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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.12.2005

Zwischen den Stühlen und Stilen

Joachim-Ernst Berendts "Das Jazzbuch" fortgeführt von Günther Huesmann

Rezensiert von Uwe Golz

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Saxophon im Einsatz (AP)
Saxophon im Einsatz (AP)

In Deutschland gilt "Das Jazzbuch" - einst von Joachim Ernst Behrend herausgegeben - seit mehr als 50 Jahren als die Referenz in Sachen Jazz. Jetzt ist die vollkommen überarbeitete 7. Auflage dieser Referenz - fünf Jahre nach dem Tod seines geistigen Vaters - erschienen: kein Lexikon, sondern eine Einladung zum Schmökern für Jazzfans.

Was ist Jazz, wieso ist Jazz so, wie er ist und wer oder was macht Musik zum Jazz? Den Versuch diese Fragen zu beantworten machte Joachim-Ernst Berendt erstmals 1953. Jetzt, fünf Jahre nach Berendts Tod ist die siebte, überarbeitete und erweiterte Ausgabe des Standardwerks "Das Jazzbuch" unter der Federführung des Musikjournalisten Günther Huesmann erschienen. Der Sprache des 21. Jahrhunderts angepasst und die Strömungen der letzten Dekaden aufgreifend ist "Das Jazzbuch" immer noch und auch wieder die deutsche Referenz in Sachen Jazz.

Nein, ein Lexikon war und ist dieses "Jazzbuch" nicht, wollte es auch nie sein. Es will einladen zum schmökern, will Wissen vermitteln über den Jazz – ohne dabei ex cathedra mit erhobenem Zeigefinger den Leser und möglichen Jazzfan zu verstören. Was Berendt, der sich selbst gerne als Jazzprofessor titulierte, vor mehr als 50 Jahren begann, hat nun sein einstiger Assistent Günther Huesmann fortgeführt.

Und es wurde Zeit dieses für tausende deutscher Jazzfans unentbehrliche Buch vom Geist der frühen Jahre zu entrümpeln; nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich zu überarbeiten, zu verbessern, wo es verbesserungswürdig war und fortzuführen, wo der Jazz sich längst weiterentwickelt und neue Welten entdeckt hat.

Der Vorteil dieses Buches ist, man muss und braucht es nicht vom Anfang bis zum Ende in Reihenfolge lesen. Der Leser kann zwischen den Kapiteln springen, sich ganz dem Jazz-Idiom gemäß sein eigenes Lesen improvisieren, sich hier und da kleine Bissen zu Gemüte zu führen oder einfach nur nachschlagen, ob der Musiker der sich gerade im CD-Player dreht auch seinen Niederschlag im "Jazzbuch" gefunden hat.

Ein Buch für Jazzneulinge und gänzlich Musik Unbedarfte ist dieses "Jazzbuch" nicht. Mal abgesehen von einem manchmal doch überhand nehmendem name-dropping, werden dann auch noch musikalische Grundlagen abverlangt, die ja nicht bei jedem Leser als vorhanden gegeben sein dürften. Und natürlich wird der eine oder andere gerade seinen Jazzmusiker vermissen und auch die Auswahl der vorgestellten Musiker ist diskussionswürdig. Das Louis Armstrong ebenso wie Miles Davis ein Muss sind, ohne Frage, wieso dann aber die Bluessängerin Bessie Smith und nicht Billie Holiday oder der immerhin einer quasi Jazz-Schule namensgebende Pianist Lennie Tristano nicht vorgestellt werden bleibt offen. Letztendlich sind und bleiben diese Auslassungen aber Petitessen. Die 927 Seiten des "Jazzbuch" sind und wurden durch die Überarbeitungen erst recht zu einem für Jazzfans und solchen, die es werden wollen, zu einem unverzichtbaren Begleiter durch die Welt dieser faszinierenden Musik, die gerade weil sie immer Grenzen überschreitet, zu einer universalen Sprache dieser Erde geworden ist.

Joachim-Ernst Berendt, fortgeführt von Günther Huesmann: Das Jazzbuch
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2005
927 Seiten, 29,90 Euro

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