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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.12.2016

Vielleser "Dann schlafe ich halt nicht"

Von Astrid Mayerle

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Eine Frau studiert im Zug ein Buch, das mit vielen Markierungen versehen ist. (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)
Eine Frau studiert im Zug ein Buch, das mit vielen Markierungen versehen ist. (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)

Die Nebenwirkungen dieser Droge bleiben zum Glück gering − bis auf den Schlafmangel. Wie gehen "Bookaholics" mit ihrer Bücher- und Lesesucht um? Eine Sendung über Rituale, den komatösen Leserausch und die Tricks für ungebrochenen Lesefluss.

Im 18. Jahrhundert zählte das Lesen zu den gefährlichen Tätigkeiten - vor allem für Kinder und Frauen. Heute dagegen gilt sogar die Lesesucht als eine begrüßenswerte Rauscherfahrung, weil nur geringe Nebenwirkungen zu erwarten sind: etwa die Folgen freiwilligen Schlafentzugs.

Wie glücklich müssen all jene sein, bei denen Droge und Profession in eins fallen, etwa Verleger, Lektoren, Buchhändler, Schriftsteller, Kritiker oder Literaturagenten? Also berufliche Bookaholics. Wie wählen sie ihren Stoff? Wie sortieren sie ihre Bücherstapel, legen sie Leselisten an, wie viele Bücher schaffen sie parallel? Wann, wo und wie kultivieren sie ihre Leidenschaft?

Die Sendung erzählt von Leseritualen, komatösem Leserausch und findigen Tricks, die es ermöglichen, den Lesefluss möglichst lange nicht zu unterbrechen.


Manuskript der Sendung zum Nachlesen:

Von Lovenberg: "Ich hab 'ne elektronische Zahnbürste, und die hört nach zweieinhalb Minuten auf, und wenn die Bücher spannend sind, stell ich die aber einfach wieder an, weil ich gerade den Lesefluss nicht unterbrechen möchte."

Hielscher: "Ich rieche gerne an Büchern, gerade an neuen Büchern. Wenn ich die das erste Mal aufschlage, dann halte ich sie direkt an die Nase. Ich liebe diesen Geruch nach dem Papier und dieser Bindung."

Bookaholics, also Lesesüchtige, pflegen zu Büchern ein besonders intimes Verhältnis.

Miller: "Es gibt Bücher, die les ich in einer Nacht, und dann schlaf ich halt nicht."

Leuschner: "Für die Leseweise von Lyrik und Prosa ist es so, dass mir Lyrik die stärkere Droge ist."

Jarawan: "Ein Buch muss auch nach dem Lesen noch ungelesen aussehen - im Idealfall. Und deswegen tu ich auf jeden Fall immer den Schutzumschlag weg, dass wenn der Umschlag beschädigt wird, dass das verdeckt wird durch das Cover."

Haptisches Erleben ist Lesern wichtig

Die meisten Vielleser ziehen das haptische Erlebnis gebundener Blätter der Glätte des digitalen Lesegeräts vor. Viele ehren Bücher wie einen Fetisch und entwickelten eigene Rituale der Auswahl, der Sortierung und sogar des Aufschubs der Leselust. Manche finden Tricks, um das Lesen wohl zu dosieren - es möglichst lange hinauszuzögern oder es nicht zu unterbrechen, und wieder andere wissen sehr genau, welche Lektüre als stärkste Droge wirkt.

Hielscher: "Ich hatte eine Mutter, die Bibliothekarin war. Sie hat nicht lange in dem Beruf gearbeitet, weil wir drei Kinder waren. Sie war dann im Wesentlichen zu Hause. Aber sie hat immer nach einem gesucht, den sie infizieren konnte, und am meisten hat es bei mir gewirkt. Sie hat vor allen Dingen von Thomas Mann geschwärmt, so dass ich als Kind den Eindruck hatte, das sei ein Familienmitglied."

Zu den typischen Symptomen der Lesesucht gehören die Unersättlichkeit oder die Maßlosigkeit. Bookaholics ignorieren schon mal wichtige Körpersignale wie Müdigkeit, Hunger, Durst, aber auch das Telefon oder sogar den Partner. Allen Lesesüchtigen ist gemein, dass sie ihre Neigung bereits sehr jung, meist in der frühen Kindheit entdeckten.

Hielscher: "Ich glaube, irgendwann so als Junge ging das los mit Jugendbüchern, vor allem mit Abenteuerliteratur. Meine Mutter hat Karl May immer etwas gebasht. Der war ihr nicht gut genug. Insofern war das negativ besetzt bei uns zu Hause, stattdessen hab ich dann Fritz Steuben gelesen, der hat diese Tecumseh-Romane geschrieben. Das waren Indianerbücher, die sind auch relativ gut."

Martin Hielscher, Lektor, Übersetzer, Herausgeber, Literaturvermittler und vor allem Programmmacher beim C. H. Beck Verlag. Hat 12.000 Bücher bei sich zu Hause, vom Keller bis zum Dach. Regale und Stapel gibt es sogar in der Diele und der Toilette. Wurde jüngst auf einer Geburtstagsfeier, wie er wörtlich sagt, "unangenehm überrascht", weil er drei der dort erwähnten Titel noch nicht gelesen hatte. Zwei davon befinden sich seit vielen Jahren in seiner Bibliothek. Jetzt liegen sie ganz oben auf einem der vielen Stapel in seiner Wohnung: "Der Boxer" von Jurek Becker und "Inseln des zweiten Gesichts" von Albert Vigoleis Thelen.

Miller: "Ich hab in der ersten Klasse schon alle Karl May meines Vaters gelesen gehabt, und ich hab wirklich Strategien entwickelt, um lesen zu können, denn abends sollte ich schlafen, wie jedes andere brave Kind auch. Ich hab dann das Schlüsselloch mit Kaugummi abgeklebt, damit das Licht nicht rauskommt. Dann hab ich immer, wenn ich ins Bett gegangen bin, rundrum alles abgedichtet, also rund um die Tür alles abgedichtet. Als sie da dann draufgekommen sind, habe ich mir von meinem Taschengeld - und ich hatte sehr, sehr wenig  - eine Lampe zusammengespart, und ich hab unter der Bettdecke mit der Lampe gelesen. Ich hab immer noch dieses Gefühl in mir, heimlich in der Nacht unter der Bettdecke liegend und lesend. Das war für mich das Größte."

Nicoletta Miller, Inhaberin der Buchhandlung "Wortwahl" in München
Allesleserin - Weltliteratur, Kinderbücher, auch Pferdebücher. Nur Liebesschnulzen hält sie für verschwendete Lebenszeit. Bekennt, dass sie es trotz aller Anstrengung nie schaffte, den ganzen Proust zu lesen. Spricht liebevoll über ihren verstorbenen Hund, der nach der Hauptfigur von F. Scott Fitzgeralds bekanntestem Roman benannt war: Gatsby.

von Lovenberg: "Ich hab mit sieben Jahren angefangen, Klavier zu spielen, und ich hatte die strenge Auflage von meinem Vater, jeden Tag mindestens eine Stunde zu üben, und meine Mutter hatte die Aufgabe, zu überprüfen, ob ich auch wirklich eine Stunde übte. Aber die war dann nicht so streng wie mein Vater. Sie hat sich relativ wenig dafür interessiert, was ich da spiele. Ich hab also relativ regelmäßig das Buch vor die Noten gestellt und habe so vor mich hin improvisiert. Nicht sehr einfallsreich - und hab einfach eine Stunde gelesen. Der Klavierlehrer hat sich dann allerdings beschwert, dass die Fortschritte nicht entsprechend waren. Aber dieses Nichtunterbrechenwollen der Lektüre wurzelt bei mir schon in der Kindheit."

Felicitas von Lovenberg, Leiterin des Piper Verlags. Dachte als Kind, man könne nur laut lesen, bis ihr ein Nachbarsmädchen sagte, dass man Bücher auch verstehen könne, ohne den Mund zu öffnen. Beneidet Menschen, die noch nie ein Buch von Tolstoi in Händen hatten, weil sie dieses Vergnügen noch vor sich haben. Vermutet, dass männliche Bookaholics nicht so gerne über ihre Lesesucht sprechen, weil das Schwärmerische eher keine Männersache sei.

Jarawan: "Bevor ich mich selbst als Leser begriffen hab, erinnere ich mich an Episoden, wo ich in die Stadtbibliothek gegangen bin, um Gedichte auszuleihen und auswendig zu lernen, um sie meinem Vater vorzutragen, der damals eher noch schlecht Deutsch sprach. Aber er mochte einfach den Klang von deutscher Lyrik sehr gerne. Das waren dann Schiller, Goethe, die großen Klassiker, die ich auswendig gelernt und vorgetragen habe."

Pierre Jarawan, Poetryslammer und Autor. Nimmt einem Buch vor dem Lesen vorsichtshalber das Cover ab, damit es auch nach dem Lesen noch wie neu aussieht. Hat in seinem Regal einen Roman von Rafik Schami mit dem Titel "Sophia oder der Anfang aller Geschichten", weil er mehrmals mit dem syrischen Autor verglichen wurde. Meint, dass dieser zwar auch eine blumige Sprache habe, aber, so wörtlich, "anders blumig".

Jarawan: "Seit kurzer Zeit hab ich da ein schönes Ritual, denn auf meiner Lesereise lese ich in Buchhandlungen und kaufe mir in jeder Buchhandlung ein Buch und lass das die Buchhändler signieren, und daher hab ich jetzt ein ganzes Regal  voller Bücher, von denen jedes Buch eine Station von dieser Lesereise ist, und in jedem muss ich nur vorne aufschlagen, und dann hab ich eine Widmung drin und sehe, da war ich in Dortmund oder in Köln."

Juan Gabriel Vazquez: "Das Geräusch der Dinge beim Fallen"
Haruki Murakami: "Hard-boiled Wonderland" und "Das Ende der Welt",
Emma Cline: "The Girls"
Bilal Tanweer: "Die Welt hört nicht auf"
Catalin Dorian Florescu: "Der Mann, der das Glück bringt"
Rafik Schami: "Sophia oder der Anfang aller Geschichten"

Jarawan: "Dementsprechend sind dieses Jahr sehr viele Bücher zu mir gekommen, indem ich einfach in die Städte gefahren bin, wo ich gelesen habe und hab dort Bücher mitgenommen - als Erinnerung."

von Lovenberg: "Viele Bücher kommen zu mir, wo einfach klar ist, die möchte ich lesen und die brauch‘ ich auch beruflich, die brauche ich für den Verlag oder die brauchte ich früher für die Zeitung, für Kritikerrunden oder was auch immer, wo völlig klar ist, das muss ich lesen, um über die wichtigen Titel mitreden zu können. Als privater Buchkäufer leitet mich das zum Beispiel gar nicht. Da leitet mich nicht die Frage, ist das ein Titel, über den gerade alle reden, sondern sehr oft greife ich zu manchen Büchern instinktiv. Deswegen ist für mich der Besuch von Buchhandlungen immer wirtschaftlich etwas gefährlich, weil ich dann die Tendenz habe, spontan zu Büchern zu greifen, die mich ansprechen, und ich weiß zunächst mal gar nicht warum. Daran sieht man eben, wie wichtig die Umschläge sind, wie sich ein Buch anfühlt und wie dick das ist und ob man das streicheln möchte. Auch hier im Verlag sage ich manchmal, da möchte man hingreifen. Das ist für mich ein sehr starker Drang nach einem Buch."

Das Leben ist so kurz! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahr nur siebzig. Und für die fünfundvierzig Jahre, von fünfzehn bis sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3150 Bände: die wollen sorgfältig ausgewählt sein.

So der Schriftsteller Arno Schmidt. Die Wahl will also gut überlegt sein - oder zumindest fein intuitiv vorgefühlt.

Leuschner: "Am ehesten kann man es mit einem Insekt vergleichen. Das Insekt saugt an einer Blüte und hat mit irgendwelchen Facetten seiner Augen, die rückwärts oder seitwärts schauen, schon andere Blüten im Blick, wo es dann hinfliegen will. Und dann fliegt es los zu diesen anderen Blüten, und dann kommt ein starker Wind, und es wird woanders hingetragen, und es saugt dort, an den Blüten, die es findet, begeistert weiter. So gibt es Systeme interferierender Dringlichkeiten: Das heißt, einerseits Bücher, die durch die Arbeit zu mir kommen, und die ich lesen möchte und muss, weil sie im Programm des Lyrikkabinetts vorkommen, und andere Bücher, die ich von mir aus lesen möchte, wo ich, wenn ich sie bekomme, im Flur sie auspacke, aufreiße und zu lesen anfange, bevor ich wieder am Schreibtisch bin."

Pia-Elisabeth Leuschner, Programmassistentin des Lyrikkabinetts in München. Liest manchmal bis zu sieben Bücher die Woche, manchmal nur eins. Interessiert sich vor allem für Lyrik, doch reserviert sie die Rauhnächte, also die Tage zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, für Romane
Hält Gedichte für die stärkste Lesedroge. Findet, dass das Lesen häufig spannender ist als das Leben. Es kann aber auch umgekehrt sein.

Mehrere Bücher gleichzeitig

Berufsleser sind oftmals an mehreren Lektüren gleichzeitig zugange. Martin Hielscher liest schon mal 10 Bücher parallel, darunter alle Gattungen: Romane, Lyrik, Sachbücher, Philosophisches und Krimis.

Hielscher: "Ich lese jetzt zum Beispiel unter anderem die neue Lewitscharoff, dann lese ich einen alten Doderer Roman. Ich treffe demnächst Eva Menasse, da gibt es ein erstes Buch von ihr, das ich noch nicht kenne, das lese ich auch gerade. Je nachdem, wann ich dazu komme, greife ich nach einem dieser Bücher und bin dann aber auch sofort wieder drin, wo ich es verlassen habe. Ob das jetzt ein Tag ist oder eine Woche oder zwei Wochen, ich finde da sehr schnell wieder rein."

Jarawan: "Parallellesen ist etwas, das ich nie gemacht habe und das ich auch nie gemocht habe, weil ich einfach das Gefühl habe, dass jedes Buch meine ungeteilte Aufmerksamkeit verdient. Ich hätte tatsächlich das Gefühl, dass ich den Autor oder das Buch beleidige, indem ich zwei Bücher gleichzeitig lese, weil er es ja in gewisser Weise, wenn ich es kaufe, auch für mich geschrieben hat."

Das Parallellesen will gut organisiert sein. Dafür eignen sich Listen -  handgeschriebene, digital erstellte oder nur im Kopf erdachte Listen. Es eignen sich aber auch Stapel. Stapel an verschiedenen Orten, in verschiedenen Räumen, Stapel auf dem Boden, auf dem Schreibtisch, vor den Büchern in Regalen. Pia-Elisabeth Leuschner vom Lyrikkabinett München hat ein besonders komplexes Organisationsritual, um ihre ungelesenen Bücher zu sortieren und herauszufinden, welches als nächstes an der Reihe ist:

Leuschner: "Es gibt verschiedene Systeme, und manchmal muss ein Buch alle diese Systeme durchlaufen, um bei mir anzukommen. Das heißt, im Lyrikkabinett gibt es Listen, in meinem Arbeitszimmer gibt es ein Regal von den schon sehr nahe gerückten Büchern, in meinem Schlafzimmer gibt es ein Regal von Kann-Büchern und in meinem Schlafzimmer gibt’s außerdem einen Stapel neben meinem Bett. Und es gibt Bücher, die müssen quasi die Ochsentour durch all diese Listen oder potenziellen Listen machen, bis sie bei mir ankommen. Und manche Bücher bekomme ich in die Hand, und ich weiß, das muss ich jetzt lesen und ich kann es kaum aushalten, die U-Bahnfahrt nach Hause hinter mich zu bringen, um damit anzufangen."

Die Unordnung der Bücherschränke

Hielscher: "Das ist sozusagen in meinem Gehirn organisiert. Es gibt keine äußere Organisation dafür. Sondern ich lese sozusagen entlang bestimmter Forderungen des Tages, Termine mitunter, auch weil ich bestimmten Autoren folge oder Neuerscheinungen mitbekommen möchte, oder weil ich mich mit jemandem treffe, der gerade begeistert irgendein Buch liest und mit dem ich darüber reden möchte. Ich folge bestimmten Anlässen sehr stark und hab das im Kopf sortiert. Das ist wie so eine Art Piranesisches Labyrinth. Da gibt es verschiedene Stellen, da lagert das Buch x, und wenn ich das unterbrechen muss, komme ich einfach zu dieser Stelle wieder zurück, und Gott sei Dank kann ich mich tatsächlich immer daran erinnern."

Zu Hause bei Martin Hielscher stapeln sich die Bücher an verschiedensten Orten. Wobei die Buchrücken nicht immer gleich ausgerichtet sind, die Stapel drehen sich schon mal um die eigene Achse.

Hielscher: "Ich hab einen riesigen Schreibtisch zum Beispiel, das ist eigentlich ein Esstisch für 12 Personen, der steht quer durch mein ganzes Zimmer durch. Der ist aber komplett voll, da ist kein einziger Raum mehr darauf frei. Das ist nicht sehr sortiert. Das ist eine Mischung aus Halde und Höhle und ich leide natürlich auch darunter."

Felicitas von Lovenberg schwärmt gerne. Aufgefordert, in zwei Minuten ihre persönliche Lesebiografie zu erzählen, meint sie zuerst, zwei Minuten genügten gerade mal für ein Buch, gibt der Idee aber dennoch eine Chance:

von Lovenberg: "Karl May: ganz viele Bücher haben mich sehr geprägt, weil sie mir beigebracht haben, wie man bei der Stange bleibt und dass das wichtig ist beim Lesen. Dass auch mal hundert Seiten nur Landschaftsschilderungen sein dürfen, wenn‘s nur gut gemacht ist. "Pu der Bär" hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, in der Not Freunde zu haben. Jane Austen "Stolz und Vorurteil" hat mir in der Pubertät gezeigt, dass das Sein wichtiger ist als der Schein, und dann kommen schon größere Zeitsprünge. Michael Lenz "Liebeserklärung" hat mir gezeigt, wie großartig es sein kann, falsch zu lieben - sprachlich zumindest. Amos Os "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" hat mir etwas erzählt über Israel, aber auch über das Wesen von Menschen und Familien, was ich so dargestellt noch nirgendwo anders gefunden habe."

Jarawan: "Mein erster Roman war von Steven King "Sie". Mit dreizehn. Hat mir mein Bruder heimlich gegeben. Obwohl ich viel zu jung war, war ich davon sehr begeistert, weil es unglaublich spannend war und mir zum ersten Mal aufgezeigt hat, was Bücher für Welten auftun können. Dann mit sechzehn "Herr der Fliegen" von William Golding, das ist bis heute das Buch geblieben, das mich nicht schriftstellerisch geprägt hat, aber das ich nie vergessen hab, das mich immer begleitet hat. Denn wenn man es als Jugendlicher liest, ist es ein Jugendroman, wenn man es als Erwachsener liest, ist es ein philosophischer Roman. Das ist ein Buch, das sich mit einem verändert, und das ist das Buch, das mich mit am Meisten beeindruckt hat und dann auch noch "Das Hotel New Hampshire" von John Irving, weil es das Tragikomische so gut transportiert hat."

Hielscher: "Das würde anfangen bei "Pu der Bär". Das ist sicherlich für meine Kindheit das wichtigste Buch. Das hat mir meine Mutter vorgelesen. Dann "Nils Holgersson". Das geht dann weiter mit "Tecumseh", diese Abenteuerwelt, diese andere Welt, sicherlich männliche Codes; Mut, was man mit Indianern verbindet. Als Jugendlicher Karin Struck, "Klassenliebe", also, was ein Kritiker mal "die Literatur der Selbstentblößer" nannte."

Lesesucht oder Lesepflicht?

Später wurde der Nachkriegsautor Wolfgang Koeppen sehr wichtig für Martin Hielscher. Ihm widmete er auch seine Doktorarbeit und ein Buch über dessen Nachkriegsromane und die autobiographisch geprägte Erzählung "Jugend".

Hielscher: "Das ist eine Art anarchischer Selbstentwurf eines Außenseiters in Greifswald in "Jugend", der von Anfang an auch immer in einer Art poetischen zweiten Welt lebt, nicht nur in der Realität, auch politisch von Anfang an sich als kritischer Außenseiter empfindet. Das waren alles so Empfindungen, die ich auch hatte, und ich war kein sehr glücklicher Jugendlicher. Ich brauchte dieses unglücklichen Menschen in der Literatur, um mich zu retten, um ein Gegenüber zu haben. Das war ganz wichtig."

Leuschner: "Für die Leseweise von Lyrik und Prosa, da ist es so, dass mir die Lyrik die stärkere Droge ist. Die Bewusstlosigkeit für mich selber tritt eher bei Lyrik auf, weil sie dichter ist und weil auch die Abfolge von verschiedenen Fremdheitszuständen, die ich suche und an denen ich mich berausche, viel rascher ist."

Doch kann die Lesesucht auch schnell in Lesepflicht umschlagen - zumindest für Berufsleser. Dagegen hilft bei Martin Hielscher nur eine regelmäßige Dosis Spannung als Belohnungsritual:

"Ich habe zum Beispiel eine große Lust an Krimis, mehr als an Thrillern. Ich habe alle Maigret-Romane gelesen, alle 70. Ich hab den ganzen Mankell gelesen und lese auch Arne Dahl. So nen Arne Dahl, den les ich dann innerhalb von zwei Tagen immer so zwischendrin. Das ist ein bisschen so ein Belohnungsprinzip: Wenn Du 100 Seiten eines vielleicht etwas anstrengenden neuen deutschen Manuskriptes gelesen hast, dann darfst Du zur Belohnung 50 Seiten Arne Dahl lesen."

Aus Alberto Manguel, Kurze Geschichte des Lesens: 

"Mein Körper brauchte nichts, er lag unbeweglich unter der Decke. Alles, was geschah, geschah im Buch und der Erzähler der Geschichte war ich. Das Leben vollzog sich, weil ich die Seiten umblätterte. Ich kann mich wohl kaum an eine tiefere, allumfassendere Freude erinnern als den Augenblick, wenn ich kurz vor dem Ende des Buches angelangt war: Ich legte das Buch weg, um mir den Schluss für den nächsten Tag aufzuheben, ich schloss die Augen mit dem Gefühl, die Zeit angehalten zu haben."

Die Intimität zwischen Leser und Buch

In seiner "Geschichte des Lesens" beschreibt der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel den bewussten Aufschub der Leselust. Das Moment der Verzögerung erzählt von der Intimität zwischen Leser und Buch, es enthält aber auch eine besondere Ehrfurcht gegenüber dem Text. Die Leiterin des Piper-Verlags Felicitas von Lovenberg:

"Zum Beispiel Herta Müllers 'Atemschaukel' ist für mich ein Buch, wo ich von der ersten Seite an das Gefühl hatte, dass ich jetzt von der ersten Seite ganz langsam lese, damit dieses Buch möglichst lange währt. Weil ich weiß, wenn ich es einmal ausgelesen habe, dann kann ich es zwar wieder lesen, aber es ist nicht dasselbe wie beim ersten Mal. Ich kann auch unglaublich Leser beneiden, die noch nie Tolstoi gelesen haben und die das gewissermaßen noch vor sich haben."

Leuschner: "Ich hab mich selber trainiert, schnell zu lesen. Aber das gilt nur für Informationstexte, Wissenschaftsprosa. Die versuche ich selber möglichst schnell zu lesen und dann möglichst wenig an Information zu verlieren. Für Lyrik oder auch für Romanprosa würde das überhaupt nicht funktionieren. Bei Dan Brown vielleicht möglicherweise, da möchte man ja sehr schnell dem Ende nahe kommen. Bei Lyrik ist es so, dass ich oft das Gefühl habe, viel zu schnell zu lesen. Ich muss mich eher bremsen."

Hielscher: "Das kenn ich auch, wenn man wirklich tief in nem Buch drinsteckt und es ist natürlich eher bei Spannungslektüre der Fall. Man spürt, das geht jetzt zu Ende, dass man das ein bisschen verzögert oder dass man das besonders intensiv erlebt. Das kenne ich auch. Vielleicht nicht auf den nächsten Tag, aber nochmal ne Stunde weglegen, oder so und dann aber."

Wozu die Rituale des Verzögerns und des Verlängerns? Welche Zustände sind es, die nach Aufschub verlangen? Pure Zeitvergessenheit, in der der Autor zum Gefährten wird, zum Komplizen oder gar zum Freund? Alberto Manguel über seine frühen Leseerfahrungen:

Aus Alberto Manguel "Eine Geschichte des Lesens":

"Ich identifiziere mich restlos mit den Versen von Stevenson:

This was the world and I was king;

For me the bees came by to sing,

Für me the swallows flew.

König in meinem Reich war ich,

Die Bienen summten nur für mich,

Der Schwalbe Flug galt mir."

Jedes Buch ist eine eigene Welt

Jedes Buch war eine Welt für sich, in der ich Zuflucht fand. Obwohl ich mich unfähig wusste, solche Geschichten zu erfinden, wie sie meine Lieblingsautoren schrieben, spürte ich häufig, dass meine Meinungen mit den ihren übereinstimmten, und (um es mit Montaigne zu sagen), "dass ich ihnen wenigstens von Ferne folgte und das sage, was mich wahr dünkt".

von Lovenberg: "Es gibt Bücher, in denen man den Eindruck hat, es wurde eine seelische Regung in einem Buch erkannt, die man von sich selber kannte, aber noch nie benennen konnte. Man fühlt sich gesehen, obwohl es eine Figur in einem Roman betrifft."

Allerdings reizt Felicitas von Lovenberg zunehmend das Fremde, das Unbekannte.

von Lovenberg: "Wahrscheinlich wär‘s sogar so, wenn es je möglich wäre, meine Lieblingsbücher auf eine Seite zu schreiben, dann wäre es eine starke Mischung aus Büchern, wo ich mich zum Teil identifiziere oder aus Büchern, die einen Kosmos und auch Regungen schildern, die mir gänzlich fremd sind.

Das ist etwas, was sich immer wieder herstellt und wonach man als Leser natürlich süchtig ist. Ich würde das nicht mit Komplizenschaft bezeichnen, weil ich das gegenüber dem Autor als etwas sehr Anmaßendes empfinden würde. Wer bin ich, ihn als meinen Komplizen zu denken. Sondern ich bin dankbar, ich empfinde das als Geschenk, diese partiellen Überlagerungen, Schnittmengen, die teilweise auch nur in einem einzigen Vers bestehen können."

Hielscher: "Ich bin überhaupt kein rein kognitiver Leser. Auch wenn ich von der Ausbildung her Germanist bin und Philosoph und seit 25 Jahren an verschiedenen akademischen Einrichtungen unterrichte, lese ich aus einem existenziellen Bedürfnis heraus, und das ist in der Tat eine Art von Suche, und es ist immer der Versuch, Dinge zu verstehen, Dinge besser zu verstehen, sich gespiegelt zu finden, ein Gegenüber zu finden, was ich nur bedingt im Leben finden konnte und finden kann. Da sind Bücher wie so ein Gegenüber. Auch eben, um sich selbst immer wieder finden zu können. Ich habe kein besonders stabiles Gefühl meiner selbst, und dazu sind die Bücher ganz wichtig, wobei, ich suche immer auch das Andere, das Fremde, das Exotische, es ist beides."

Was wäre der Mensch ohne Bücher?

Leuschner: "Der beste Teil des Lesens ist wahrscheinlich das interessierte Wohlgefallen, etwas wissen zu wollen: Wie bist denn Du, nicht sich zu suchen, sondern zu fragen, wie bist denn Du Autor, wie bist Du Gedicht, geartet? Und ich lese Dich trotzdem, obwohl ich nichts von mir dort finde."

Lesesüchtige sehen die Macht ihrer Droge darin, dass Bücher die Kraft haben, den Leser nicht nur für die Dauer der Lektüre zu verwandeln, sondern grundlegend darüber hinaus. Felicitas von Lovenberg ist sich sicher, Bücher können so wörtlich "lebensverändernd" wirken. Sie können aber auch in schwierigen Zeiten Halt und Rettung sein. Als 13jährige war die Buchhändlerin Nicoletta Miller ein Jahr lang durch eine Krankheit ans Bett gefesselt und vergaß nicht nur die Zeit sondern auch den Schmerz, indem sie ununterbrochen las.

Menschen wären ohne die Bücher, in die sie sich vertieft haben, ohne die Figuren, mit denen sie gefiebert, geliebt und gelitten haben, andere, vor allem ärmere.

Daher zuletzt: Was bedeuten all die noch ungelesenen Bücher?

Miller: "Als ganz junges Mädchen war für mich ein ganz verzweifeltes Thema, zu überlegen, wie krieg ich das hin, zu entscheiden, wofür ich meine Lebenszeit hernehme - mir war bewusst, dass die endlich ist, und was lese ich? Du hast im Leben einfach nicht genug Zeit, Du kannst nicht alle Klassiker lesen, das ist vollkommen unmöglich. Du kannst nicht alle Russen, Amerikaner, Deutsche lesen. Du musst immer entscheiden, wenn Du ein Buch in die Hand nimmst, ist es das Wert, diese Zeit zu investieren?"

Leuschner: "Ich habe mal bei Frau Malkowki, der Frau des Dichters Rainer Malkowski darüber geklagt, und dann sagte sie sonnig, schauen Sie Frau Leuschner, schauen Sie, wie schön das ist, dass es immer mehr gute Bücher gibt. Denn stellen Sie sich vor, wie schlimm das wäre, wenn Sie irgendwann alle guten Bücher gelesen hätten und es gäbe keine mehr zu entdecken. Seitdem bin ich glücklich über die Überfülle von guten Büchern (darunter Lachen) und denke auch, dass es nicht möglich ist, alle Bücher zu lesen, die man lesen möchte, sondern es gibt eine Fügung, oder einen Weg, für den man sich entscheidet, hineinzuwachsen, wenn man bestimmte Bücher liest und andere nicht.

Es ist ein Stückweit Kontingenz und Zufall, welche Bücher man tatsächlich liest. Es spielt aber auch keine Rolle, weil ich nicht davon ausgehe, dass die Bücher, die ich nicht gelesen habe, mir mehr geben würden, als die, die ich gelesen habe."

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