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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.05.2015

10 Jahre Holocaust-Mahnmal"Es ist ein Teil von Berlin geworden"

Von Anke Schäfer

Eine Frau mit buntem Hut steht am 09.12.2013 in Berlin im Nieselregen zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin.  (picture alliance / dpa / Teresa Fischer )
Kein heiliger, sondern ein ganz profaner Ort, sagt Peter Eisenman. (picture alliance / dpa / Teresa Fischer )

Am 10. Mai wird das Berliner Holocaust-Mahnmal zehn Jahre alt. Zu Anfang heftig umstritten, hat es sich zum Besuchermagneten entwickelt. Der Architekt Peter Eisenman ist zum Geburtstag angereist und freut sich, dass das Denkmal so gut angenommen wird.

In New York lebt er - jetzt ist er nach Berlin geflogen, der amerikanische Architekt Peter Eisenman, um zehn Jahre Holocaust-Mahnmal zu feiern. Dieses Jahr wird er 83 und das Holocaust-Mahnmal gehört zu seinen wichtigsten Werken:

"Dass die Leute dieses Denkmal nicht mehr in Frage stellen würden, hätte ich nicht vorhergesehen. Als ich jetzt drüber gelaufen bin, fand ich, dass es sehr erfolgreich ist! Denn es kommen viele Menschen, die gar nichts über den Holocaust wissen. Und - so ist es ein Teil von Berlin geworden."

Verstecken spielen

Dass es da Leute gibt, die auf den Stelen Picknick machen, auch mal laut sind - und dass es da Kinder gibt, die Verstecken spielen, das stört ihn überhaupt nicht:

"Ich denke – wenn ein Kind nach Hause kommt und gefragt wird: Wo warst du heute? Und das Kind sagt – ich war beim Holocaust-Mahnmal und es war ein toller Tag! Dann gibt es doch nichts Besseres! Egal, was die Geschichte der Eltern oder Großeltern sein mag. Ein Kind, das da rumrennt – das finde ich wunderbar! Ich möchte, dass es ein Teil des Alltags ins Deutschland ist – kein heiliger Ort! Ein ganz profaner Ort!"

Nur – es stellt sich natürlich die Frage: Sollten die Besucher – und auch die Kinder - nicht verstehen – worum es hier auf diesem Stelenfeld geht?

"Man kann Menschen nicht zwingen, etwas zu verstehen. Wenn die Kinder kommen und sagen – was für ein komischer Ort! Sieht nicht aus wie ein Hotel, nicht wie eine Kirche, nicht wie eine Schule – dann fragen sie die Eltern und dann bekommen sie eine Antwort. Man muss sie nicht schon im Vorhinein anweisen, wie sie zu sein haben, dass sie zum Beispiel ganz ernst zu sein haben. So sollte man Erinnerung nicht leben. Wenn sie aber sagen – was für ein seltsamer Ort und selbst die Antwort wollen – dann ist das besser!"

Ein Riss in einer Betonstele im Holocaust-Mahnmal in Berlin. (picture alliance / dpa)Risse in einer Betonstele am Holocaust-Mahnmal in Berlin. (picture alliance / dpa)

Risse im Beton

Allerdings hat das Denkmal ein Problem – über dieses Problem will Uwe Neumärker, der Direktor der Stiftung Denkmal für Ermordeten Juden Europas nicht sprechen – aber dann muss er doch. Es gibt da diese Risse im Beton. Fast alle Stelen sind betroffen, viele müssen gar mit Eisenmanschetten gesichert werden, weil sie sonst schlimmstenfalls auseinander zu fallen drohen. Was tut die Stiftung, um Abhilfe zu schaffen?

Uwe Neumärker: "In den kommenden Wochen werden weitere technische Untersuchungen anfangen. Temperaturmessungen. Für den Zeitraum eines Jahres. Gleichzeitig werden wir in den nächsten Monaten beginnen – etwa zehn Stelen probeweise zu sanieren."

Es sind offenbar die Temperaturschwankungen in Berlin, die den Beton reißen lassen. Alle halbe Jahr muss das Stelenfeld auf seinen Zustand hin untersucht werden, die Stiftung muss ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen. Bisher besteht aber keine Gefahr für die Besucher. Und für Peter Eisenman – gehören die Risse zum Denkmal dazu:

"Jeder weiß doch, dass Beton reißt. Wir wussten das auch. Gebäude verwittern. Holz macht Probleme. Stahl macht Probleme - er rostet. Material verändert sich eben. Genau wie wir uns verändern. Der generelle Eindruck des Stelenfelds ist für mich immer noch fantastisch, wie neu. Ich würde sagen - die Menschen sehen die Risse doch gar nicht. Und ich würde mir wünschen, dass wir aufhören, uns über diese Risse Sorgen zu machen, denn die werden einfach bleiben."

Das mag schon sein, dass wir weiterhin mit den Rissen leben müssen und auch können. Dennoch steht die Sanierung an – was sie kosten wird, ist noch unklar. Und – dass die Risse im Beton den Mahnmalbesuchern nicht auffallen würden, wie Peter Eisenman meint - das stimmt so nicht.

Besucherreaktionen: "Ich mache mir Gedanken – wie das in so kurzer Zeit passieren kann!" – "Vielleicht passt das ja sogar ... Der Verfall."  – "Also: Ich verstehe nicht, warum das Risse bekommt! Wenn man sowas macht, dann soll man es schon ordentlich machen – damit es auch dauerhaft ist!"

Mehr zum Thema:

Holocaust - Violinen jüdischer Besitzer als lebendiges Mahnmal
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 27.01.2015)

Holocaust-Mahnmal - "Beton ist das einzig denkbare Material"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 22.05.2014)

Holocaust-Mahnmal - "Originalschauplätze sind viel authentischer als Steinstelen"
(Deutschlandfunk, Interview, 22.05.2014)

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