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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.07.2008

Winnacker verteidigt "Grüne Gentechnik"

Gesetzeslage in Deutschland ist "weitgehend übertrieben"

Moderation: Hanns Ostermann

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Ernst-Ludwig Winnacker (Deutsche Forschungs- gemeinschaft)
Ernst-Ludwig Winnacker (Deutsche Forschungs- gemeinschaft)

Der Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats, Ernst-Ludwig Winnacker, hat Kritik an der "Grünen Gentechnik" zurückgewiesen. In der Wissenschaft sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Risiken gebe, sagte der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es sei schwer zu verstehen, weshalb es dennoch zum Teil gewalttätige Widerstände gebe.

Hanns Ostermann: Die Geister scheiden sich – und wie! Mancher spricht derzeit sogar von einem Schlachtfeld, wenn er an die Gentechnik denkt. Die einen halten sie für die Zukunftstechnologie schlechthin, die so manches Problem dieser Welt lösen könnte. Die anderen verdammen die Technik, weil die Risiken groß und schwer, wenn überhaupt einzuschätzen sind.
2000 Experten aus aller Welt sind in dieser Woche in Berlin, darunter sogar sechs Nobelpreis-Träger für Medizin. Sie wollen sich über die neuesten Erkenntnisse auf den Gebieten der Genetik und der Genom-Analyse austauschen. Anlass für uns, den Forschungsstandort Deutschland unter die Lupe zu nehmen.
Bevor ich gleich mit Professor Ernst-Ludwig Winnacker spreche, dem Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates, ein Überblick von Peter Kolakowski.
Deshalb will heute auch die Gesellschaft für Humangenetik Stellung beziehen zur Verantwortung ihres Fachs. Vor 75 Jahren trat das Gesetz der Nazis zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses in Kraft.
Um 7:52 Uhr ist jetzt Professor Ernst-Ludwig Winnacker am Telefon von Deutschlandradio Kultur, der Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates und ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Guten Morgen Herr Winnacker!

Ernst-Ludwig Winnacker: Guten Morgen!

Ostermann: Wie wichtig ist diese Stellungnahme, was die Vergangenheit und die Verantwortung der Wissenschaft betrifft?

Winnacker: Für mich ist das ganz außerordentlich wichtig – diese Transparenz, das nicht vergessen. Man darf ja wirklich nicht vergessen, was damals im Dritten Reich geschehen ist. Ich habe mich selber wieder bei der Eröffnung dieses Kongresses mit einem Beispiel eines Genetikers vorgestern daran erinnert, der mit Zwillingen und mit Material von Menschen aus Auschwitz geforscht hat. Professor Makel, der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, und ich haben uns ja im Jahre 2000, nachdem solche Studien wirklich bekannt wurden – das ist furchtbar lange nach dem Krieg, aber so ist es eben -, auch öffentlich entschuldigt. Ich denke, die Wissenschaft insgesamt kommt gerade in Deutschland von diesen Verbrechen nicht weg und wir müssen uns daran immer wieder erinnern.

Ostermann: Wird bei uns in Deutschland vielleicht eben auch wegen der Vergangenheit vorsichtiger mit größeren Vorbehalten diskutiert als anderswo? Da spreche ich Sie jetzt sozusagen als europäischen Fachmann an.

Winnacker: Ja, das denke ich schon. Aber das ist durchaus verständlich und ich muss auch sagen, dass die Diskussion zum Beispiel um die Stammzellen in Deutschland eigentlich sehr gut gelaufen ist. Ich meine, der Bundestag hat sowohl im Jahre 2001 als auch in diesem Jahr doch sehr angemessen und verantwortungsvoll über diese Themen diskutiert, das Thema auch in die Öffentlichkeit gebracht. Ich habe das sehr gut gefunden.

Ostermann: Trotzdem meinte Frau Schavan, wir sind in Deutschland mit dem Schwerpunkt adulte Stammzellenforschung weit gekommen und damit konkurrenzfähig. Würden Sie ihr da widersprechen?

Winnacker: Nein, da widerspreche ich eigentlich nicht. Natürlich haben wir mit den embryonalen Stammzellen letztlich doch einiges verloren. Das muss man schon sagen. Aber das andere Thema wird auch wichtig mit den adulten Stammzellen und wir haben gerade in den letzten eineinhalb Jahren gelernt – durch Arbeiten in Japan vor allen Dingen, aber auch in Amerika -, dass man solche adulten Stammzellen zurückverwandeln kann (reprogrammieren nennen wir das) in embryonale Stammzellen, so dass man keine Embryonen braucht.

Das Feld ist ungeheuer im Schwung. Was ja mindestens so schlimm war wie dieses Problem mit dem Stichtag war ja diese Strafandrohung in dem Gesetz, die jetzt weg ist, dass Wissenschaftler, die sozusagen irgendwo anders auf der Welt (auch in Europa, in England oder in Schweden, in Israel) gearbeitet haben, dann plötzlich auch stigmatisiert wurden, nur weil sie mit Kollegen gearbeitet haben, die in einem Umfeld arbeiteten, das eben gesetzlich andere Regelungen vorsieht. Das ist Gott lob weg, denn man macht sich ja dadurch nicht unbedingt strafbar. Das war für die jungen Leute eine große Sorge.

Ostermann: Das neue Gentechnik-Gesetz aus dem Haus Seehofer bewertet nicht nur Green Peace – das muss man sagen – als Gefahr für die Umwelt. Das sieht unter anderem eine Prüfung vor, was die Sicherheit betrifft. Die wird aber vereinfacht und toleriert wird die Verunreinigung mit nicht zugelassenen Genpflanzen – denkt man an Futtermittel. Wie bewerten Sie, Herr Winnacker, dieses Gesetz?

Winnacker: Da geht es jetzt um Grüne Gentechnik, also um Pflanzen, die genetisch verändert werden oder gentechnisch verändert werden. Genetisch sind sie ja alle schon verändert. Was wir heute an Nutzpflanzen haben, da sind ja die Vorläufer gar nicht mehr wieder zu erkennen. Ich halte in der Frage der grünen Gentechnik die deutsche Gesetzeslage für weitgehend übertrieben. Für mich ist es schwer zu verstehen, warum es zu diesen großen Widerständen, die ja zum Teil gewalttätig sind, wenn Felder besetzt werden und so weiter, kommt. Ich sehe auch das globalere Bild, muss ich sagen. Ich sehe in anderen Kontinenten, wo die Menschen ja auch nicht dümmer sind als hier und die sich ja auch nicht unnütz Gefahren aussetzen, eine völlig andere Denkweise. Da kommen dann Fragen der Ernährung dazu. Da kommen dann Fragen des verringerten Pestizideinsatzes, Chemieeinsatzes hinzu. Wir sind eben auch sehr reich hier in Deutschland. Wir sind vergleichsweise sehr wohlhabend und können uns das eben leisten, dagegen zu sein.

Ostermann: Aber haben Sie andererseits nicht Verständnis für die Angst, für die Sorge von vielen, weil einfach Risiken nicht abschätzbar sind, oder ist das übertrieben und panisch?

Winnacker: Die Grüne Gentechnik gibt es jetzt auch schon seit 25 Jahren. Wir haben viel selber auch über Risiken nachgedacht. Ich darf mal daran erinnern, dass die Wissenschaft wie es sich auch gehört lange bevor irgendjemand in der Öffentlichkeit gedacht hat, dass es dort Risiken geben könnte, ja selber Moratorien eingesetzt hat als Instrument, um mal nachzudenken was eigentlich passiert, und es ist nichts passiert. Man kann sich nicht vorstellen, was da passieren könnte. Die Zeiten sind vorbei, wo wir darüber diskutiert haben. Wir sind jetzt zu dem Schluss gekommen, dass nach 25 Jahren diese Risiken nicht existieren. Deswegen glaube ich auch, dass es mit der Zeit ebenso in Deutschland zu einer vernünftigen Diskussion auf diesem Felde kommen wird.

Ostermann: Professor Ernst-Ludwig Winnacker, der Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates. Vielen Dank für das Gespräch heute Früh bei uns im Deutschlandradio Kultur.

Winnacker: Ich bedanke mich.

Das Gespräch mit Ernst-Ludwig Winnacker können Sie bis zum 14. Dezember 2008 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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