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Kompressor | Beitrag vom 05.07.2016

ZombiesUntote als Event und gesellschaftliche Metapher

Von Stefan Keim

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Zu sehen sind als Zombies verkleidete und geschminkte Menschen bei einem Zombie Walk (imago/AFLO)
Zombies bei einem Zombie Walk: Die Untoten sind überall (imago/AFLO)

Spätestens seit der Serie "The Walking Dead" sind Zombies Teil des Mainstream-Entertainments. Zu gleich ist auch in anderen Zusammenhängen die Rede von den Untoten. Auch eine Ausstellung im Movie-Park Bottrop hat unseren Autor über Zombies nachdenken lassen.

Der Gang durch das Horrorhaus beginnt wie die Serie "The Walking Dead" in einem Krankenhaus. Hinter einer Tür, die mit Ketten verschlossen ist, bewegt sich etwas, will raus. Ein Ächzen, Fauchen und Stöhnen erfüllt die Luft. Der einzige Weg, der weiter führt, liegt in völliger Dunkelheit. Ich bin allein, trau mich eine halbe Minute lang nicht, mich zu bewegen, aber irgendwie muss es ja weiter gehen. Als ich die Finsternis betrete, öffnet sich plötzlich eine Klappe in der Wand und ein Beißer greift nach mir.

Der Zombie ist feuilletonfähig geworden

Beißer oder Walker heißen die Zombies in der Serie "The Walking Dead". Als der Held, der Polizist Rick, im Krankenhaus erwacht, haben sie die Menschheit längst überrannt. Fernsehen und Radio sind tot, einige Menschen kämpfen einzeln oder als Gruppen ums Überleben. So wie die Besucher der neuen Horrorattraktion im Bottroper Movie-Park. Ich laufe durch Orte, die Fans der Serie bekannt sind, eine Scheune, ein Gefängnis, eine Kaserne. Ständig begegne ich Zombies, realen Darstellern, die mich vor sich her treiben.

Früher galten Zombiefilme als Videothekenschund. Zu Unrecht, denn die Filme George A. Romeros hatten schon immer politische Untertöne. Heute sind die Beißer durch die Serie "The Walking Dead" feuilletonfähig geworden.

"Diese Serie hat es geschafft, dass sie nicht nur wegen der Zombies, also den Walkern, so erfolgreich ist, sondern auch weil es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, um Probleme, ums Überleben."

Sagt Jörg Kraft, der Entertainment-Manager des Movie-Parks in Bottrop.

Die Besucher reagieren unterschiedlich auf Zombies

Zeit, um über Überlebensstrategien zu debattieren, haben die Besuchergruppen allerdings nicht. Der Einlass läuft im Zehn-Minuten-Takt, immer fünf bis sechs Leute. Bei meinem zweiten Gang schließe ich mich einer Gruppe von 20- bis 30-Jährigen an. Sie laufen viel schneller, als ich das allein getan habe. Pressesprecherin Jessica Demmer:

"Ich glaube, es gibt verschiedene Angsttypen. Es gibt die, die bei Angst sehr starr werden und einfach laufen und möglichst schnell durch und eigentlich will ich das gar nicht sehen. Es gibt die Angsttypen, die dann richtig panisch werden oder sehr, sehr schreckhaft sind. Davon hängt natürlich auch die Interaktion in der Gruppe ab."

Meine Mitstreiter schreien nur einmal, sie reden auch kaum miteinander. Andere kreischen sich die Stimmbänder wund. Die Zombiedarsteller achten genau darauf, ob Besucher in Panik geraten und passen ihre Schockintensität an. Der Eintritt ist ab 16 Jahren freigegeben und kostet fünf Euro zusätzlich. Manchmal tauchen Zombies überraschend wenige Zentimeter neben mir auf. Einmal schrecke ich zusammen und falle gegen die Wand. Die Beißer berühren mich nicht. Der Schock funktioniert dennoch.

Die Beißer als aggressive Hedgefonds

Auch außerhalb des Horrorgenres sind Zombies gerade stark vertreten. Der Untote ist eine der beliebtesten Metaphern geworden. Der dänische Dramatiker Christian Lollike hat in seinem vor kurzem bei den Ruhrfestspielen uraufgeführten Stück "Die lebenden Toten" die Zombies als Gleichnis benutzt, um die Angst der westlichen Gesellschaft vor den Flüchtlingen zu beschreiben. Und manche Soziologen und Feuilletonisten wie der Filmkritiker Georg Seeßlen bezeichnen unser Wirtschaftssystem als "Zombie-Kapitalismus". Weil die Geldströme sich von selbst bewegen, geistlosen, moralfreien Mechanismen folgen und jeden Kontakt zum Leben verloren haben. Es hat schon seinen Reiz, sich die Beißer im Bottroper Movie-Park als aggressive Hedgefonds vorzustellen. Nach fünf bis zehn Minuten nähern wir uns wieder dem Tageslicht.

Kurz vor dem Ausgang springt ein Wahnsinniger mit einer Kettensäge auf mich zu, kein Zombie, die könnten sich nicht so schnell bewegen. Er sägt an einem blutigen Kopf herum und treibt uns hinaus ins Freie. Der letzte Schock passt zur Aussage der Serie "The Walking Dead": Die Menschen sind immer noch zu größeren Perversitäten fähig als die Untoten.

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Neu im Kino: "Stolz und Vorurteil & Zombies" - Verwirrungen, Neckereien und Attacken von Untoten
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 08.06.2016)

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(Deutschlandradio Kultur, Vollbild, 04.06.2016)

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