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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.08.2012

Wenn Sprache krank macht

Ben Marcus: "Flammenalphabet", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012, 430 Seiten

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Die Sprache der Kinder wird für Erwachsene unerträglich. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Die Sprache der Kinder wird für Erwachsene unerträglich. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Das Wort ist ein Killer. Der amerikanische Schriftsteller Ben Marcus hat einen literarisch anspruchsvollen Science-Fiction-Thriller über eine Zeit geschrieben, in der die Sprache die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes vergiftet. Die Epidemie geht dabei von den Kindern aus.

Sprache sei für ihn, hat der amerikanische Schriftsteller Ben Marcus vor Jahren in einem Interview gesagt, ein erstaunliches Werkzeug: "Für mich ist sie in hohem Maße eine Technik, unmittelbar auszusprechen, was wir denken und fühlen." Ob diese Technik auch Gefahren bergen kann, und ob es nicht zum Beispiel manchmal besser ist, zu schweigen, als zu reden, dazu hat Ben Marcus dann allerdings nichts mehr gesagt. Vielleicht weil er schon damals die Idee hatte, darüber zu schreiben, dass Sprache krank machen kann.

In seinem jüngsten Roman "Flammenalphabet" breitet sich eine Sprachkrankheit epidemisch aus, ausgehend von Kindern, die nicht betroffen sind, aber ihre Eltern infizieren. Die Symptome: Gesichtsverhärtung, zurückgezogene Lippen, steife Zunge, trockene Haut. Auch Sam und seine Frau Claire sind vom Virus befallen: "In den Monaten vor unserer Abfahrt kam das meiste, was uns erkranken ließ, aus dem Mund unserer süßen Tochter. Manches davon sagte sie, manches flüsterte sie, manches schrie sie. ( ... ) Wir labten uns an dem verdorbenen Material, denn unsere Tochter hatte es gefertigt. Wir fraßen uns voll damit, und in uns dampfte, faulte, verrottete es dann."

Das ist das Dilemma: Es sind die eigenen Kinder, die für Todesgefahr sorgen. Sam und Claire bleibt nichts anderes übrig, als ihre Tochter in einem Quarantäne-Gebiet sich selbst zu überlassen. Als Claire stirbt, findet sich Sam in einem Versuchslabor wieder, wo er an einem Gegengift arbeiten muss: "Ich sollte Symbole aneinanderreihen, die vielleicht als Code gebraucht werden konnten, als neue Sprache, die die Toxizität überlisten könnte." Er scheitert, auch weil ein zwielichtiger Mensch namens Le Bov ihm das Leben schwer macht. Le Bov wechselt ständig seine Identität, ist mal Opfer, mal Täter, mal Vater von vier Kindern, mal bösartiger Wissenschaftler. Und er weiß: "Auch Verstehen hat seinen Preis. Es ist selbst eine verfickte Krankheit."

Man kann diesen Satz schön auf diesen Roman anwenden. Denn nicht alles darin muss und kann man bis ins Detail verstehen. Etwa warum Sam und Claire einer Sekte angehören, den "Waldjuden", die religiöse Sendungen in einer Hütte mit Loch und Empfänger hört. Oder wie Sam sich eigentlich, als er aus dem Versuchslabor entkommt, durch ein verzweigtes Tunnelsystem zurück zu seiner Hütte gräbt. Oder was es mit dem einen Buchstaben auf sich hat, "dessen Existenz, nur durch die anderen Buchstaben abgeleitet werden konnte."

Was man nach der Lektüre nur zu gut versteht: Wie schrecklich es ist, in einer Welt zu leben, in der allein die Lektüre eines Romans lebensgefährlich ist. Zumal nichts einfacher ist, als "Flammenalphabet" zu lesen. Marcus gilt zwar mit seinen bisherigen, noch nicht ins Deutsche übersetzten Büchern vor allem als experimenteller Schriftsteller: Sprache ist für ihn Material, der Stoff an sich, nicht Medium, um eine Geschichte zu erzählen. Aber dieses Mal hat er sich für einen geradezu konventionellen, realistischen Erzählstil entschieden. Insofern kann man "Flammendes Alphabet" für einen Sci-Fi-Roman halten, für einen dunklen, kafkaesken Thriller - wäre da nicht die Sache mit der Sprache. Denn mit der müssen wir uns, ob wir nun wollen oder nicht, ob vergiftet oder reiner Gesundbrunnen, ja tagtäglich auseinandersetzen.

Besprochen von Gerrit Bartels

Ben Marcus: Flammenalphabet
Aus dem Amerikanischen von Thomas Melle
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012
430 Seiten, 22, 99 Euro

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