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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.03.2012

Wunschkandidaten wider Willen

Für die Republik ein Glücksfall

Von Malte Herwig

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Beate Klarsfeld stellt sich als Kandidatin der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten vor (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Beate Klarsfeld stellt sich als Kandidatin der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten vor (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Ohrfeigen teilt Beate Klarsfeld immer noch gerne aus, wenn auch nur mündlich. Als die Linkspartei ihre Kandidatin für das Bundespräsidentenamt der Öffentlichkeit vorstellte, bekannte sie freimütig, sie wäre viel lieber von CDU oder SPD nominiert worden. Den Linken-Chefs blieb nichts übrig, als tapfer zu lächeln.

Tapfer lächeln muss in diesen Tagen auch die Bundeskanzlerin, wenn Joachim Gauck als Kandidat der ganz großen Koalition aus CDU, SPD, FDP und Grünen ins sichere Rennen um das höchste Amt im Staat geht. Schließlich hatte Angela Merkel den populären Pastor noch vor zwei Jahren verhindert und dem deutschen Volk aus parteistrategischen Gründen einen Parteipolitiker als Staatsoberhaupt aufgedrängt.

Beide Kandidaten sind unabhängige Persönlichkeiten, die sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen. Daran ändern auch die programmatischen Etiketten nichts, mit denen die "Nazijägerin" Klarsfeld gegen den "Stasijäger" Gauck politisch ausgespielt werden soll.

Gauck war kaum im Rennen, da wollten ihn eifrige Kommentatoren schon als Holocaust-Verharmloser und Bürgerbewegungs-Hochstapler entlarven. Klarsfeld wiederum wurde vorgeworfen, sie habe sich bei der Suche nach untergetauchten Nazi-Tätern von der Stasi mit Informationen helfen lassen. Der Historiker Götz Aly nahm die Kandidatin sogar in Sippenhaft und fragte scharf, was ihre Eltern überhaupt im Dritten Reich gemacht hätten.

Dem postdiktatorischen Sühnestolz spät berufener deutscher Moralapostel ist natürlich keine noch so mutige Tat recht. Nimmt man allein den Maßstab der NSDAP-Mitgliedschaft, dann hätte Beate Klarsfeld ja auch in DDR-Regierungskreisen fleißig Maulschellen austeilen können. Auch dort saßen nach dem Krieg in Volkskammer, Ministerrat und SED-Zentralkomitee ehemalige NSDAP-Mitglieder wie Manfred Ewald, Hans Bentzien oder Horst Stechbarth.

An der Parteibasis sah es nicht anders aus. Kein Wunder, denn das ZK der SED hatte bereits 1946 den Unvereinbarkeitsbeschluss aufgehoben, demzufolge ehemalige NSDAP-Mitglieder nicht in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands aufgenommen werden durften. Trotz diverser "Parteisäuberungen" waren Mitte der fünfziger Jahre allein im Bezirk Erfurt fast 11.000 SED-Genossen ehemalige NSDAP-Mitglieder, wie die Historikerin Sandra Meenzen jüngst herausgefunden hat.

Überraschend ist das aber nicht. Es hatten einfach zu viele Deutsche im Dritten Reich mitgemacht, als dass man nach 1945 ohne die Mitläufer einen neuen Staat aufbauen zu können meinte - egal ob in Ost oder Westdeutschland.

Das wusste auch die Stasi, deren Hauptabteilung IX/11 nicht nur mit den Recherchen für propagandaträchtige Braunbücher über westdeutsche Politiker beschäftigt war, sondern heimlich auch die NS-Vergangenheit der Ostelite erforschte.

Und natürlich weiß man das auch in der Linkspartei, die vor einem Jahr eine große parlamentarische Anfrage zur NS-Belastung deutscher Behörden stellte. Darin fragten die Genossen um den jungen Abgeordneten Jan Korte nicht nur nach der braunen Vergangenheit westdeutscher Behörden, sondern auch den in der DDR.

Für die Parteien mögen Gauck und Klarsfeld nur Verlegenheitslösungen sein. Für die Republik sind sie ein Glücksfall, gerade weil sie Wunschkandidaten wider Willen sind. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Nach zwei deutschen Diktaturen zählt es zu den eigentümlichen Vorzügen unserer Demokratie, dass bisweilen auch aus den falschen Gründen die richtigen Leute nach vorne kommen.

Malte Herwig, Autor und Publizist (privat)Herwig Malte, Autor und Publizist (privat)Malte Herwig ist Journalist, Literaturkritiker und Auslandsreporter. Geboren 1972 in Kassel, studierte er in Mainz, Oxford und Harvard Literaturwissenschaften, Geschichte und Politik. Nach der Promotion in Oxford wurde er Journalist. Arbeitete seitdem unter anderem für die "New York Times", "Die Zeit", "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und im Kulturressort des "Spiegel".

Jetzt ist er Reporter des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Lebt in Hamburg. Für sein Buch "Bildungsbürger auf Abwegen" (Verlag Vittorio Klostermann) erhielt er 2004 den Thomas-Mann-Förderpreis. Zuletzt erschien seine viel beachtete Biografie über den Schriftsteller Peter Handke "Meister der Dämmerung" (Deutsche Verlagsanstalt).

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