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Reportage / Archiv | Beitrag vom 10.03.2014

100 Jahre Erster WeltkriegMahnende Ruine

Besuch der Festung Schoenenbourg

Von Ludger Fittkau

Bunker des Werks "Immerhof" der Maginotlinie. (dpa picture alliance / Romain Fellens)
Bunker des Werks "Immerhof" der Maginotlinie (dpa picture alliance / Romain Fellens)

André Maginot, Freiwilliger im 1. Weltkrieg und später französischer Minister, konzeptionierte den Bau einer gigantischen Verteidigungslinie: die Maginot-Linie. Ein Besuch in den historischen Anlagen.

Verrostete Schienen einer Schmalspurbahn führen durch die Baumreihen des Wäldchens zum Eingang des fünf Meter hohen und gut 20 Meter breiten Betonbunkers. Davor warten zwei Männer. Einer ist der Elsässer Marc Halter, 56 Jahre alt, von Beruf Lehrer:

"Ich bin der Präsident der Vereinigung der Freunde der Maginot-Linie in der Festung Schoenenbourg. Meine Mutter war Französin, aber ist in Mainz geboren, als Mainz nach dem 1. Weltkrieg von den Franzosen besetzt war. Und mein Vater war Elsässer. Und ich selbst bin nach dem 2. Weltkrieg in Offenburg geboren."

Ein gebürtiger Offenburger ist auch der 72-jährige Karl-Hans Stöß, der gemeinsam mit Halter in die Nähe des elsässischen Dorfes Hunspach, zehn Kilometer hinter der deutschen Grenze, gekommen ist. Beide engagieren sich in der deutsch-französischen Vereinigung der "Freunde der Elsässischen Maginot-Linie" mit rund 300 Mitgliedern. Karl-Hans Stöß deutet auf den Eingang zur Festung Schoenenbourg, die Teil der mehrere hundert Kilometer langen französischen Verteidigungslinie ist. Mit ihrer Planung beginnen die Franzosen nach dem 1. Weltkrieg:

"Dieser Eingang ist verhältnismäßig groß, man konnte mit Lastwagen rein fahren auch mit Bahnen zur Versorgung. In etwa einem Kilometer Entfernung hat es Kampfbunker und die sind unterirdisch verbunden mit dem Eingangsbunker."

Im Inneren des Bunkers drückt Marc Halter auf einen Knopf, eine Alarmsirene ertönt. An vielen Stellen in den Stollen hängen Lautsprecher.

Der Zuscher erfährt: Hier war es nie ruhig!

Eine akustische Mischung aus Maschinengeräuschen, Wochenschau-Ausschnitten und Militärmusik soll dem Besucher demonstrieren, dass es hier nie ruhig war.

Marc Halter und Karl-Hans Stöß gehen voran in einem beleuchteten Stollen, der kein Ende zu haben scheint. Sie passieren unterirdische Schlafräume und eine Küche, einen Kraftwerksraum, Sprengkammern und Leichenhallen. Marc Halter erklärt, warum die Tunnelanlagen, in der die Schienen der Schmalspurbahn verschwinden, so endlos lang sind:

"Die sind so lang - das kommt vom 1. Weltkrieg. Im Ersten Weltkrieg hatte man gemerkt, dass die Festungen bei Verdun und in anderen Städten in Frankreich.. dass sehr viele Verluste in den Festungen waren, als die Soldaten rausgehen wollten. Schon damals, 1917, hat man zum Beispiel bei Douaumont schon während der Kampfhandlung gegraben, um weit von der Festung entfernt Eingänge zu machen. Deswegen hat man so lange Gänge."

Der Krach der Lüftung übertönt fast alles. Die 630 Soldaten, die hier insgesamt sechs Geschütze mit bis zu zehn Kilometern Reichweite bedienen sollten, waren Tag und Nacht diesem Lärm ausgesetzt. Monatelang.

"Die Franzosen, mehr als die Deutschen - sie waren wirklich terrorisiert von den Kampfgasen, von den Flammenwerfern. Und da hat man sehr stark dafür gesorgt, dass die Luft hier in der Festung ununterbrochen filtriert wird. Gegen alle Kampfgase die es gab damals. Und es funktioniert bis heute sehr, sehr gut. Auch wenn Feuer ausbrechen würde, kann man sie noch in Gang setzen, um die ganze Altluft anzusaugen."

Wie können Sie nur?

Am Ende der Gänge stehen insgesamt sechs Türme mit Geschützen. Gut 20 Meter geht es hier in einem Treppenhaus hinauf. 

Oben auf einer Plattform greift Karl-Hans Stöß eine Kurbel, mit der er einen Geschützturm wie das Fernrohr eines Unterseebootes etwa einen halben Meter aus der Erde fahren kann. Der pensionierte Lehrer aus Baden macht das jetzt schon rund dreißig Jahre bei Führungen so. Deutsche Besucher werfen ihm manchmal vor, er sei wohl ein verkappter Militarist:

"Zum Teil muss man sich auf deutscher Seite bis heute rechtfertigen, man sei Militarist. Ich sage immer: Das sind aggressive Pazifisten. Das Schlimmste war: Ich habe mal mein Kollegium durchgeführt, das war 1986 oder 1987. Die haben mich zerpflückt: Wie können Sie nur? Ich war gar nicht drauf vorbereitet. Wenn ich es gewesen wäre, - heute - wüsste ich natürlich, was ich da sage oder nicht sage. Aber es war schon unangenehm."

Der Elsässer Marc Halter ist jedoch froh, dass auch Deutsche im Verein mitarbeiten, um das Artilleriewerk der Maginot- Linie zu erhalten. Unter Schirmherrschaft des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wird im Mai hier eine internationale Kunstaktion "Underground" gestartet:

"Anlass war 100 Jahre Erster Weltkrieg. Und wir haben hinzugefügt: "Kunst im Namen des Friedens". Deswegen haben wir es als deutsch-französische Partnerschaft gemacht. Und wir hoffen, ein anderes Publikum zu treffen."

Dass die Anlage der Maginotlinie jetzt als Kunst- Ort dient, ist dem französischen Militär zu verdanken: Es hat die Festung in den 1960er Jahren endgültig aufgegeben. Zuvor jedoch wurden die Bunker noch für einen Atomkrieg gerüstet, erzählt Marc Halter noch, bevor er die Festung wieder abschließt:

"Wir sprachen vom 1. Weltkrieg, der ein Grund war für den Zweiten Weltkrieg. Da kann man noch erwähnen, nicht den Dritten Weltkrieg, sondern den Kalten Krieg. Die Festung Schoenenburg wurde in den 50er Jahren zum Atombunker umgewandelt. Da hat man schon an den Kalten Krieg gedacht. Und wir haben da Vorfilter gegen Atompartikel, die in den 50er Jahren eingebaut wurden. Und da sieht man schon, dass man immer weiterdenkt,was da eventuell kommen kann. Ich hoffe nur, dass nicht Aliens aus dem Weltall kommen, denn sonst würde man uns wieder vorbereiten und die Festung gegen Marsmenschen oder Venusmenschen ausbauen."

Doch auch ohne Mars- oder Venusmenschen: Die Maginotlinie ist ein schauriges und gerade deshalb sehenswertes Mahnmal der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts.

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