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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.10.2008

Vom Größenwahn zur Bescheidenheit

Von Astrid von Friesen

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Manager - ihre Gehälter  zeigen vielfach eine schmerzende Disbalance in der Gesellschaft auf. (AP)
Manager - ihre Gehälter zeigen vielfach eine schmerzende Disbalance in der Gesellschaft auf. (AP)

Das mulmige Gefühl, das viele Menschen seit einigen Jahren hatten, konnte meist nur diffus formuliert werden: "So kann das alles nicht weiter gehen!" Gemeint war: Die Ungerechtigkeiten wurden immer krasser, die "da oben" in den Banken und Konzernen setzten sich immer unverfrorener nicht nur über soziale Empfindungen und eine gesellschaftliche Balance hinweg, sondern auch über alle Regeln des Kapitalismus.

Wenn Manager das 140-Fache der Arbeiter verdienen, ohne persönlich für Fehler und Schandtaten haften zu müssen, so ist das eine schmerzende Disbalance. Da hat Kritik nichts mit Neid zu tun. Nun ist das größenwahnsinnige Leuchtfeuer der Gier zerstoben. Asche regnet herab. Wir können nur hoffen, dass Klugheit folgt.

Vielleicht aber müssen wir, die Normal-Bürger, uns zunächst klar machen, das auch wir persönliche Lehren aus der Krise ziehen sollten. Inwiefern waren wir ebenfalls größenwahnsinnig? Nicht nur Millionen Amerikaner mit geringem Einkommen meinten, sich eigene Häuser leisten zu müssen. Auch bei uns sind die Schuldnerberatungen übervoll. Viele führen ein Leben auf Pump.

Kinder lernen keineswegs als eiserne Regel, ihre Handyrechnungen selbst zu bezahlen, sondern überschulden sich früh und sinnlos. Auch hier bei uns mussten in den vergangenen Jahren viele Kommunen in Westdeutschland ihre Schwimmbäder schließen, während in Ostdeutschland just zur gleichen Zeit neue Spaßbäder eröffnet wurden.

Nach der Wende wurden in Ostdeutschland die Innenstädte durch Einkaufszentren auf der grünen Wiese erst einmal platt gemacht, anschließend aber finanzielle Förderprogramme aufgelegt, um mühsam Leben wieder in die Zentren zu bringen. Das hatte man im Westen bereits vor 30 Jahren durchexerziert. Also nichts, rein gar nichts wurde dazu gelernt.

In der Finanzkrise liegt eine auch eine große Hoffnung: Dass wieder Vernunft, wieder gesunder Menschenverstand einzieht in unser Gemeinwesen. Was das ist, gesunder Menschenverstand? Schwer zu definieren, aber schmerzhaft spürbar auf allen Ebenen, wenn er nicht vorhanden ist, nie gelehrt oder gelernt wurde.

Man kann nur hoffen, dass das ewige deutsche Gejammer aufhört und dass sich angesichts dieser extremen Erschütterung Dankbarkeit breit macht für die vielen Dinge, die bei uns wunderbar funktionieren. Dass wir wieder in der Realität ankommen, dort wo gearbeitet wird, wo Werte geschaffen werden. Nicht verharren in virtuellen Räumen wie denen des Geldmarktes.

Es gibt in Japan die Naikan-Methode der Selbstbefragung: "Was habe ich bekommen in meinem Leben?", "Was habe ich gegeben?" und "Welche Probleme habe ich anderen bereitet?" Das verweist auf uns selbst zurück, auf die schlichten Freuden unseres Lebens, aber auch auf unsere Versäumnisse.

Ein Blick von außen, der wohl Scham und Pein verursachen, aber gleichfalls der Beginn von Veränderung sein könnte. Man übernimmt Verantwortung für das Schwierigste, für das eigene Leben und für das Gemeinwohl, letztendlich für unsere Demokratie.

Die Provokative Therapie fragt noch schärfer: "Wollen Sie weiterhin faul und feige bleiben?" Im Individuellen also etwa: "Wollen Sie weiterhin süchtig oder schlampig bleiben, chaotisch oder unsozial?" Jeder Mensch und jede Gruppe kann sich entscheiden.

Das Ziel wäre also, sich vom FF-Typ zum MM-Typ zu verändern. Also vom "faulen und feigen" zum "mutigen und mühevollen" Weg umzuschwenken. Mutig wäre es zum Beispiel von Eltern, ihren Kindern klare Konsumbeschränkungen und eindeutige soziale Regeln abzuverlangen, damit diese Generation lernt, sinnvoll mit Geld, allgemeinen Ressourcen und eigenen Grenzen umzugehen. Mühevoll wäre es ebenfalls, weil es anstrengende Erziehungsarbeit bedeutet. Täglich.

Mutig wäre es, wenn kommunale Volksvertreter sich dem Sog des neuen, völlig überflüssigen Einkaufszentrums widersetzten, wenn sie nachhaltige Projekte unterstützten, jenseits von irrationalen Scheinwelten. "Faul und feige" sind diejenigen, die jetzt nicht die strikte Begrenzung der Managergehälter und deren Verantwortung bei Fehlverhalten auf allen Ebenen durchsetzen. Ebenso diejenigen, die nicht lernen wollen, mit unseren Umwelt-Ressourcen sorgsam umzugehen.

"Faul und feige" sind auch die, die ihre Ansprüche ans Leben nicht reduzieren und sich weigern, den "mutigen und mühevollen Weg" der Selbstbeschränkung einzuschlagen. Zugunsten unserer Welt, der einzigen, die wir haben.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Erziehungswissenschaftlerin, Journalistin und Autorin sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin in Dresden und Freiberg. Sie unterrichtet an der TU Bergakademie Freiberg und macht Lehrerfortbildung. Zwei ihrer letzten Bücher: "Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener" (Psychosozialverlag 2000) sowie "Von Aggression bis Zärtlichkeit. Das Erziehungslexikon" (Kösel-Verlag 2003). Zuletzt erschien "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer" (Verlag Ellert & Richter).

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