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Kalenderblatt | Beitrag vom 17.04.2019

100. Geburtstag von Chavela VargasSängerin mit dem Durst auf Nacht und Mond

Von Victoria Eglau

Nahaufnahme von Chavela Vargas während eines Konzertes: Sie singt mit geschlossenen Augen und wird von rotem Licht angestrahlt, der Hintergrund ist dunkel. (dpa picture alliance/ Everett Collection/ Music Box)
Sängerin Chavela Vargas rauchte schon als junge Frau Zigarren und trank Tequila. In ihrer Heimat Costa Rica eckte sie mit solchen Verhaltensweisen zu sehr an. (dpa picture alliance/ Everett Collection/ Music Box)

Chavela Vargas feierte ihre ersten Erfolge in Cabarets von Mexiko-Stadt. Sie setzte sich mit Rancheras durch, traditioneller Musik, bisher eine Männerdomäne. Es folgten Partys und Alkoholsucht. Und ein großes Comeback, auch dank Regisseur Pedro Almodóvar.

Es war der Beginn einer unglücklichen Kindheit und eines legendären Künstlerlebens: Am 17. April 1919 wurde in Costa Rica das Mädchen María Isabel Anita Carmen de Jesús Vargas Lizano geboren. Die zukünftige Sängerin, die unter dem Namen Chavela Vargas berühmt werden sollte, wuchs bei Verwandten auf, nachdem sich ihre Eltern hatten scheiden lassen, und erkrankte in jungen Jahren an Polio. Ihre Biografin María Cortina: "Als sie mir von ihrer Kindheit und dem erlebten Schmerz erzählte, habe ich sie zum ersten Mal weinen sehen."

Mit 17 Jahren ging Chavela Vargas nach Mexiko. Sie war anders als andere junge Frauen ihrer Zeit, trug Hosen, rauchte Zigarren und trank Tequila. In ihrem Geburtsland Costa Rica war sie eine Außenseiterin gewesen. Auch Mexikos Gesellschaft war konservativ, doch bot sie Chavela Vargas mehr Freiheiten. Sie begann, Rancheras zu singen – traditionelle Musik, die eigentlich eine Männerdomäne war. Vargas entwickelte einen ganz eigenen, gefühls- und temperamentgeladenen Stil. Mehr als ihre Gitarre und ihre raue, facettenreiche Stimme brauchte sie nicht, um in den Cabarets der mexikanischen Hauptstadt erste Erfolge zu feiern.

"Schon immer wollte ich Träume verwirklichen"

Chavela Vargas war 30, als sie sich ganz der Musik verschrieb und eine professionelle Karriere startete. In den 1950er-Jahren trat die Ranchera-Sängerin regelmäßig im mondänen Badeort Acapulco auf und nahm dort an ausschweifenden Fiestas der Bohème teil. Sie verkehrte mit Hollywood-Stars und vielen mexikanischen und lateinamerikanischen Künstlern.

Jahre später sagte Vargas in einem Interview: "Man nennt uns Künstler Bohemiens. Aber ich fühle mich nicht als Teil der Bohème. Ich bin mit einem Durst auf die Nacht, auf den Mond, auf Träume zur Welt gekommen. Schon immer wollte ich Träume verwirklichen. Am Ende einer schlaflosen Nacht verfolge ich einen Traum, und in mir klingt eine Note, die mich nicht loslässt."

Comeback in der 90er-Jahren

Zu Chavela Vargas' Bekanntenkreis gehörte das Maler-Ehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera. Kahlo und Vargas verband nicht nur Freundschaft, sondern wohl auch eine Liebesaffäre. Mit ihren Rancheras und Boleros war Chavela Vargas in Mexiko erfolgreich, aber wegen ihrer sexuellen Orientierung wurde sie auch stigmatisiert. Als sie immer stärker dem Alkohol verfiel, wurde es ruhig um sie – viele Jahre lang trat sie nicht auf.

Dass ihr in den 90er Jahren ein Comeback gelang, hatte sie auch dem spanischen Regisseur Pedro Almodóvar zu verdanken, der Vargas in mehreren seiner Filme singen ließ. Mit über 70 Jahren feierte Vargas ihre größten Triumphe, gab legendäre Konzerte und nahm die meisten ihrer vielen Platten auf. Ihre gebrochene Stimme, die von Liebe und Verlust sang, begeisterte ihr früheres Publikum genauso wie neue Fans. "Ich bin stolz darauf, dass ich mit meinem Gesang die Stille erreiche, die jedem Menschen innewohnt - und diese Stille brechen kann. In Buenos Aires stand ich auf der Bühne und 1.500 Personen haben geweint, eine brutale Katharsis! Das war, als ich Paloma Negra gesungen habe."

Chavela Vargas starb am 5. August 2012 mit 93 Jahren in ihrer Wahlheimat Mexiko. Über ihr Leben hatte sie selbst in einem Interview gesagt: "Freiheit, Ehrlichkeit und Mut haben es geprägt. Ich bin dem Leben von Angesicht zu Angesicht gegenübergetreten."

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