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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.09.2009

Zwischen sakraler Kunst und propagandistischem Missbrauch

Wolfgang Ullrich: "Uta von Naumburg. Eine deutsche Ikone"

Von Susanne Mack

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Dom zu Naumburg (Tourist- und Tagungsservice Stadt Naumburg)
Dom zu Naumburg (Tourist- und Tagungsservice Stadt Naumburg)

Wolfgang Ullrich befasst sich in seinem Buch "Uta von Naumburg" mit der historischen Wiederentdeckung eines vergessenen Gotteshauses und dem Missbrauch sakraler Kunst zum Zwecke deutschnationaler Propaganda.

"In Naumburg zeichneten wir im Dome, auf derselben Kanzel, wo Martin Luther gepredigt hatte. Die großen Statuen sind durch Natürlichkeit und den einfachen Faltenwurf merkwürdig. Was die Frage aufwirft, wie, wann und wo und wer jener Meister."

Eine Tagebuchnotiz aus dem Jahr 1802. Von Gottfried Schadow, dem wohl bedeutendste Bildhauer des deutschen Klassizismus.

Schadow ist eine Ausnahme unter den deutschen Geistesgrößen seiner Zeit, einer der wenigen, der den Naumburger Dom und seinen Skulpturen überhaupt Beachtung schenkt. - Novalis zum Beispiel war mehrfach in Naumburg, aber nie im Dom. Goethe ist einmal dort gewesen, war wenig beeindruckt und hat von den Stifterfiguren keine Notiz genommen.

Wolfgang Ulrich hat eine Erklärung für dieses "klassische Desinteresse" am Naumburger Dom: Die steinernen Stifterfiguren entsprachen nicht dem ästhetischen Geist des Klassizismus. Denn wahre Bildhauerkunst, so der Philosoph Hegel in seiner berühmten "Ästhetik", habe die Ideale der menschlichen Gattung in Stein zu meißeln. Darum müsse der Künstler sich enthalten, den Mamorgesichtern "unidealische Gefühle" einzuschreiben:

"Als unerlaubte Mienen nennt Hegel 'Demut, Trotz, Drohung, Furcht'. Das Herausarbeiten von Mienen dieser Art ist jedoch gerade ein Hauptmerkmal der Naumburger Werkstatt."

Naumburg an der Saale zur Goethezeit war ein verschlafenes Nest, eine Poststation auf dem Weg zwischen Weimar und Leipzig.

"Niemand hätte ahnen können, dass Naumburg etwas mehr als ein Jahrhundert später als 'Stadt der steinernen Wunder' bezeichnet werden würde, in die jährlich Zehtausende der Stifterfiguren wegen pilgern."

Wolfgang Ullrich.

Anfang des 20. Jahrhunderts tritt der Dom zu Naumburg aus dem Schatten der Vergessenheit. Auf der Leipziger Buchmesse anno 1914 werden Gipsabgüsse der Stifterfiguren aufgestellt, sie sollen "das deutsche Volkstum" symbolisieren. Wirklich bekannt werden die Skulpturen dann in den 20er-Jahren durch die Arbeiten des Naumburger Fotografen Walter Hege. - Hege versteht es, Uta und ihre steinernen Gefährten so geschickt ins Bild zu setzen, dass Kunstbände und Reiseführer den deutschen Bildungsbürger überzeugen können: Naumburg ist eine Reise wert!

"Erst recht hätte niemand im 19. Jahrhundert ahnen können, dass die Naumburger Figuren dereinst sogar für nationale politische Zwecke herzuhalten haben würden."

1938, innerhalb der Gau-Kulturwochen von Halle-Merseburg, wird ein "Tag der bildenden Kunst" in Naumburg gefeiert. Der Oberbürgermeister begrüßt eine Flut von Braunhemden in seiner Stadt und besonders im Dom - als "Wallfahrer nach dieser "Herzkammer deutschen Geistes".

"Männer und Frauen deutscher Vergangenheit treten uns in den Stifterfiguren als kraftvolle Persönlichkeiten gegenüber, die aufrecht und stark ihren Weg gingen!"

Und es ist besonders "Frau Uta", die die nationalsozialistische Fantasie beflügelt:

"Sie verkörpert das deutsche Frauenideal, das immer und ewig unsere Sehnsucht bleiben wird", …"

heißt es in einem Kunstband von 1936, den Wolfgang Ullrich zitiert. Die Figur der Uta begeisterte ihren Betrachter.

""Durch ein rätselhaftes Ineinander von mädchenhaftem Liebreiz und herrischer Strenge."

So sollte sie sein, die deutsche Frau der nationalsozialistischen Bewegung: keusches Mädchen und starke Mutter der Nation zugleich.

Ob Markgräfin Uta von Ballenstedt, so heißt das historische Vorbild der steinernen Uta im Naumburger Dom, solche Charakterzüge eigen waren, dürfte ihrem Schöpfer unbekannt gewesen sein. Denn als der namenlose Meister ihr Konterfei um 1250 in Stein gehauen hat, war die Gräfin war schon rund 200 Jahre tot.

Das nationalsozialistische Interesse an Frau Uta steigert sich alsbald ins Schwärmerische. Kein Medium der Zeit, das nicht vom Liebreiz einer Steinfigur gebannt gewesen wäre: Bildbände, Gedichte, Hörbilder und Zeitungsreportagen, sogar ein Theaterstück übertreffen sich gegenseitig in Versuchen der Erweckung und "siegreichen Hingebung" an die göttergleiche Uta.

"Und in der Ausstellung Entartete Kunst von 1937 musste Uta als Gegenbild zu den missliebigen Frauendarstellungen Dix', Noldes und anderer herhalten."

Heute muss der Naumburger Dom nicht mehr als "Herzkammer deutscher Innerlichkeit" zur Verfügung stellen, sondern ist Weltkulturerbe. Und vor "Frau Uta" muss keiner mehr die Knie beugen wie vor einer nationalen Überfrau, man darf sie wieder betrachten als dass, was ihr Urbild gewesen ist: die Stifterin eines Gotteshauses.

Dennoch, und da ist sich Kunstprofessor Wolfgang Ullrich ziemlich sicher, wer nach Naumburg kommt und Uta in Augenschein nimmt, kommt nicht umhin, sie zu bestaunen: diese unvergleichliche Mischung aus Lebensnähe und Klassizität.

"Ihre Bewegung kommt von einer inneren Mitte her, wie sie sonst nur dem plastischen Instinkt der Griechen entspringt."

… heißt es in einem Kunstband der 50er-Jahre.
Kein Zweifel, dieser unbekannte Naumburger Meister aus dem 13. Jahrhundert hatte "griechischen Fähigkeiten" – und noch ein bisschen mehr. Ein Künstler, der nachweislich nicht "für Führer und Vaterland" gearbeitet hat, sondern (in hoch-gotischen Zeiten höchst-wahrscheinlich) Soli Deo Gloria.

Wolfgang Ullrich: Uta von Naumburg. Eine deutsche Ikone
Wagenbach 2009
192 Seiten. 11,90 Euro

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