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Donnerstag, 18.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2009

Wenn die letzten Spuren verwischt sind

In Bergen-Belsen diskutieren Holocaust-Forscher über die Zukunft der Erinnerung

Von Jochen Stöckmann

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Gedenkstätte Bergen-Belsen (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Gedenkstätte Bergen-Belsen (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Das KZ Bergen-Belsen ist eine Metapher für den Holocaust. Erst in den 80er Jahren begannen junge Historiker mit dem Sammeln von mündlichen Zeugnissen der Überlebenden. Wie aber wird erinnert, wenn bald keine Zeitzeugen mehr da sind? Bei der ersten "International Bergen-Belsen Conference" geht es derzeit um das Verhältnis von Zeugenschaft, historischem Ort und musealer Erinnerung.

An die 10.000 Leichen lagen zwischen den Holzbaracken, als das Konzentrationslager Bergen-Belsen im April 1945 befreit wurde. Die Menschen waren hinter Stacheldraht verhungert oder von Seuchen dahingerafft worden. In aller Eile wurden sie in Massengräbern bestattet, die Unterkünfte wegen der Seuchengefahr abgebrannt, Zäune und Wachtürme eingeebnet. Und noch im selben Jahr beauftragte die Besatzungsbehörde einen deutschen Experten, das zum jüdischen Friedhof erklärte Lagergelände umzugestalten. Es war derselbe Landschaftsarchitekt, der 1935 den Sachsenhain bei Verden als Nazi-Kultstätte hergerichtet hatte:

Joachim Wolschke-Bulmahn: " Es gibt eine schriftliche Stellungnahme von ihm, er wolle "die Sensation Bergen-Belsen", wie er es wörtlich nannte, begraben und einen Schlussstein setzen. Dazu gehörte zweifellos, dass er die wenigen Möglichkeiten, die noch vorhanden waren, aufgrund der landschaftlichen Situation über die Geschichte informiert zu werden, dass er die hemmungslos beseitigt hat. "

Der Architekturhistoriker Joachim Wolschke-Bulmahn hat in einem Expertengremium die Umgestaltung der Gedenkstätte begleitet: Das trügerische Idyll mit Birkenwäldchen und Wacholderbüschen ist als historische Spur der Nachkriegszeit erhalten geblieben, wird jetzt aber durch das neu eröffnete Dokumentationszentrums gebrochen: ein 200 Meter langer Riegel aus Sichtbeton, dessen einzige Fensteröffnung erst am Ende der Dauerausstellung, im Wissen um das Geschehene, den Panoramablick auf die alles überwuchernde Natur eröffnet.

Aus der übersichtlich gegliederten Fülle von Dokumenten ragen sogenannte Medienstationen hervor, Videosäulen mit Film-Interviews von Überlebenden, deren mündliche Aussagen zusätzlich in separaten Untertiteln auf Deutsch und Englisch dokumentiert werden. Diese Form der "testimonies", der dokumentarisch gesicherten Zeitzeugnisse, hat ein Pionier der Holocaust-Forschung entwickelt, der Literaturwissenschaftler Geoffrey Hartman von der Yale University:

" Wir machen oral history oder oral documentation gerade weil die offizielle Geschichte oder professionelle Geschichtsschreiber diese Quelle nicht gut benutzt haben. "

Das empathische Hinhören, Respekt für jede einzelne Stimme eines Holocaust-Überlebenden erlegt die Geschichte selbst den Nachgeborenen auf: schließlich wollte die SS mit ihrem Terrorsystem genau diese Individualität ausradieren. Mit diesem Zivilisationsbruch wurde der einzelne Mensch zur Nummer, aufgelistet in einer bürokratischen Mordstatistik. Aber nicht nur diese ethischen Gesichtspunkte sprechen gegen eine Forschung nach Aktenlage, erklärt Thomas Rahe von der Gedenkstätte Bergen-Belsen:

" Manchmal geht in der Diskussion über die vermeintliche Subjektivität und mangelnde Zuverlässigkeit der "testimonies" als historische Quelle der Blick dafür verloren, dass auch die Akten natürlich alles andere als zu 100 Prozent objektive Quellen sind. Wenn ein Kommandant nach Berlin etwas berichtete, dann verfolgte er damit natürlich auch seine ganz eigenen Interessen."

Neben Akten und mündlicher Überlieferung gibt es noch die Fotografie, jenes Medium, dem in einer bildersüchtigen Gesellschaft immer mehr Bedeutung zukommt. In einer neu gestalteten Ausstellung in Auschwitz wird der dokumentarische Charakter alter Aufnahmen demonstrativ betont: jene selbst geknüpfte Umhängetasche etwa, die ein KZ-Häftling auf dem Foto trägt, ist gleich daneben noch einmal als Objekt ausgestellt. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen geht den entgegengesetzten Weg, versucht die Reduzierung der Geschichte auf wenige Bilder – sozusagen "Ikonen des Schreckens" – zu durchbrechen:

" Wie macht man dem Besucher deutlich, dass das, was man hier an materiellen Zeugnissen hat – ein Tagebuch beispielsweise, Zeichnungen, eine Stickerei, die im Lager entstanden ist – wie bringt man das in Deckung mit den Bildern, die alle Besucher ja im Kopf haben: wo Leichenberge zu sehen sind oder Bulldozer, die abgemagerte nackte Leichen in Massengräber schieben. "

Mit lauten oder verwirrend bunten Multimedia-Inszenierungen in dramatisch inszenierten Architektur-Labyrinthen, in Holocaust-Museen amerikanischer Machart kann das nicht gelingen. Aber auch mit der bloßen Nennung von Häftlingsnamen wie etwa Anne Frank oder mit der politisch korrekt dahergesagten, respektheischenden Chiffren wie "Auschwitz" ist es nicht getan.

In Bergen-Belsen wird stattdessen die Geschichte unvorstellbarer Gewalt, unzähliger Mordtaten in all ihren unmenschlichen Widersprüchen erzählt, wie es den Tatsachen entspricht: So gab es im KZ ein Sonderlager für Juden aus Ungarn oder neutralen Staaten, die als Geiseln für den Austausch gegen die im Ausland internierten Deutschen dienen sollten und entsprechend besser behandelt wurden, die mehr oder weniger heimlich zeichnen oder Tagebuch führen konnten.

Im Dezember 1944 allerdings verwandelte sich der gesamte Barackenkomplex in ein Auffang- und Sterbelager: Dokumente aus dieser letzten Phase des Zweiten Weltkriegs existieren kaum noch, die berüchtigten Listen wurden von der SS nicht mehr geführt. Umso mehr sind die Historiker auf Zeugnisse der letzten Überlebenden angewiesen, auf ihre Erzählungen. Für Habbo Knoch, den Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, bedeutet das: bedächtiges Sprechen, mit Pausen und gestischem Intermezzo, ein langsames Erinnern gegen jede schnell konsumierbare Fernsehästhetik.

Habbo Knoch: " Der Holocaust ist nichts, was durch einen großen optischen Eindruck vermittelbar ist, das braucht die Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen. Das ist das Bild der Person, das ist der originale Ton, die Sprache, in der die Überlebenden sich im Interview geäußert haben. Da stecken so viele Nuancen, so viele Interpretationsmöglichkeiten drin, die wir dem Besucher in Bergen-Belsen auch ganz bewusst damit eröffnen wollen. "

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