Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Buchkritik | Beitrag vom 07.09.2017

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex"Vom Plattenverkäufer zum Clochard

Von Dirk Fuhrig

Beitrag hören Podcast abonnieren
(Foto: Nil Castellvi/unsplash.com, Coverabbildung: Verlag Kiepenheuer & Witsch)
"Das Leben des Vernon Subutex" erzählt von den Verwüstungen, die die Wirtschaftskrise in Frankreich hinterlassen hat. (Foto: Nil Castellvi/unsplash.com, Coverabbildung: Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Wegen der Krise und der Digitalisierung der Musik muss der Plattenverkäufer Vernon Subutex seinen Laden schließen. Er steigt sozial ab und landet schließlich in der Gosse. Ein schneller pointierter Großstadtroman über die Folgen der Krise in Frankreich.

Vernon Subutex – dieser Kunstname klingt in französischen Ohren nach Boris Vian (und dessen Vernon Sullivan) sowie nach einem Medikament, das in der Drogentherapie verwendet wird. In den Namen ihres Protagonisten packt Virginie Despentes somit bereits Glanz und Elend des modernen urbanen Lebens. Die Schriftstellerin hatte in den 1990er-Jahren mit "Baise-moi! Fick mich!" die Pornoindustrie und ihre eigene Vergangenheit als Opfer einer Vergewaltigung und als Prostituierte thematisiert. Sie brachte einen radikalen, autobiografisch grundierten, neo-feministischen Ton in die französische Literatur.

Plattenverkäufer, DJ, Clochard

"Das Leben des Vernon Subutex" ist ein schneller, pointierter Großstadtroman. Im Zentrum steht ein Schallplatten-Verkäufer, der sich lange Jahre ganz gut durchs Leben geschlagen hat. Sein Job war nicht besonders gut, aber ausreichend bezahlt, seine finanziellen Ansprüche bescheiden. Die Digitalisierung der Musik, mit ihren desaströsen Auswirkungen auf die Plattenverkäufe, aber auch der allgemeine wirtschaftliche Niedergang Frankreichs im vergangenen Jahrzehnt führen dazu, dass er den Laden schließen muss. Vernon kann die unaufhörlich steigenden Wohnungsmieten in Paris bald nicht mehr zahlen. Sein Abstieg in die Gosse und zum wenig romantischen Leben eines Clochards ist rasant. Geblieben ist ihm, dem Endvierziger, allein ein Hauch seiner erotischen Anziehungskraft auf Frauen, die ihn anfangs zumindest vorübergehend in ihren Wohnungen aufnehmen.

Vernon Subutex besitzt auch ein Talent, als DJ mit der geschickten Auswahl von Musikstimmungen exklusive private Abendgesellschaften zu bezaubern, auf denen sich Superreiche mit jungen Mädchen und harten Drogen in Fußballfeld-großen Luxus-Appartements vergnügen. Doch auch dies zögert den Abstieg zu einem Leben in der Metro und auf Parkbänken nur kurzzeitig hinaus.

Melancholie und Depression

Virginie Despentes zeigt an der Figur Vernon Subutex die Verwüstungen, die die ökonomische Krise in Teilen von Frankreichs Gesellschaft angerichtet hat. Die Gentrifizierung der Pariser Innenstadt einerseits und die Verarmung breiter Bevölkerungsgruppen schreiten voran. Vernon zieht durch eine Stadt, die für einen wie ihn, der keinen Cent mehr in der Tasche hat, immer unzugänglicher wird. Despentes erzählt davon, wie die internationale Metropole Paris die eigene Bevölkerung immer mehr ab– und ausstößt. 

In ihrer lakonischen Sprache - sehr einfühlsam übersetzt von Claudia Steinitz  - gelingt Despentes ein eindrückliches Bild unserer Gegenwart, sie beschreibt ein von Melancholie und Depression grundiertes Lebensgefühl, das Großstadtbewohner nicht nur in Frankreich kennen. "Das Leben des Vernon Subutex" ist ein packendes Buch am Puls der Zeit. In Frankreich ist soeben bereits der dritte Teil dieses Fortsetzungsromans erschienen - und wie die Bände davor, sofort zum Besteller geworden.  

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex"
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017
399 Seiten, 22,00 Euro

Mehr zum Thema

Die wilden Jahre sind vorbei
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 31.10.2012)

Schreiben als pure Emotion
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 09.05.2008)

Vor der Frankfurter Buchmesse - Unsere Hitliste der französischen Romane 2017
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 10.08.2017)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur