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Echtzeit | Beitrag vom 12.08.2017

VerkehrsordnungDer lange Weg der Schweden zum Rechtsverkehr

Von Björn Dake

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Socke und Unterhose sind mit dem Buchstaben H bedruckt, in dem sich ein Pfeil befindet. Das H steht für höger = rechts. Die Umstellung erfolgte am Sonntag, den 03.09.1967. (picture alliance / dpa)
Auf Herren-Unterwäsche und Socken wurde in Schweden im August 1967 für die bevorstehende Umstellung auf den Rechtsverkehr geworben. Das H steht für "höger", schwedisch für rechts. (picture alliance / dpa)

Am 3. September 1967 um 4:50 Uhr mussten in ganz Schweden alle Busse und Taxen anhalten. Zuvor war der gesamte private Straßenverkehr zum Stillstand gezwungen worden. Denn Punkt fünf Uhr wurde von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt.

"Es ist 5 Uhr und in Schweden herrscht ab sofort Rechtsverkehr."

Dritter September 1967. Lars Skiölds gibt das Signal: Ab sofort fahren alle rechts in Schweden – nach 233 Jahren Linksverkehr. Skiölds ist Chef der staatlichen Rechtsverkehrskommission. Die meisten Schweden nennen ihn einfach den Rechtsgeneral. Und an diesem frühen Sonntagmorgen hört tatsächlich alles auf sein Kommando.

"Hier herrscht Feststimmung und die neue Verkehrsordnung wird mit Hurrarufen begrüßt. Wir sind auf dem Weg auf die rechte Straßenseite und haben die Ehre, Ihnen, liebe Fernsehzuschauer, Rechtsverkehr in Schweden präsentieren zu dürfen."

Von links nach rechts – das war harte Arbeit. Vor allem Überzeugungsarbeit. In einer Volksabstimmung im Jahr 1955 hatten mehr als 80 Prozent dafür gestimmt, weiter links zu fahren. Doch die Rechtsverkehrskommission der Regierung versuchte die Schweden umzustimmen.

"Der Verkehr nimmt zu. Heute hat jeder 50. Schwede ein Auto. Prognosen rechnen damit, dass 1975 jeder dritte Einwohner ein eigenes Auto haben wird."

H wie "Högertrafik" - Rechtsverkehr

Besonders beliebt: amerikanische Straßenkreuzer. Das Steuer? Auf der linken Seite. Ein weiteres Argument für den Wechsel: Die Nachbarländer Norwegen und Finnland. Dort waren die Autos auf der rechten Seite unterwegs.

Aufkleber und Banner wurden produziert. Selbst auf Milchtüten wurde fortan mit einem H geworben – H wie Högertrafik. Sogar Damenunterwäsche war damit bedruckt. Im Radio sang Thore Skogmann: "Ja du mein Lieber, ab '67 gilt Rechtsverkehr."

Das schwedische Fernsehen rief zu einem Musikwettbewerb auf. Der Gewinner: The Telstars mit "Halt dich rechts, Svensson!"

Vier Jahre dauerte das Umerziehungsprogramm der Regierung. Sie ließ sich dabei von Psychologen beraten. Es musste sich aber nicht nur etwas in den Köpfen ändern, sondern vor allem auf den Straßen. Ein Mitarbeiter der Straßenbaubehörde erinnert sich.

"Die Umstellung auf den Rechtsverkehr bedeutete natürlich viel Arbeit mit Straßenmarkierungen und neuen Verkehrsschildern. Die neuen Schilder mussten ja zunächst abgedeckt werden, solange die alten noch galten."

Über Nacht mussten 360.000 Verkehrszeichen versetzt werden. Die bisher gelben Fahrbahnmarkierungen wurden weiß. Bushaltestellen wurden auf die andere Straßenseite versetzt. Etwa 8.000 Busse wurden umgebaut, mit einem zusätzlichen Einstieg auf der rechten Seite.

Olof Palme einer der ersten Fahrer im Rechtsverkehr

Für die Umstellung wurde am frühen Morgen des dritten Septembers sämtlicher privater Straßenverkehr verboten. Um 4 Uhr 50 gab Rechtsgeneral Skiölds das Signal, dass auch Busse und Taxen anhalten müssen.

Zehn Minuten später wurde der Verkehr wieder freigegeben – dann auf der rechten Spur. Als einer der ersten setzte sich Olof Palme ans Steuer – damals schwedische Kommunikationsminister. Ein Reporter wollte von ihm wissen, ob er seiner Frau das Auto weiterhin ruhigen Gewissens überlassen könne.

"Also erstens ist sie es, die mir den Wagen überlässt. Und zweitens fährt sie gut Auto. Ich habe also keine Bedenken, dass sie das nicht schaffen würde."

So groß der Widerstand gegen den Rechtsverkehr zuerst war, so schnell akzeptierten die Menschen den Wechsel von links nach rechts. Schwedischer Pragmatismus.

Am ersten Tag registrierte die Polizei landesweit gut 150 leichtere Unfälle mit nur etwa 30 Verletzten. Tag für Tag wurden es weniger.

Bis heute ist auf manchen Straßen zu erkennen, dass sie für Linksverkehr gebaut wurden. Auf alten Autobahnabschnitten sind die Beschleunigungsspuren extrem kurz. Die Abfahrten sehr lang. Erinnerungen an Tag H.


Die Sendung mit dem H

Eine ganze Sendung für einen besonderen Buchstaben: den achten des Alphabets und einen, der man überhören, aber nicht übersehen kann. Neonazis basteln sich damit kindische Codes und nicht nur im Comic verleiht das H dem schriftlichen Ausdruck von mündlichen Gesten Ausdruck - Arghh! Was man darüber hinaus noch entdecken kann, wenn man das Leben durch das H betrachtet, führt diese "Echtzeit" vor: Ha! Aus der Sicht von Sprachwissenschaftlerinnen ist das H trotz seiner lautlichen Bescheidenheit ein wichtiges Hilfsmittel und für Autoliebhaber, ganz am Ende vom Nummernschild, der Hinweis auf erhaltenswertes Kulturgut. Unter den kyrillischen Buchstaben ist das X eine Möglichkeit, das deutsche H zu übersetzen - und ein Symbol fürs Vulgäre, weil das russiche Wort für "Schwanz" mit X beginnt. Und in Schweden hat man dem H vor 50 Jahren einen ganzen Tag gewidmet - der Buchstabe, mit dem das Wort "Högertrafik", deutsch Rechtsverkehr, anfängt, war gütiger Icon einer großen Veränderung im Straßenverkehr.

Fazit

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