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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 14.01.2006

10.000 Kilometer der Sonne entgegen

Eine Lange Nacht über die Eroberung Sibiriens und Alaskas

Von Uli Hufen

Fort Ross, Rotschew Haus (Robin Joy, Park Interpretive Specialist, Fort Ross State Historic Park)
Fort Ross, Rotschew Haus (Robin Joy, Park Interpretive Specialist, Fort Ross State Historic Park)

Das Grauen kennt viele Formen. Für amerikanische Touristen in Nordkalifornien kann es zum Beispiel die Gestalt eines großen, rotbraun schimmernden Blockhauses annehmen. 16 Meter lang, acht Meter breit. Sechs Zimmer, ein Vestibül. 100 Kilometer nördlich von San Francisco steht dieses Haus, auf einem Plateau über dem pazifischen Ozean.

An der ganzen amerikanischen Westküste, von San Francisco bis nach Alaska, gibt es kein älteres Haus als dieses, das nach seinem letzten und berühmtesten Bewohner bis heute Rotschew-Haus heißt. Und Alexander Gawrilowitsch Rotschew war, wie der Name klar macht, Russe.

Nach Amerika aber kam Rotschew nicht als Emigrant, wie nach ihm so viele, sondern als Entdecker und Administrator. Rotschew war von 1838 bis 1841 Direktor der russischen Niederlassung Fort Ross. Fort Ross aber markierte nichts anderes als den geografischen Endpunkt der Eroberung Sibiriens und Alaskas durch russische Jäger, Kosaken, Fallensteller, Soldaten, Seeleute und Wissenschaftler. Ein epochaler Eroberungs- und Entdeckungszug.

Begonnen hatte alles im Jahre 1581, als der Kosakenataman Jermak Timofejew im Auftrag der Händlerdynastie Stroganow loszog, um das Khanat von Sibir zu erobern. Für eine Handvoll Rubel. Dass ihr kleines militärisches Abenteuer welthistorische Bedeutung erlangen würde – davon ahnten Jermak und seine Kosaken nichts. Für sie war Sibirien ein kleines Khanat hinter dem Ural, spätes Überbleibsel der Großen mongolischen Horde.

70 Jahre später standen russische Jäger und Soldaten am Ufer des Pazifischen Ozeans. Was hinter ihnen lag war klar: die unermessliche Weite Sibiriens, Tausende Kilometer Wald, riesige Flüsse, enorme Strapazen, Blut und viele Tote. Vor ihnen lag das Unbekannte: Am Ufer des Ozeans fragten die Russen ihre Eingeborenen Führer, was da vor ihnen läge. Die Antwort war: "Penzhin" – das "Große Wasser". Hinter dem "Großen Wasser" aber lag das mythische "Große Land" – Alaska.

Bis es soweit war, sollten fast 100 Jahre vergehen. 1741 erreicht Vitus Bering im Rahmen der Großen Nordischen Expedition Alaska, 1785 wird die erste permanente russische Niederlassung in Alaska gegründet, 1812 errichtet die Russisch Amerikanische Kompanie Fort Ross. In Petersburg werden Träume von einem pazifischen Imperium geträumt: Hawaii und Alaska, Kalifornien und Kamtschatka, sogar Melanesien könnte zum Russischen Imperium gehören.

Doch das Klima, die Entfernungen und die europäischen Konkurrenten im Nordatlantik machen diesen Plänen den Garaus. Die Kosten sind zu hoch, der Nutzen zu gering und ohnehin hat Russland in Europa alle Hände voll zu tun. Als 1841 Fort Ross für 30.000 Piaster an den schweizerisch-kalifornischen Farmer John Sutter verkauft, ist die Geschichte von Russisch Amerika noch nicht zu Ende. Doch die Zeichen der Zeit sind deutlich: 1844 überqueren die ersten amerikanischen Siedler die Sierra Nevada. 1848 wird bei Sutters Mühle Gold gefunden, der kalifornische Goldrausch beginnt. Am 9. September 1850 wird aus einer spanisch-mexikanischen Provinz der 31. Staat der USA: Kalifornien. Dass aber alles auch ganz anders hätte kommen können, daran erinnert die Touristen in Nordkalifornien heute Alexander Rotchevs rotbraunes Blockhaus.

Internetseiten:

Fort Ross: State Historic Park

Meeting of Frontiers ist eine zweisprachige digitale Multimediabibliothek (Russisch-Englisch), die zwei Geschichten erzählt:
· die parallele Erforschung und Besiedelung des amerikanischen Westens und von Sibirien
· das Aufeinandertreffen von Russen und Amerikanern in Alaska und im Nord-West Pazifik

Gesprächspartner:

Prof. Dittmar Dahlmann, Universität Bonn

Zitate Prof. Dahlmann:

"Dieser Expansionsprozess, der dann relativ rasch ja abläuft, läuft entlang an Flusssystemen, daran orientieren sich die vordringenden Russen, und an diesen Flusssystemen zumeist, teilweise aber auch in den Tundra und Taigagebieten lebten eben einheimische Stämme, die indigene Bevölkerung Sibiriens. Keinesfalls einheitlich von ihrer Zahl her: teilweise sehr kleine Ethnien, wie man das heute nennt, also Völker: Es waren zum Teil finno-ugrische Stämme, die eigentlich Ureinwohner dieser Gegenden, die wir ja sogar noch aus dem Petersburger Raum kennen, also Komi und Wogulen, wie sie damals hießen. Daneben eben Tungusen und Jakuten und oben ganz im Norden so genannte paleo-asiatische oder paleo-sibirische Stämme, also nach der Sprachzugehörigkeit klassifiziert – wie die Tschuktschen, die Korjaken, die Itelmenen auf Kamtschatka, die die Russen Kamtschadalen nennen."

"Der Expansionsprozess der Russen ist durchaus auch in ziemlich gewalttätiger Form vor sich gegangen. Die Menschen, die den Expansionsprozess vorangetrieben haben, die Kosaken oder die Händler waren im Wesentlichen am schnellen Gewinnmachen, an der schnellen Beute interessiert. Die Form der russischen Verwaltung in diesem riesigen Territorium war sehr gering, es gab einige Zentren wie Irkutsk, wie Jakutsk, wie Jennisejsk, aber diese Orte lagen teilweise ja doch sehr weit von den entsprechenden Operationsgebieten entfernt und der Prozess ist durchaus äußerst blutig gewesen. Vielleicht nicht in dem Maße, wie man das aus den spanischen Eroberungen in Mittel- und Südamerika kennt, aber durchaus auch vergleichbar mit dem Vordringen der Weißen in den USA und in Kanada. Ein blutiger Prozess."

"Das Pelzgeschäft und späterhin das Geschäft mit Fellen und allem was aus diesen Meerestieren hervorkam, war für das russische Reich im ganzen 18. und auch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von ganz entscheidender Bedeutung. Ein Teil der Möglichkeiten, auch der materiellen Möglichkeiten des Russischen Reiches stammte eben aus diesen Erträgen, die man aus Sibirien bekam. (…) Man muss das ganz klar und deutlich sagen: ohne Sibirien wäre Russland wohl kaum der Aufstieg zu einer der wichtigen Großmächte in der Mitte des 18. Jahrhunderts, seit Peters I. Zeiten bis ins 20. Jahrhundert gelungen."

"Also es gibt am Ende des 18., am Anfang des 19. Jahrhunderts solche Ideen, die auch bis ins St. Petersburger Außenministerium vordringen, ja nun ein pazifisches Kolonialreich zu schaffen, das also Hawaii umfassen soll als auch sich bis nach Melanesien und Polynesien erstrecken soll. Die entsprechenden visionären Denker versuchen in immer neuen Denkschriften, das dem Petersburger Außenministerium schmackhaft zu machen und darauf hinzuweisen, welche Möglichkeiten man damit für das Imperium gewinnen würde. Das hat etwas Faszinierendes an sich, wenn man sich heute vorstellt etwa, dass Hawaii ein Teil des Russischen Reiches ist, also ein Teil der Russischen Föderation."

Literatur:
· W. Bruce Lincoln: Die Eroberung Sibiriens, München 1996
· S. A. Gladkov: Geschichte Sibiriens, Regensburg 2003
· Die Große Nordische Expedition von 1733 bis 1743. Aus Berichten der Forschungsreisenden Johann Georg Gmelin und Georg Wilhelm Steller. München 1990
· Basil Dmytryshyn: Russia's Conquest of Siberia 1558-1700: A Documentary Record Vol 1
· Basil Dmytryshyn: Russian Penetration of the North Pacific Ocean, 1700-1797: A Documentary Record: Vol 2
· Basil Dmytryshyn: Russian American Colonies, 1798-1867: A Documentary Record, Vol 3

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Externe Links:

Fort Ross: State Historic Park
Meeting of Frontiers
Dittmar Dahlmann

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