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Vollbild | Beitrag vom 07.10.2017

"Vorwärts immer!"Das Stasiregime als Verwechslungskomödie

Franziska Meletzky und Jörg Schüttauf im Gespräch mit Susanne Burg

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Hedi Kriegeskotte, Franziska Meletzky und Jörg Schüttauf am Set zum Kinofilm "Vorwärts immer!" (imago/Future Image)
Hedi Kriegeskotte, Franziska Meletzky und Jörg Schüttauf am Set: "Ich muss zwölf gewesen sein, da war er schon mein Staatsratsvorsitzender." (imago/Future Image)

9. Oktober 1989. Während Otto Wolf für ein geheimes Theaterstück probt, fährt seine Tochter auf eine Demonstration gegen das DDR-Regime. So beginnt die Komödie "Vorwärts Immer". Schauspieler Jörg Schüttauf und Regisseurin Franziska Meletzky erklären im Gespräch, wie es zu Idee und Film kam.

Franziska Meletzky: Die Idee zu der Geschichte gibt es schon zehn Jahre. Zehn Jahre wurde daran geschrieben, an dieser unerhörten Idee, aber genau diese unerhörte Idee hat mich auch gereizt, weil es ist ja eigentlich nicht ganz klar, wieso am 9. Oktober nicht geschossen wurde. Es gibt wüste Theorien darüber, niemand weiß es wirklich, und das fand ich mal eine originelle Erklärung.

Burg: Es ist ja auch so, dass man sofort natürlich eine andere Parallele im Kopf hat, Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" …

Meletzky: Jaa!

Burg: … von 1942, die Komödie um eine Schauspielgruppe in Warschau, die die Nazibesatzer überlisten will und dabei auch in verschiedene Rollen schlüpfen. Das ist natürlich ein ziemliches Werk der Kinogeschichte, an dem Sie sich da abgearbeitet haben – warum Lubitsch und wie sind Sie vorgegangen, das so ein bisschen umzuwandeln?

Meletzky: Ich freue mich sehr, dass Sie das sehen. Lubitsch ist natürlich unerreicht. Aber auch da ist es dieses Prinzip der Verwechslungskomödie und wie kann man jemanden vortäuschen, der mächtig ist, was braucht es dafür, und spannend sind natürlich die absurden Situationen, in die man kommt, während man jemand anders ist. Lubitsch ist für mich aber genau wie Billy Wilder, "Eins, Zwei, Drei". Das sind so Sachen, die sind ganz weit oben am Himmel, aber ich liebe Herausforderungen, und ich finde es wunderbar, mit der jüngeren Geschichte einmal so eine abstruse Idee bis zum letzten Punkt durchzuspielen – ist eine Riesenfreude.

Burg: Und Sie ziehen das auch wirklich durch bis zum Ende. Herr Schüttauf, Sie spielen den Schauspieler Otto Wolf, der an einem Stück arbeitet, und dann kommt er eben in die Rolle, er muss plötzlich als begnadeter Honecker-Imitator Honecker imitieren, so tun als ob, und auch nach Wandlitz fahren. Sie waren natürlich in einer doppelten Herausforderung, Sie mussten sich abarbeiten an einer Figur Honecker, aber natürlich auch in gewisser Weise an der Lubitsch-Vorlage, an Jack Benny als Joseph Tura. Wie sind Sie damit umgegangen?

Jörg Schüttauf: Ja, ich hab halt mein Bestes gegeben. Umgegangen in dem Sinne – man hat diese Vorlage, und das war im Übrigen gar nicht so schwer, diesen Honecker irgendwie zu imitieren. Ich muss dazusagen, ich spiele ja tatsächlich zu 99 Prozent jemanden, der vorgibt, es zu sein. Meine Rolle ist wirklich die Hauptrolle Otto Wolf und nicht Erich Honecker, der taucht nur zufälligerweise genau zum gleichen Zeitpunkt auf wie der falsche Honecker.

Jüdischer Humor ein Vorbild

Burg: Na ja, Sie sind einmal auch in einer Doppelrolle.

Schüttauf: Richtig, live in einer Doppelrolle, wer hat das schon. Ich bin über das Ergebnis so froh und so glücklich.

Burg: Sie haben gesagt, es war eigentlich gar nicht so schwierig, den Honecker zu spielen beziehungsweise jemanden, der so tut, als sei er der Honecker. Was hatten Sie sich denn überlegt?

Schüttauf: Irgendein schlauer Mensch hat mal ausgerechnet, jetzt vor Kurzem, dass ich wohl zwölf gewesen sein muss, da war das schon mein Staatsratsvorsitzender. Es war im Kopf, und der Mann ist sozusagen eine Art Nachbar, ob gewollt oder nicht. Und deswegen …

Burg: Es gibt ja auch unliebsame Nachbarn.

Schüttauf: Aber Performance und Unterhaltung oder Politik sieht anders aus. Also, was ich jetzt von Erich Honecker in Erinnerung habe, dieses schleppende Sprechen, diese drei Worte in Folge und dann irgendwie überlegen, wie der Satz weitergehen könnte, damit er sich ja nicht verspricht oder nichts Falsches sagt, das war schon eher zum Wundern und auch gar nicht übers Lustigmachen oder so. Und ich war schon gleich ganz weit davon entfernt, dass ich dachte, ich könnte den Erich Honecker spielen, weil vorher bin ich noch nie auf die Idee gekommen, das zu üben, so wie der war. Da gab es andere Kollegen, die können das sicherlich länger und besser.

Burg: Frau Meletzky, ich würde gerne doch noch mal auf "Sein oder Nichtsein" kommen, weil ich es einfach so eine charmante Parallele …

Meletzky: So lustig, da haben wir genau heute drüber geredet, weil ich immer sage, es wird sich immer so pur auf der DDR-Schiene gesonnt bei dem Stoff, aber ich finde, das Leben ist eine Bühne, also bei Shakespeare fängt es an.

Burg: Genau dazu wollte ich Sie gerade befragen, weil in dem Film ist es ja auch so, dass er die Frage stellt, inwieweit gibt es Parallelen zwischen einer Theaterinszenierung und der Inszenierung des nationalsozialistischen Systems bei Ernst Lubitsch. Und ich wollte Sie fragen, inwieweit Sie das auch übertragen wollten in Ihren Film, also wie hat sich die DDR geschlagen in der Inszenierung als System?

Meletzky: Bei diesem Gedanken bin ich tatsächlich nicht von Lubitsch ausgegangen, sehr wohl aber wieder, wenn man zum Beispiel den Schauspieler betrachtet – das finde ich wunderbar, wie Jörg das  gemacht hat, dass der Schauspieler privat auch diese Eitelkeit hat, und alles, was er spielt, da will er der Beste sein und er will überall die Hauptrolle haben, bloß die bitte dann nicht. Und das hat für mich dann auch wieder mit Lubitsch zu tun, dieser Moment, wo dieser Mann auf der Bühne kämpft, dass er einmal seinen Monolog zu Ende kriegt. Und wo es eben diese Eitelkeit des Schauspielers gibt, aber eigentlich ist es ein ganz ängstlicher Mensch und er macht gerade total mutige Sachen. Ich glaube, da finde ich sozusagen im jüdischen Humor ein Vorbild.

Burg: Herr Schüttauf, Sie gucken gerade Frau Meletzky sehr interessiert an, finden Sie sich da wieder, wenn es um die Eitelkeit eines Schauspielers geht? Also natürlich ist es die Rolle, in der Sie da sind.

Schüttauf: Erst mal fand ich das wirklich interessant, was sie da gesagt hat. Ich spiele natürlich eher aus dem Bauch kommend und bin gar nicht so kopfig, ich seh' immer die Situation, und ich seh' einfach, da steht ein Typ geschrieben, der sich wahnsinnig aufregt, dass er noch nie den Nationalpreis bekommen hat, der andere aber immer wieder – obwohl er doch letztes Jahr 365 Vorstellungen hatte, immer ausverkauftes Haus und immer Standing Ovations und so … Das sah ich in der kurzen Szene mit meiner Tochter. Und da ist mir dann schon klar, wie der tickt und was das für jemand ist.

Wir haben einen sehr englischen Humor in dem Film

Burg: Sehr schön ist auch, dass die Schauspieler ja plötzlich in die Situation kommen, oh, es ist potenziell die Rolle ihres Lebens, aber sie müssen etwas tun, was sie sonst gar nicht tun, nämlich sie müssen improvisieren. Und man merkt, wie viel Angst sie haben. Wie ist das für Sie?

Schüttauf: Daraus speist sich, glaube ich, wirklich die ganz große Komik, dass der Mann ständig glaubt, er wird entdeckt. Diese Fallhöhe zwischen "Ich trau mich das jetzt, aber hoffentlich geht das alles gut" und dann eben immer mit diesem kleinen, falsetthaften, nervösen Überatmen und so weiter und so fort, das macht auch Spaß zu spielen, weil da ist einfach eine Situation, die ist für jeden Schauspieler ein Geschenk.

Burg: Die ganze Geschichte ist ja nun wirklich Teil unserer jüngeren Geschichte, trotzdem bald 30 Jahre her. Was ist Ihr Gefühl – ich weiß nicht, wie viele junge Menschen den Film schon gesehen haben, aber wie viel muss man noch Kontext inzwischen dazuliefern für eine Generation, die vielleicht nach der Wende geboren ist?

Meletzky: Ich bin neugierig, genau das rauszufinden, muss ich Ihnen sagen. Mein großer Sohn sagt, man muss gar nichts dazu erklären, mein kleiner sagt – es sind nur zwei Jahre Unterschied, 16 und 18 –, dass er es sonst nicht verstehen würde. Ich will nicht von meinen Kindern auf weitere jetzt schließen – ich bin total gespannt.

Burg: Herr Schüttauf!

Schüttauf: Ich glaube, dass es die jüngere Generation nicht so interessieren würde, wenn nicht die Josefine Preuß und die zwei anderen jungen, sehr witzigen Kerle mitspielen würde, wobei ich aber sagen würde, mich würde es wahnsinnig freuen, weil wir haben einen sehr englischen Humor in dem Film, ein bisschen Loriot hängt da mit drin, also alles, was ein bisschen drüber ist, vielleicht sogar manchmal drunter. Es ist aber auf alle Fälle kein normaler Film, wenn ich das sagen darf, und wen das interessiert, der soll. ob Jung oder Alt, gerne ins Kino kommen.

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