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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 01.07.2014

100 Jahre Erster WeltkriegKriegssplitter - der Weg in die Katastrophe

Eingeordnet und kommentiert von Herfried Münkler

Eine große Menschenmenge nimmt zu Beginn des 1. Weltkrieges an einem Gottesdienst am Bismarckdenkmal in Berlin teil. (undatiertes Archivbild) (picture-alliance / dpa)
Eine große Menschenmenge nimmt zu Beginn des Ersten Weltkrieges an einem Gottesdienst am Bismarckdenkmal in Berlin teil. (picture-alliance / dpa)

Anlässlich des 100. Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkrieges stellen wir Dokumente und Quellen zur Entstehungsgeschichte vor. Depeschen, Tagebuchaufzeichnungen und Parlamentsreden - genau 100 Jahre alt - werden präsentiert und inszeniert.

Herfried Münkler, Politologe und Autor von "Der große Krieg", einer der wichtigsten Neuerscheinungen zum Thema, ordnet das Gehörte ein und zeichnet den Weg, der in den Krieg führte, nach. Eines zeigen die Dokumente deutlich: Es gab an vielen Stellen und für alle Möglichkeiten zur Umkehr.

Kriegssplitter:
Immer donnerstags um 6.40 Uhr in Studio 9
Seit dem 28. Juni montags bis donnerstags um 6.40 Uhr in Studio 9


4. August 1914

Kanzler Bethmann Hollweg vor dem Reichstag -

Ein gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein. Seit wir uns das Deutsche Reich und Ansehen in der Welt erkämpften, haben wir 44 Jahre lang in Frieden gelebt und den Frieden Europas geschirmt. In friedlicher Arbeit sind wir stark und mächtig geworden und darum beneidet. Mit zäher Geduld haben wir es ertragen, wie unter dem Vorwande, dass Deutschland kriegslüstern sei, in Ost und West Feindschaften genährt und Fesseln gegen uns geschmiedet wurden. Der Wind, der da gesät wurde, geht jetzt als Sturm auf. Wir wollten in friedlicher Arbeit weiterleben, und wie ein unausgesprochenes Gelübde ging es vom Kaiser bis zum jüngsten Soldaten: nur zur Verteidigung einer gerechten Sache soll unser Schwert aus der Scheide fliegen. Der Tag, da wir es ziehen müssen, ist erschienen - gegen unseren Willen, gegen unser redliches Bemühen. Russland hat die Brandfackel an das Haus gelegt: Wir stehen in einem erzwungenen Kriege mit Russland und Frankreich. Meine Herren, eine Reihe von Schriftstucken, zusammengestellt in dem Drang der sich überstürzenden Ereignisse, ist Ihnen zugegangen. Lassen Sie mich die Tatsachen herausheben, die unsere Haltung kennzeichnen. 

Vom ersten Augenblick des österreichisch-serbischen Konflikts an erklären und wirken wir dahin, dass dieser Handel auf Österreich-Ungarn und Serbien beschränkt bleiben müsse. Alle Kabinette, insonderheit auch England, vertreten denselben Standpunkt. Nur Russland erklärt, dass es bei der Austragung dieses Konflikts mitreden müsse. Damit erhebt die Gefahr europäischer Verwicklung ihr drohendes Haupt.

Jetzt hat die grosse Stunde der Prüfung für unser Volk geschlagen. Aber mit heller Zuversicht sehen wir ihr entgegen. Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit – hinter ihr das ganze deutsche Volk! – Das ganze deutsche Volk einig bis auf den letzten Mann!

Sie, meine Herren kenne ihre Pflicht in ihrer ganzen Grösse. Die Vorlagen bedürfen keiner Begründung mehr. Ich bitte um ihre schnelle Erledigung.


31. Juli 1914

Der österreichische Kaiser Franz Joseph an Wilhelm II -

Wien-Schönbrunn, 31. Juli 1914

Ich beeile mich, Dir für Dein freundschaftliches Telegramm verbindlichst und wärmstens zu danken. Gleich, nachdem Dein Botschafter meiner Regierung gestern den Vermittlungsvorschlag Sir Edward Greys übermittelt hatte, ist mir die offizielle Meldung meines Botschafters m St. Petersburg zugekommen, wonach der Kaiser von Russland die Mobilisierung aller Militärbezirke an meinen Grenzen angeordnet hat. Graf Szögyeny meldet mir, Du hättest Kaiser Nikolaus in einzig treffender Weise schon gesagt, dass die russischen Rüstungen einzustellen seien, weil sonst die ganze Verantwortung für einen Weltkrieg auf seine Schultern falle. Im Bewusstsein meiner schweren Pflichten für die Zukunft meines Reiches habe ich d1e Mobilisierung meiner ganzen bewaffneten Macht angeordnet. Die im Zuge befindliche Aktion meiner Armee gegen Serbien kann durch die bedrohliche und herausfordernde Haltung Russlands keine Störung erfahren. Eine neuerliche Rettung Serbiens durch Rußlands Intervention müsste die ernstesten Folgen für meine Länder nach sich ziehen, und ich kann daher eine solche Intervention unmöglich zugeben. 


30. Juli 1914

Kanzler Bethmann Hollweg an den deutschen Botschafter in Wien, Tschirschky -

Der k. Botschafter in London telegraphiert: ...

Wir stehen somit, falls Österreich jede Vermittlung ablehnt, vor einer Konflagration, bei der England gegen uns, Italien und Rumänien nach allen Anzeichen nicht mit uns gehen würden und wir 2 gegen 4 Großmachte ständen. Deutschland fiele durch Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht des Kampfes zu. Österreichs politisches Prestige, die Waffenehre seiner Armee, sowie seine berechtigten Ansprüche Serbien gegenüber, könnten durch Besetzung Belgrads oder anderer Platze hinreichend gewahrt werden. Es würde durch Demütigung Serbiens seine Stellung im Balkan wie Rußland gegenüber wieder stark machen, Unter diesen Umständen müssen wir der Erwägung des Wiener Kabinetts dringend und nachdrücklich anheimstellen, die Vermittlung zu den angegebenen ehrenvollen Bedingungen anzunehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen wäre für Österreich und uns eine ungemein schwere.


29. Juli 1914

Generaloberst von Moltke an Reichskanzler Bethmann Hollweg -

Zur Beurteilung der politischen Lage.

Es ist ohne Frage, dass kein Staat Europas dem Konflikt zwischen Österreich und Serbien mit einem anderen als wie menschlichen Interesse gegenüberstehen würde, wenn in ihn nicht die Gefahr einer allgemeinen politischen Verwickelung hineingetragen wäre, die heute bereits droht, einen Weltkrieg zu entfesseln. Seit mehr als fünf Jahren ist Serbien die Ursache einer europäischen Spannung, die mit nachgerade unerträglich werdendem Druck auf dem politischen und wirtschaftlichen Leben der Völker lastet. Mit einer bis zur Schwäche gehenden Langmut hat Österreich bisher die dauernden Provokationen und die auf Zersetzung seines staatlichen Bestandes gerichtete politische Wühlarbeit eines Volkes ertragen, das vom Königsmord im eigenen zum Fürstenmord im Nachbarlande geschritten ist. Erst nach dem letzten scheußlichen Verbrechen hat es zum äußersten Mittel gegriffen, um mit glühenden Eisen ein Geschwür auszubrennen, das fortwährend den Körper Europas zu vergiften drohte. 


28. Juli 1914

Wilhelm II an Außenminister Jagow -

Nach Durchlesung der Serbischen Antwort, die ich heute Morgen erhielt, bin ich der Überzeugung, dass im Grossen und Ganzen die Wünsche der Donaumonarchie erfüllt sind. Die paar Reserven, welche Serbien zu einzelnen Punkten macht, können M. Er. nach durch Verhandlungen wohl geklärt werden. Aber die Kapitulation demüthigster Art liegt darin orbi et urbi verkündet, und durch sie entfällt jeder Grund zum Kriege. Dennoch ist dem Stück Papier, wie seinem Inhalt nur beschränkter Werth beizumessen, solange er nicht in die That umgesetzt wird. Die Serben sind Orientalen, daher verlogen, falsch und Meister im Verschleppen. Damit diese Schönen Versprechungen Wahrheit und Thatsache werden, muss eine douce violence geübt werden. Das würde dergestalt zu machen sein, dass Österreich ein Faustpfand (Belgrad) für die Erzwingung und Durchführung der Versprechungen, besetzte und solange behielte bis thatsächlich die petita5 durchgeführt sind. Das ist auch nothwendig um der zum 3ten Male umsonst mobilisierten Armee eine äussere satisfaction d'honneur zu geben den Schein eines Erfolges dem Ausland gegenüber, und das Bewusstsein wenigstens auf fremdem Boden gestanden zu haben ihr zu ermöglichen.

Ohnedem dürfte bei Unterbleiben eines Feldzuges eine sehr üble Stimmung gegen die Dynastie aufkommen die höchst bedenklich wäre. Falls Ew. Exz. diese meine Auffassung theilen, so würde Ich vorschlagen: Österreich zu sagen: Der Rückzug Serbiens in sehr demüthigender Form sei erzwungen, und man gratuliere dazu. Natürlich sei damit ein Kriegsgrund nicht mehr vorhanden. Wohl aber eine Garantie nöthig, dass die Versprechungen ausgeführt würden. Das würde durch die militärische vorübergehende Besetzung eines Theils von Serbien wohl erreichbar sein.

Ähnlich wie wir 1871 in Frankreich Truppen stehen Hessen bis die Milliarden gezahlt waren. Auf dieser Basis bin Ich bereit, den Frieden in Österreich zu vermitteln. Dagegenlaufende Vorschläge oder Proteste anderer Staaten würde ich unbedingt abweisen, umsomehr als alle mehr oder weniger offen an Mich appellieren den Frieden erhalten zu helfen. Das werde ich thun auf Meine Manier, und so schonend für das Österreich[ische] Nationalgefühl und für die Waffenehre seiner Armee als möglich. Denn an letztere ist schon bereits seitens des obersten Kriegsherrn appelliert worden, und sie ist dabei dem Appell zu folgen. Also muss sie unbedingt eine sichtbare satisfaction d'honneur haben; das ist Vorbedingung für meine Vermittlung. Daher wollen Ew. Exz. In dem skizzierten Sinne einen Vorschlag Mir unterbreiten; der nach Wien mitgeteilt werden soll. 8 Ich habe im obigen Sinne an Chef Generalstabes durch Piessen schreiben lassen, der ganz meine Ansicht theilt.


23. Juli 2014

Die österreichisch-ungarische Note an Serbien: -

Weit entfernt, die in der Erklärung vom 31. März 1909 enthaltenen formellen Verpflichtungen zu erfüllen, hat die königlich serbische Regierung nichts getan, um diese Bewegung zu unterdrücken. Diese Duldung, der sich die königlich serbische Regierung schuldig machte, hat noch in jenem Moment angedauert, in dem die Ereignisse des 28. Junis der ganzen Welt die grauenhaften Folgen solcher Duldung zeigten.

"Die königlich serbische Regierung verurteilt die gegen ÖsterreichUngarn gerichtete Propaganda, das heißt die Gesamtheit jener Bestrebungen, deren Ziel es ist, von der österreichisch-ungarischen Monarchie Gebiete loszutrennen, die ihr angehören, und sie bedauert aufrichtigst die grauenhaften Folgen dieser verbrecherischen Handlungen."


22. Juli 1914

Der russische Außenminister Sasonow an Schebeko, russischer Botschafter in Wien -

St. Petersburg,

Nach hierher gelangenden Gerüchten bereitet sich Österreich anscheinend vor, bezüglich der Sarajewoer Ereignisse in Belgrad einen Schritt mit verschiedenen Forderungen zu unternehmen. Wollen Sie freundschaftlich aber energisch den Außenminister auf die  gefährlichen Folgen aufmerksam machen, zu denen ein solcher Schritt führen kann, wenn er einen für die Würde Serbiens unannehmbaren Charakter tragen wird.

Aus meinen Aussprachen mit dem französischen Außenminister geht deutlich hervor, dass auch Frankreich, welches um die Wendung sehr besorgt ist, die die österreichisch-serbischen Beziehungen annehmen können, nicht geneigt ist, eine durch die Umstände nicht zu rechtfertigende Demütigung Serbiens zuzulassen.


21. Juli 1914

Maurice Georges Paléologue, französischer Botschafter am Zarenhof -

Endlich erscheint mein österreichisch-ungarischer Kollege, Graf Szaparyder Typus des ungarischen Edelmannes von tadelloser Haltung. Nach einigen Beileidsbezeugungen anlässlich des Ablebens von Erzherzog Franz Ferdinand richtet der Präsident an Szapary die Frage:

"Haben Sie Nachrichten aus Serbien?"

"Die gerichtliche Untersuchung ist im Gange", antwortet Szapary kalt.

Poincare beginnt aufs Neue: "Die Ergebnisse dieser Untersuchung erfüllen mich mit tiefer Besorgnis."

Szaparyerwidert trocken: "Wir können es nicht dulden, Herr Präsident, dass eine fremde Regierung auf ihrem Grund und Boden Vorbereitungen zu einem Anschlag auf unsere Souveränität zulässt!"

In friedfertigster Weise bemüht sich Poincare ihm klarzumachen, dass in Anbetracht der augenblicklichen Gemütsstimmung in Europa alle Regierungen nicht vorsichtig genug sein können.

"Mit etwas gutem Willen ist diese serbische Angelegenheit leicht zu ordnen. Aber sie könnte auch ebenso leicht ausarten. Serbien hat sehr warme Anhänger im russischen Volke. Und Russland hat einen Bundesgenossen, Frankreich. Was können sich da für Verwicklungen ergeben!"


17. Juli 1914

Botschaftsrat Stolberg an Kanzler Bethmann Hollweg -

Geheim!

Wie mir Graf Berchtold sagt, soll die Note, welche die an Serbien zu stellenden Forderungen enthält, am Donnerstag, den 23. d. M. nachmittags, in Belgrad überreicht werden. In dem Wunsche, die Angelegenheit möglichst zu beschleunigen, habe man das Datum um einige Tage verfrüht und den Tag der Abreise des Herrn Poincare aus St. Petersburg hierfür festgesetzt. Man rechnet damit, dass der Präsident sich bereits eingeschifft haben wurde, wenn die Belgrader Demarche in St. Petersburg bekannt werde.

Der Wortlaut der Note, so sagt mir der Minister, ist noch nicht definitiv festgestellt, und es finden noch Verhandlungen mit Graf Tisza statt; am Mittwoch, den 22. d. M., soll sie S. M. dem Kaiser Franz Joseph zur endgültigen Genehmigung vorgelegt werden.

Graf Berchtold liess die Hoffnung durchblicken, dass Serbien die Forderung Österreich-Ungarns nicht annehmen werde, da ein blosser diplomatischer Erfolg hierzulande wieder eine flaue Stimmung auslösen werde, die man absolut nicht brauchen könne.


16. Juli 1914

Der deutsche Botschafter in London, Lichnowsky an Außenminister Jagow -

Heutige Times bringt Leitartikel über Osterreich und Serben und verurteilt auf das Schärfste herausfordernde Haltung der Belgrader Presse, die der serbischen Sache die Sympathien des gebildeten Europas entfremdete. Das Blatt erwartet bereitwilliges Entgegenkommen serbischer Regierung zur Aufklärung des Verbrechens und Bürgschaft gegen fernere Unterstützung der revolutionären Bewegung. Gleichzeitig warnt das Blatt die Österreicher vor der Befolgung einer Politik, wie die militärischen Zeitschriften sie fordern, bei der alles zu verlieren und nichts zu gewinnen sei!. Die südslawische Frage, schwierigste aller österreichisch-ungarischen Probleme, könne niemals durch Gewalt gelöst werden oder durch Drohungen. Jeder Versuch in dieser Richtung würde vielmehr den europäischen Frieden gefährden. Die eigene Geschichte lehrt die Monarchie, wohin es führe, wenn sie die Politik der ruhigen Selbstbeherrschung verlasse. Ich wiederhole meine Auffassung, dass bei militärischen Maßnahmen gegen Serbien gesamte öffentliche Meinung gegen Osterreich-Ungarn Stellung nehmen wird.


15. Juli 1914

Aus dem Tagebuch von Josef Redlich -

Heute eine halbe Stunde bei Alek Hoyos: er sagt mir im größten Vertrauen, dass der Krieg so gut wie beschlossen sei. Aber man müsse Geduld haben, es seien gewichtige Grunde, hinauszuziehen. Er werde mir in 14 Tagen die geheime, höchst interessante Geschichte der letzten zwei Wochen erzählen Berchtold ist mit Tisza, Stürgkh, Buriam einig. Bilinski tut auch so! Der Kaiser selbst ist vollkommen bereit zum Kriege. Hoyos meint: "Wenn der Weltkrieg daraus entsteht, so kann uns das gleich bleiben." Deutschland ist völlig mit uns einverstanden. Hoyos sagt: "Wenn unsere Armee nichts taugt, dann ist die Monarchie ohnehin nicht zu halten, denn sie ist heute der einzige Zusammenhalt des Reiches." Die Mitteilungen, dass Conrad und Krobatln auf Urlaub gehen, sind zur Verschleierung unserer Absichten bestimmt. Die "Zeit" schreibt nach wie vor ganz "großserbisch". Benedikt von der "Neuen Freien Presse" ist bei Berchtold gewesen: die beiden sind wieder versöhnt! Lützow hat das, wie er selbst sagte, vermittelt. Hoyos klagt über Lützows mangelndes politisches Urteil Mérey in Rom ist an der Spitze der Kriegslustigen:

Ich sage Hoyos, ich wünschte nicht, daß die Selbständigkeit Serbiens durch uns beseitigt würde. Die Verkleinerung und Minderung seiner Unabhängigkeit wurde genügen Ob wir Rumänien etwas anbieten, ist zweifelhaft: ich glaube, es geschieht nicht! Hier in Wien glaubt niemand an die Möglichkeit eines Krieges: sehr auffallend sind die drei Krachtage an der Börse in der vorigen Woche und in dieser. Die völlige Passivität der Banken wird von mir darauf zurückgeführt, dass sie sich mobil erhalten müssen.


14. Juli 1914

Der deutsche Außenminister Jagow an Hans von Flotow - deutscher Botschafter in Italien -

Sollten die Resultate der Untersuchung über den Mord in Sarajevo Österreich-Ungarn zu ernsteren Maßnahmen gegen Serbien veranlassen, so hätten wir ebenso wie das übrige Europa das größte Interesse daran, einen hieraus sich eventuell ergebenden Konflikt zu lokalisieren. Dies hängt davon ab, dass die öffentliche Meinung in ganz Europa es ihren Regierungen ermöglicht, der Austragung der Differenz zwischen Österreich und Serbien untätig zuzusehen.

Hierzu ist es notwendig, dass auch in der dortigen Presse die Auffassung Raum gewinnt, bei diesem Konflikt handle es sich um eine Angelegenheit, die nur die beiden Beteiligten betrifft. Man könne es Österreich nicht verdenken, wenn es sich gegen die stete Bedrohung seines Bestandes durch Treibereien im Nachbarlande mit jedem Mittel zur Wehr setzt. Die Sympathien der gesamten Kulturwelt müssten in diesem Kampfe auf seiner Seite sein, da es sich darum handele eine Propaganda endgültig zu ersticken, die selbst vor Meuchelmord als Kampfmittel nicht zurückschreckt und durch die skrupellose und frivole Art ihrer Ausübung einen Schandfleck für die europäische Kultur und eine dauernde Gefahr für den europäischen Frieden bilde. Bitte in diesem Sinne tunlichst auf die dortige Presse einzuwirken, dabei aber sorgfältig alles zu vermeiden, was den Anschein erwecken könnte, als hetzen wir die Österreicher zum Krieg.


10. Juli 1914

Der deutsche Botschafter in Wien Tschirschky an Außenminister Jagow. Mit Anmerkungen von Wilhelm II. -

Tschirschky: "Über seinen gestrigen Vortrag bei Sr. M. dem Kaiser Franz Joseph in Ischl teilt mir Graf Berchtold nachstehendes mit: S. M. der Kaiser habe mit großer Ruhe die Sachlage besprochen. Er sei ganz unserer Ansicht, dass man jetzt zu einem Entschluss kommen müsse, um den unleidlichen Zuständen Serbien gegenüber ein Ende zu machen. Die Formulierung geeigneter Forderungen gegenüber Serbien bildet gegenwärtig hier die Hauptsorge."

Wilhelm: "Dazu haben sie Zeit genug gehabt!"

Tschirschky: "Die Frist zur Beantwortung müsse möglichst kurz bemessen werden, wohl 48 Stunden. Freilich würde auch diese kurze Frist genügen, um sich von Belgrad aus in Petersburg Weisungen zu holen. Sollten die Serben alle gestellten Forderungen annehmen, so wäre das eine Losung, die ihm 'sehr unsympathisch' wäre, und er sinne noch darüber nach, welche Forderungen man stellen könne, die Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen wurden."

Wilhelm: "Den Sandschack räumen! Dann ist der Krakehl sofort da, den muss Österreich unbedingt sofort wiederhaben, um die Einigung Serbiens und Montenegros und das Erreichen des Meeres seitens der Serben zu hindern."

Tschirschky: "Der Anregung der Kaiserlichen Regierung, schon jetzt die öffentliche Meinung in England im Wege der Presse gegen Serbien zu stimmen - worüber Graf Szogyeny telegraphiert hat - wird der Minister gern folgen. Nur müsse dies, seiner Meinung nach, noch vorsichtig gemacht werden, um Serbien nicht vorzeitig zu alarmieren. Der Kriegsminister wird morgen auf Urlaub gehen, auch Freiherr Conrad von Hotzendorf Wien zeitweilig verlassen. Es geschieht dies, wie Graf Berchtold mir sagte, absichtlich, um jeder Beunruhigung vorzubeugen."

Wilhelm: "Kindisch!"


9. Juli 1914

Alexander Konstantinowitsch von Benckendorff, russischer Botschafter in London an Außenminister Sazonow -

Ich hatte gestern eine Unterredung mit Grey, der er offenbar eine gewisse Wichtigkeit beilegt, denn er hatte mich bereits am Abend vorher ad hoc eingeladen. Hier gebe ich das Resümee. Einleitend sagte Grey, die Nachrichten, die er aus Wien erhielte, gefielen ihm nicht, die öffentliche Meinung erhitze sich sehr "Spirits run very high, higher than ever before."

Es sei die Rede von einer Demarche in Belgrad, von deren Inhalt er noch nichts wisse, aber man wolle Berchtold dazu drängen, "to put this foot down". Berchtold befinde sich in einer sehr schwierigen Lage, und er könne sich vielleicht als zu schwach für die Verhältnisse erweisen. Die serbische Presse habe anfangs unvorsichtige Artikel gebracht, und das kompliziere die Dinge für ihn. Ich fragte ihn, ob er nicht auf die friedliche Gesinnung des Kaisers Franz Joseph rechne, der, wie ich sicher glaubte, jetzt, wo er bereits mit einem Fuße im Grabe stehe, vor einem Kriege zurückschrecken würde.

Grey antwortete mir, man müsse unterscheiden zwischen Prestige - nie sei das des österreichischen Monarchen größer gewesen - und Autorität. Er habe stets die Beobachtung gemacht, dass nicht nur Monarchen, sondern auch Staatsmänner gegen das Ende ihrer Tage an Prestige gewönnen, was sie an Autorität einbüßten. Ich sagte ihm, Deutschland habe doch auch noch ein Wort mitzusprechen, und ich könne nicht glauben, dass Kaiser Wilhelm den Krieg wolle. Er erwiderte mir, er denke ebenso wie ich, obwohl seine Eindrücke von der Stimmung in Berlin, Eindrücke, die aus zahlreichen Quellen geschöpft sind, im Allgemeinen nicht sehr gut seien. Wahrend der letzten Jahre habe man dort dauernd von einer englischen oder russischen "Einkreisungspolitik" gesprochen, ohne wirklich daran zu glauben. Durch das Reden darüber habe sich die Überzeugung festgesetzt und mache Fortschritte.


8. Juli 1914

Aus dem Tagebuch des deutschen Diplomaten Kurt Riezler -

Botschaft Kaiser Franz Josef durch Hoyos überreicht. Hoyos bei Zimmermann: Vielleicht entschließt sich der alte Kaiser doch nicht, meint der Kanzler. Kommt der Krieg aus dem Osten, sodass wir also für Österreich- Ungarn und nicht Österreich-Ungarn für uns zu Felde zieht, so haben wir Aussicht, ihn zu gewinnen. Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über diese Aktion auseinander zu manövrieren.


7. Juli 1914

Aus dem Tagebuch des deutschen Diplomaten Kurt Riezler -

Gestern mit dem Reichskanzler herausgefahren. Das alte Schloss, die wundervollen ungeheuren Linden, die Alleen wie ein gotisches Gewölbe. Überall lastet noch der Tod der Frau. Melancholie und Beherrschung in Landschaft und Menschen Abends auf der Veranda unter dem Nachthimmel langes Gespräch über die Lage. Die geheimen Nachrichten, die er mir mitteilt, geben ein erschütterndes Bild. Er sieht die englisch-russischen Verhandlungen über eine Marinekonvention, Landung in Pommern sehr ernst an, letztes Glied in der Kette. Lichnowsky viel zu vertrauensselig. Der ließe sich von den Engländern hereinlegen. Österreich immer schwacher und unbeweglicher; die Unterwühlung von Norden und Südosten her sehr weit vorgeschritten.

Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen. Der Kanzler erwartet von einem Krieg, wie er auch ausgeht, eine Umwälzung alles Bestehenden. Das Bestehende sehr überlebt, ideenlos, "alles so sehr alt geworden". Heydebrand habe gesagt, ein Krieg würde zu einer Stärkung der patriarchalischen Ordnung und Gesinnung führen. Der Kanzler empört über solchen Unsinn. Überhaupt ringsherum Verblendung, dicker Nebel über dem Volke. In ganz Europa das gleiche. Die Zukunft gehört Russland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alb auf uns legt.
Der Kanzler sehr pessimistisch über den geistigen Zustand Deutschlands.

Elender Niedergang der politischen Oberfläche. Die Individuen als solche immer kleiner und unbedeutender, nirgends wird etwas Großes und Gerades gesagt. Versagen der Intelligenz, der Professoren.


3. Juli 1914

Aufzeichnung Leopold Graf Berchthold, Minister des Äußeren -

Im Laufe einer Unterredung mit dem deutschen Botschafter am 2. Juli [d. J.] habe ich auf die nunmehr durch das Drama von Sarajevo neuerlich zutage getretenen äußerst bedenklichen Folgen der systematischen großserbischen Wühlarbeit hingewiesen und hierbei bemerkt, dass diesem gefährlichen Treiben nur durch rücksichtsloses Vorgehen gegen Serbien ein Ende bereitet werden konnte. Dies sei ebenso sehr von unserem Interesse geboten wie von jenem Deutschlands. Die heutige Semliner Meldung, wonach 12 Mordbuben unterwegs seien mit der Absicht, ein Attentat auf Kaiser Wilhelm auszuüben, werde doch vielleicht in Berlin die Augen öffnen über die Gefahr, die von Belgrad aus droht. Herr von Tschirschky stellte letzteres nicht in Abrede und versicherte, dass seiner Ansicht nach, nur ein tatkräftiges Vorgehen gegen Serbien zum Ziele führen könne. Wie ich wisse, habe Deutschland mehrmals wahrend der Krise erklärt, dass es hinsichtlich der Balkanpolitik stets hinter uns stehen werde, wenn sich dies als notwendig erweisen sollte. Auf meine Bemerkung, dass mir dies wohl wiederholt versichert worden sei, dass ich aber in der Praxis nicht immer die Unterstützung des Berliner Kabinettes gefunden habe und daher nicht wisse, inwieweit ich auf dasselbe zahlen könnte, entgegnete der Botschafter, dass er - ganz privat gesprochen - die Haltung seiner Regierung damit erkläre, dass unsererseits viel von Ideen gesprochen werde, dass aber niemals ein fest umschriebener Aktionsplan formuliert werde und Berlin nur, im Falle ein solcher aufgestellt würde, voll und ganz für uns eintreten könnte.


2. Juli 1914

Kaiser Franz-Joseph an Kaiser Wilhelm II. -

Ich habe aufrichtig bedauert, dass Du genötigt warst, Deine Absicht, zur Trauerfeier nach Wien zu kommen, aufzugeben. Ich hätte Dir sehr gerne persönlich meinen herzlichen Dank für Deine wohltuende Anteilnahme an meinem schweren Kummer ausgesprochen. Du hast mir durch Dein warmes, mitfühlendes Beileid wieder bewiesen, dass ich in Dir einen treuen verlässlichen Freund besitze und dass ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann.

Es wäre mir auch sehr erwünscht gewesen, die politische Lage mit Dir zu besprechen; da dies jetzt nicht möglich gewesen ist, erlaube ich mir, Dir die anruhende von meinem Minister des Äusseren ausgearbeitete Denkschrift zu senden, die noch vor der furchtbaren Katastrophe in Sarajevo verfasst wurde und jetzt nach diesem tragischen Ereignisse besonders beachtenswert erscheint. Das gegen meinen armen Neffen verübte Attentat ist die direkte Folge der von den russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation, deren einziges Ziel die Schwächung des Dreibundes und die Zertrümmerung meines Reiches ist. Das Bestreben meiner Regierung muss in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein. Auch Du wirst nach dem jüngsten furchtbaren Geschehnisse in Bosnien die Überzeugung haben, dass an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und dass die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt.


1. Juli 1914

Aufzeichnung des ungarisch-österreichischen Diplomaten Graf Hoyos über eine Unterredung mit dem deutschen Journalisten Victor Naumann -

Der deutsche Publizist Dr. Victor Naumann hat heute bei mir vorgesprochen und seine Empörung über die furchtbare Bluttat von Sarajevo zum Ausdruck gebracht.
Hieran anknüpfend besprach Dr. Naumann die allgemeine politische Lage, indem er ausführte, man sei in Berlin über die russischen Rüstungen und die neuerlich für den Herbst beabsichtigte Mobilisierung einer großen russischen Truppenmacht sehr beunruhigt. Er selbst habe wahrnehmen können, dass man nicht nur in Armee- und Marinekreisen, sondern auch im Auswärtigen Amte der Idee eines Präventivkrieges gegen Russland nicht mehr so ganz ablehnend gegenüberstehe wie vor einem Jahre. Man habe sich mit England über Afrika und die portugiesischen Kolonien geeinigt, und der Besuch der englischen Flotte in Kiel sei zur Dokumentierung in der Besserung der Beziehungen arrangiert worden. Daher glaube man die Sicherheit zu haben, dass England in einen europäischen Krieg nicht eingreifen werde.


30. Juni 1914

Der deutsche Botschafter in Wien, Tschirschky, an Kanzler Bethmann Hollweg. Mit Anmerkungen von Wilhelm II. -

Graf Berchtold sagte mir heute, alles deute darauf hin, dass die Fäden der Verschwörung, der der Erzherzog zum Opfer gefallen sei, in Belgrad zusammenliefen. Die Sache sei so wohl durchdacht worden, dass man absichtlich ganz jugendliche Leute zur Ausführung des Verbrechens ausgesucht habe, gegen die nur mildere Strafe verhängt werden könne. Der Minister sprach sich sehr bitter über die serbischen Anzettelungen aus. Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden.


28. Juni 1914

Potiorek, Landeschef für Bosnien und Herzegowina an Leon Bilinski, gemeinsamer Finanzminister Österreich-Ungarns und Gouverneur von Bosnien und Herzegowina -  

Sarajewo
Bei heuriger Fahrt Sr. k. u. k. Hoheit Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand und Ihrer Hoheit der Herzogin Hohenberg gelang es trotz aller umfassend getroffenen Sicherheitsvorkehrungen einem hiesigen serbischen Typographen während der Fahrt über den Appelquai zunächst ein kleines Geschoss und dann eine größere Bombe gegen das Auto zu werfen, in welchem sich Se. k. u. k. Hoheit, Ihre Hoheit und ich befanden. Die Explosionen gingen fehl und es wurden nur in einem folgenden Auto mein Flügeladjutant Oberstleutnant von Merizzi, sowie Graf Boos-Waldeck und vermutlich auch einige Personen aus dem Publikum leicht verletzt. Bei der weiteren Fahrt vom Rathause wollte Se. k. u. k. Hohmt den sogleich in das Garnisonsspital gebrachten Oberstleutnant Merizzi besuchen. Auf dieser Fahrt schoss ein serbischer Mittelschüler aus unmittelbarster Nähe gegen das Auto und traf sowohl Se. k. u. k. Hoheit als auch Ihre Hoheit; ich liess das Auto in den in der Nahe befindlichen Konak fahren, wo ärztliche Hilfe sofort zur Stelle war, doch verschieden sowohl Se. k. u. k. Hoheit als auch Ihre Hoheit im Laufe der nächsten Viertelstunde.


26. Juni 1914

Der Tag - Morgenausgabe -

Der Kaiser an Bord des englischen Flaggschiffs!
Das Flaggschiff des zurzeit in Kiel ankernden englischen Geschwaders hatte gestern einen seltenen Gast an Bord: den deutschen Kaiser, der in seiner Eigenschaft als Großadmiral der britischen Flotte diesem modernen Großkampfschiff einen einstündigen Besuch abstattete. Unser nach Kiel entsandter Spezialberichterstatter entwirft von dem denkwürdigen Vorgang folgende durch Privattelegramm übermittelte anschauliche Schilderung.
Der Kaiser kam heute Mittag für eine Stunde zu unoffziellem Besuch an Bord des englischen Flaggschiffs "Georg V" wo der Admiral Warrender und die Kapitäne des Geschwaders ihn erwarteten. An Bord gab der Kaiser Weisung, seine Flagge eines "Admiral of the fleet" also eines englischen Großadmirals zu setze. Als dies geschehen war, setzte Warrender seine Flagge auf dem "Centurio", weil "Georg V" nunmehr einen rangälteren britischen Admiral trug.

Der Kaiser besichtigte das Schiff, das heißt er schritt die Reihen der Leute ab, ohne sich um die Geschütze oder sonstige Einrichtungen zu kümmern. Beiläufig gesagt, verfahren nach stillschweigendem, unausgespochenem Übereinkommen die englischen wie die deutschen Seeoffiziere bei gegenseitigen Besuchen ähnlich. 


12. Juni 1914

Aus den Memoiren des französischen Präsidenten Raymond Poincaré: - 

Abstimmung, Auszählung. Die Tagesordnung Dalimier hat mit 306 gegen 262 Stimmen den Vorzug erhalten. Das Kabinett ist gestürzt. In Ribots Gefolge verlassen die Minister die Sitzung mit der Feierlichkeit eines Leichenbegängnisses, als trügen sie eine totgeborene Idee zu Grabe. Nach ihrem Fortgehen wird die mörderische Tagesordnung mit 395 Stimmen angenommen. Dieser Marschbefehl richtet sich natürlich gegen mich. Kaum sind diese Nachrichten ins Elysee gelangt, so erscheint Ribot mit seinen Kollegen, den Ministern und Unterstaatssekretären, um mir ihre Gesamtdemission zu überreichen. Ich danke ihnen für ihre Hingebung und beglückwünsche sie zu ihrem Mute. Sobald ich mir wieder selbst überlassen bin, frage ich mich: Was fordert das höhere Interesse des Landes? Die Tagesordnung der Kammer ist eine Aufforderung an mich. Ist es meine Pflicht zu gehen oder zu bleiben?


5. Juni 1914

Aus dem Vorwärts, dem Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands -

Dass die Sozialdemokraten beim Kaiserhoch sitzen geblieben sind, das gefällt unseren Liberalen sicher nicht, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass es ihr gutes Recht ist. Sie sind Republikaner, sitzen im Reichstag, um ihre politische Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, und es ist von ihnen nicht zu verlangen, dass sie diese verbergen, weil es ihren Gegnern, zu denen auch wir gehören, so gefällt. Die frühere Art der Demonstration, das Davonlaufen, hatte einen komischen Anstrich; oft genug sind die Sozialdemokraten darob verspottet worden. Da ist es von ihrem Standpunkt aus verständlich, dass sie nach einer anderen Bekundung derselben Gesinnung gesucht haben. ... 

Wir sind keine Zeremonienmeister, der Reichstag kein Salon und kein Ball. Er ist ein Kampfplatz, auf dem die gegensätzlichen Anschauungen der politischen Parteien ausgetragen werden. Bedauerlich freilich bleibt es, dass diese Kämpfe auch vor der Person des Monarchen nicht halt machen. Aber die Konservativen sind die letzten, die sich darüber beklagen können. Dies umso weniger, als gerade in letzter Zeit die politische Reaktion herausfordernder als je geworden ist. Eine neue Verfolgungsära gegen alle Zweige der Arbeiterbewegung hat eingesetzt. Ist es da ein Wunder, wenn die Sozialdemokratie ihre Antwort verschärft.


29. Mai 1914

Oberst House, Berlin, an Präsident Woodrow Wilson -

Die Lage ist ungewöhnlich. Es herrscht der völlig toll gewordene Militarismus. Wenn nicht jemand, der in Ihrem Namen handelt eine Verständigung auf ganz neuem Grunde zustande bringt, so wird es eines Tages zu einer fürchterlichen Katastrophe kommen. Niemand in Europa vermag es zu vollbringen. Es herrscht hier zu viel Hass, zu viel Eifersucht. Wenn England jemals damit einverstanden ist, werden Frankreich und Russland über Deutschland und Österreich herfallen. England möchte Deutschland nicht gänzlich zerschmettert sehen, denn es hätte dann mit seinem alten Feinde Russland zu rechnen; aber wenn Deutschland auf einer überwältigenden Flotte besteht, wird England keine Wahl haben. Die beste Aussicht auf Frieden bietet eine Verständigung Englands und Deutschlands über die Flottenrüstungen, wenn auch eine zu starke Annäherung zwischen den beiden für uns einen gewissen Nachteil bedeutet.


22. Mai 1914

Der deutsche Botschafter in Wien, Tschirschky, an Außenminister Jagow: -

Wie oft lege ich mir in Gedanken die Frage vor, ob es wirklich noch lohnt, uns so fest an dieses in allen Fugen krachende Staatengebilde anzuschließen und die mühsame Arbeit weiter zu leisten, es mitfort zuschleppen. Aber ich sehe noch keine andere politische Konstellation, die uns einen Ersatz für das immerhin noch vorhandene Plus bieten könnte, das in der Allianz mit der mitteleuropäischen Macht liegt. Denn ohne diese Allianz müsste unsere Politik notgedrungen auf eine Aufteilung der Monarchie hinzielen. Ob wir dafür carte blanche von England erhalten würden, selbst wenn dieses mit uns in ein wirklich festes Verhältnis hätte gebracht werden können, ist zu bezweifeln, ebenso auch, ob eine Angliederung der deutschen Provinzen an uns auf die Dauer für uns günstig wirken würde. Die Frucht muss, wie mir scheint, noch weiterreifen. Die Zeit wird am besten zeigen, ob es jemandem noch gelingen wird, die desparaten Kräfte der Länder der Monarchie wieder stärkend zusammen-zufassen. Misslingt dieser Versuch, so wird dann sicherlich die Decomposition sehr schnell vor sich gehen und wir müssen dann unsere Politik danach einrichten.


15. Mai 1914

Gottlieb von Jagow, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, erinnert sich an eine Autofahrt -

Anlässlich der Geburtstage des Kaisers von Russland und Königs von England fanden zu Ehren derselben Déjeuners bei unseren Majestäten im neuen Palais zu Potsdam statt. Bei einem derselben an dem auch der Generalstabschef v. Moltke teilnahm, sagte mir dieser, er würde gern mit mir einiges besprechen, ob ich nicht in seinem Automobil mit ihm nach Berlin zurückfahren wollte. Ich nahm die Einladung an.

Unterwegs entwickelte mir Moltke seine Auffassung unserer militärischen Lage. Die Aussichten in die Zukunft bedrückten ihn schwer. In 2-3 Jahren würde Russland seine Rüstungen beendet haben. Die militärische Übermacht unserer Feinde wäre dann so groß, dass er nicht wüsste, wie wir ihrer Herr werden könnten. Jetzt wären wir ihnen noch einigermaßen gewachsen. Es bleibe seiner Ansicht nach nichts übrig, als einen Präventivkrieg zu fuhren, um den Gegner zu schlagen, so lange wir den Kampf noch einigermaßen bestehen könnten. Der Generalstabschef stellte mir demgemäß anheim, unsere Politik auf die baldige Herbeiführung eines Krieges einzustellen.


8. Mai 1914

Deutscher Reichstag 252. Sitzung -

Präsident: "Wir treten in die Tagesordnung ein. Ich rufe auf die Anfrage Nr. 158, Dr. Müller (Meiningen). Das Wort hat der Herr Abgeordnete Dr. Müller (Meiningen)."

Dr. Müller: "Ist es richtig, dass zur Verhütung von Ehen von christlichen Negermädchen mit nichtchristlichen Männern auf gewissen Missionsstationen Deutsch-Ostafrikas die Verhängung der Prügelstrafe gegen 'größere', das heißt heiratsfähige Mädchen angewendet wird, und was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um diesem Missstande ein Ende zu machen?"

Präsident: "Zur Beantwortung der Anfrage hat das Wort der Herr Direktor im Reichskolonialamt, Dr. Gleim."

Dr. Gleim: "Über die erwähnten Vorgänge ist bisher amtlich nichts bekannt geworden. Nach deutschostafrikanischen Zeitungsberichten vom März des Jahres sollen indessen auf einer Missionsstation im Mahengebezirk zu dem in der Anfrage gegebenen Zwecke Prügelstrafen an eingeborenen heiratsfähigen Mädchen vollzogen worden sein. Sollten sich die behaupteten Tatsachen bewahrheiten, so wird dafür Sorge getragen werden, einer Wiederholung derartiger Verstöße gegen bestehende Vorschriften vorzubeugen."

Präsident: "Ich rufe auf die Anfrage Nr. 159 (Mendel). Das Wort hat der Abgeordnete Mendel."

Mendel: "Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dass bei einer in Berlin veranstalteten 'theatralischen Aufführung des Hilfsbundes gegen die Fremdenlegion', die in Frankreich große Missstimmung erregt hat, aktive Angehörige des deutschen Heeres in Uniform mitgewirkt haben, und was gedenkt er zu tun, um solchen Vorkommnissen in Zukunft vorzubeugen?"

Präsident: "Zur Beantwortung der Frage hat das Wort der Herr Direktor im Reichsamt des Innern, Dr. Lewald."

Dr. Lewald: "Nach den über den Vorfall eingezogenen Erkundigungen hat der Hilfsbund gegen die Fremdenlegion am 30. April 1914 im Eispalast in der Lutherstraße ein Wohltätigkeitsfest veranstaltet, wobei unter Nr. 5 des Programms ein vaterländisches Ausstattungsstück 'Die Wacht am Rhein' in der Form lebender Bilder dargestellt wurde. Bei diesen Bildern, von denen zwei mit der Fremdenlegion in Zusammenhang stehen, sind Angestellte des Eispalastes in einer der Uniform der Fremdenlegion ähnlichen Uniform aufgetreten. Die Reichsleitung hat bereits in der Vergangenheit darauf hingewirkt, dass bei öffentlichen Aufführungen die Verwendung derartiger, zu bedauerlichen Missverständnissen Anlass bietenden Uniformen unterbleibt. Die französische Regierung hat analoge Maßnahmen hinsichtlich der Verwendung von deutschen Uniformen bei Aufführungen in Frankreich getroffen."


1. Mai 1914

Aus dem Vorwärts - dem Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands -

In Deutschland, in Russland, in Österreich und infolge der Rückwirkung auch in anderen Ländern werden die Lasten für den bewaffneten Frieden von Budget zu Budget immer drückender. Die nationalistische Hetze nimmt immer mehr überhand, unterstützt durch eine verbrecherische Pressecampagne, die sich bemüht, in den Massen die Angst vor den Nachbarn zu erzeugen. Frankreich rüstet aus Furcht vor Deutschland, Deutschland rüstet aus Furcht vor Russland. Und die anderen Regierungen, von der Ansteckung gepackt, folgen aus Furcht vor einer allgemeinen Konflagration. Die Folge davon ist, dass die Herrschenden der kapitalistischen Gesellschaft vor ihrem eigenen Werk selber in Schrecken geraten. Und zwischen dem Wunsch, Ablenkungen zu finden, und der Gefahr, die Schultern der Völker allzu sehr zu belasten, beginnen sie sich schließlich zu fragen, ob sie nicht mit eherner Notwendigkeit der Schrecklichsten aller Katastrophen entgegen gehen.


24. April 1914  

Die "Kaiserrede" von Alfred Hugenberg -

Alfred Hugenberg beim Festmahl des Essener Bergbauvereins: "Unser erstes Glückauf gilt bei diesem Mahle wie immer dem Kaiser und König. Indem wir seiner gedenken, gedenken wir unwillkürlich zugleich unseres Landes und Volkes, dessen oberster Kriegsherr und Spitze, dessen lebendige Verkörperung er uns ist. Das Glückauf an den Kaiser schließt den Gedanken an die deutsche Zukunft ohne weiteres in sich. Und wir würden leichtfertig sein, wenn wir verkennen wollten, dass dieser Gedanke heute nicht mehr so frei von Sorge ist, wie er es Jahrzehnte hindurch für die meisten Deutschen war. Wir sehen allerlei dunkle Wolken am nahen und fernen Horizont und wissen nicht, was dahinter steckt.

Aber das eine wissen wir: Wenn es entgegen unseren Wünschen wirklich einmal dazu kommen sollte, dass das Barometer auf Sturm steht, so darf und wird uns das nicht als eine böse Schickung erscheinen, vor der wir uns unterducken, sondern im Sinne des Goetheschen Wortes: 'dem Schnee, dem Regen, dem Wind entgegen' als eine befreiende Kraftprobe, hinter der uns ein klarerer und weiterer Himmel und die Möglichkeit winkt, an unsere politische und wirtschaftliche Zukunft sehr viel größere Maßstäbe anzulegen, als wir es bisher in unserer Bescheidenheit getan haben."


 

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