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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.04.2006

Verspielte Emanzipation?

Der Streit um das neue Elterngeld

Von Corinna Emundts

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Corinna Emundts (Katharina Langer für ZEIT online)
Corinna Emundts (Katharina Langer für ZEIT online)

Wenn man einem amerikanischen Kollegen beschreiben müsste, wie sich diese Nation zurzeit aufregt über zwei Monate Elterngeld - gerne "Väter-Monate" genannt -, würde man jenseits des Atlantiks ungläubiges Kopfschütteln ernten. Es würde auch reichen, nach Schweden zu telefonieren: Auch die - nachwuchsfreudig und begeisterte Nutzer des dort schon vorhandenen Elterngeldes - würden sich nur wundern. Das Projekt der Großen Koalition rührt offenbar an deutschen Mythen und Mentalitäten, von denen man dachte, sie wären längst ausgestorben.

Vermutlich geht es nicht um zwei Monate, in Schweden Papa-Monate genannt, sondern um einen Mythos - den der deutschen Hausfrau, die es in der Altersklasse der Familiengründer heutzutage kaum mehr gibt. Meist sind es die Älteren, weit über die Familienphase Hinausgeschossenen, also nicht mehr Betroffenen, - die empört aufschreien. Die durch zwei zusätzlich bezahlte, freiwillige und nicht erzwungene Vätermonate gleich den gesamten Liberalismus dieses Landes bedroht sehen.

Zur Erinnerung: Es geht um zwei Monate, die im Übrigen auch die Frau als berufliche Auszeit nehmen kann - nach der Geburt, während der Mann den Rest des Babyjahres übernimmt. Das wird meistens unterschlagen, das frischgebackene Elternpaar kann die bezahlte Erziehungszeit beliebig untereinander teilen. Aber einer muss eben mindestens zwei Partner-Monate nehmen, um die volle Lohnersatzleistung zu bekommen.

Zwei Monate - zwei Lieblingsargumente, die übrigens nicht nur bei den Konservativen fallen, sondern auch in der SPD-Fraktion: Erstens: Man kann Männer doch nicht zum Wickeln zwingen! Das klingt ungefähr so angeekelt wie: Man kann doch einen Professor nicht zum Müllmann machen! Zweites Argument: Männer sind doch nicht einfach zwei Monate aus ihren Betrieben abkömmlich!

Zwei Monate! Und was ist mit all den Extremsportunfällen, doppelvergipsten Kreuzbandrissen, mit den halbjährigen Bandsscheibenvorfällen und Nervenzusammenbrüchen, die männliche Führungskräfte gerne lahm legen? Und was ist mit der Gegenfrage: Wenn die Männer so unverzichtbar sind, wieso muss dann ein Kind auf seinen Vater verzichten? Und weshalb kann ein Betrieb dann so einfach auf Frauen zwei Monate lang verzichten, gar ein Jahr?

Die CDU ringt mit sich und den Vätern an der Wiege, als ob Männer bisher beziehungslose Monster sind, die ihren Nachwuchs nur ein Mal im Jahr mit der Pinzette anzufassen geruhten. Das Zum-Wickeln-gezwungen-werden-Argument unterschlägt, dass es 1968 bereits als Impuls für gesellschaftlichen Wandel gab, was auch eine neue Vätergeneration hervorbrachte, die - ob Professor, Unternehmer oder Bäcker – gar nichts dabei fanden, Kinder zu wickeln, auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer gut riecht. Diese Väter haben heute graue Haare und selbst Söhne um die dreißig, die sich oft gerne eine Auszeit für ihre Kinder nehmen würden, aber es sich wegen des Gehaltsausfalls eben nicht leisten können.

Die Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) möge bitteschön nicht für die Tugend des Feminismus, sondern für mehr Kinder und Familien fechten, ruft es von konservativer Seite. Bemerkenswert ist daran vor allem, dass plötzlich alle wieder von Feminismus reden, einem längst vergessenen Wort. Der sei an allem schuld, findet die Fernsehmoderatorin und alleinerziehende Karrierefrau Eva Herman: Und zwar, weil der Feminismus Karrierefrauen erst hervorbrachte.

Manche Mittdreißigerin fragt sich andererseits, ob sie nicht viel zu naiv war, weil sie Feminismus für Geschichte hielt - für unschick, überholt und nicht mehr notwenig. Die Gleichberechtigung hingegen für inzwischen selbstverständlich, weswegen Kinder und Karriere kein Widerspruch schienen. Um jetzt zu merken, dass die überwiegend männlichen Chefs bis auf wenige Ausnahmen Papa-Monate doof finden, Frauen für ein Schwangerschaftsrisiko halten und deswegen in schlechteren Verträgen lassen, hingegen auf männliche Kollegen keine zwei Monate im Betrieb verzichten können, außer wegen eines Skiunfalls, aber keinesfalls auf Grund von Windelwechseln.

Was würde der amerikanische Kollege jenseits des Atlantiks sagen? Vermutlich: "Ihr seid wirklich etwas seltsam, ihr Deutschen, Männer UND Frauen. Ihr gewinnt die Fußball-WM der Frauen und verschwendet Eure Zeit mit solchen Debatten?"

Was soll man darauf noch erwidern?

Corinna Emundts, geb. 1970, schreibt für die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" online Kolumnen aus Berlin. Die Politikjournalistin (Theodor-Wolff-Preisträgerin 1995), hat auch für die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Rundschau", "Die Woche" und andere Blätter gearbeitet.

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