sich diese Ungleichheit weiter verschärfen, oder?

Förster: Ich weiß nicht genau, welches Konzept von Quote Frau Barley jetzt vorhat. Aber es gibt ja zum Beispiel die sogenannte "Präferenzstimme". Das kennen wir aus Süddeutschland bei den Landtagswahlen und zum Beispiel in Hessen bei den Kommunalwahlen. Da haben Sie 71 Stimmen, die Sie auf Kandidaten verteilen können und Kandidatinnen, und Sie dürfen jeder Person bis zu drei Stimmen geben. Das heißt, wenn Sie jetzt als Frau in der FDP die Kandidatinnen nach oben puschen wollen, dann wählen Sie nur die Frauen. Das ist etwas, was natürlich Mühe macht in der Wahlkabine. Man muss dann da stehen und seine 71 Kreuze machen, und man darf sich um Himmels willen nicht verzählen. Aber es gibt Frauen, und das weiß man aus Studien aus Finnland, dass es eine Tendenz gibt, dass Frauen Kandidatinnen mehrheitlich unterstützen. Bei Männern ist es so, dass sie in der Regel Männer wählen. Aber das ist leicht rückläufig. Frauen wählen traditionell beide Geschlechter, haben eine Tendenz jetzt stärker zu Kandidatinnen. Und das wäre ja so eine Form von indirekter Quote. Da wäre sozusagen der Wählerin und dem Wähler überlassen, welche Kandidatin oder welchen Kandidaten sie unterstützen möchte. Würde vielleicht auch für die Wahl der Bundesvorsitzenden der CDU sich eignen.

Karkowsky: 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts fordert Justizministerin Barley eine Quote im Wahlrecht. Sie hörten dazu die Bremer Geschlechterhistorikerin Professor Birte Förster. Sie ist Autorin des Buchs "1919. Ein Kontinent erfindet sich neu". Ihnen besten Dank!

Förster: Bitte, sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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