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Vollbild | Beitrag vom 11.04.2015

US-Serie "Transparent"Alle Klischees umschifft

Von Michael Meyer

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Jeffrey Tambor (dpa/ picture alliance / Paul Buck)
Jeffrey Tambor (dpa/ picture alliance / Paul Buck)

Aus Mort wird Maura - die amerikanische Serie "Transparent" erzählt die Geschichte einer Familie, dessen Vater sich entscheidet, fortan als Frau, als Maura, zu leben. Man kann sie nun streamen und sich von ihr fesseln lassen - was sie in den USA bereits mit sehr vielen Zuschauern getan hat.

"Ich habe euch lieb, ich hab euch lieb.... sehr lieb, Kinder. - "Er hat Krebs um Gottes willen... - Daddy, musst du sterben? - Ich glaub nicht dass er Krebs hat... Er sieht gut aus... Was war das woran, deine Freunde gestorben sind? - Prostata... - Aufhören, Schluss damit! - Nein, ich habe keinen Krebs oder wollt ihr, dass ich Krebs habe?"

Mort Pfeffermann ist emeritierter Professor der Politikwissenschaft und lebt seit Jahren von seiner Frau getrennt in einem noblen Viertel von Los Angeles. Seine Beziehung zu seinen drei Kindern Sarah, Alli und Josh ist zwar intensiv, aber nicht konfliktfrei – alle drei sind wenig einfühlsam.

Als Mort ihnen erzählen will, dass er künftig offen als Frau leben möchte, schafft er es zunächst nicht, sich zu überwinden:

"Also, hört zu! Ich verkaufe das Haus... Ich wills nicht mehr.  - Ich nehm es! - Nein, du nimmst es nicht, du ziehst doch nie in das Nobelviertel... - Ich will nicht drin wohnen, ich verscherbel es!"

So gnadenlos empathiefrei seine Kinder sind, umso stärker stellt sich Mort Pfefferman seinen Gefühlen und den Empfindungen anderer. Diese Figur ist ohne Übertreibung eine der vielschichtigsten Seriencharaktere der letzten Jahre. Über ihn, den jüdischen Professor in Pension, erfährt man erst im Laufe der Serie immer mehr. Seine Neigung, eigentlich als Frau leben zu wollen, trägt Mort Pfefferman schon lange in sich, so erzählen es die Rückblenden in der Serie, aber erst im hohen Alter traut er sich damit rauszukommen.

Seine Tochter erfährt es durch einen Zufall

Ohne es irgendjemandem zu erzählen, traf sich Mort schon in den 90er Jahren mit anderen Transgender-Männern in Las Vegas. Erste Versuche, als Frau auf die Straße zu gehen, erforderten seinen ganzen Mut. Als er in einem Supermarkt seinen Ausweis zeigen musste, war das wie ein Test, erzählt Mort, der nun als Maura Pfeffer leben will, in einer Selbsthilfegruppe. Doch Mort kommen auch Zweifel, ob er es überhaupt seinen Kindern erzählen soll:

"Oh Mann, es ist nicht leicht... Wenn jemand etwas sieht, wovon du nicht willst, dass es jemand sieht."

So steht zunächst die eigentliche Herausforderung, es endlich den Kindern zu sagen, noch aus: Durch einen Zufall trifft Mort dann auf seine lesbische Tochter Sarah, die mit ihrer Freundin Tammy sein zum Verkauf stehendes Haus besichtigen will – Mort kommt in Frauenkleidern durch die Tür – Daddy hat nun also, ungeplant, eine Überraschung parat für seine Tochter:

"Dad...? Sag mal, Dad, was hast du da an? - Ich muss dir etwas sehr Wichtiges sagen, Sarah. Also, ja... ich war noch ein Kind, seit meiner Kindheit, ich war nicht mal fünf, hatte ich das Gefühl, da stimmt irgendwas nicht. Und ich konnte keinem was sagen von meiner femininen Seite, das war eine andere Zeit damals, ziemlich anders war das. Und ich musste all diese Gefühle für mich behalten... - Soll das heißen, dass du dich jetzt immer wie eine Frau kleidest? - Nein, mein Leben lang war ich gekleidet wie ein Mann... DAS bin ich."

Doch während Sarah weit weniger mit der Entscheidung ihres Vaters hadert, sicher auch, weil sie sich von ihrem Mann getrennt hat und mittlerweile in einer lesbischen Beziehung lebt – und von daher weiß, was es heißt, den Mut zu fassen, ein neues Leben zu beginnen, traut sich Mort nicht, seinem Sohn Josh zu eröffnen, dass er als Frau leben möchte. Erst Wochen später sagen es Alli und Sarah ihrem Bruder Josh:

"Dad ist eine Frau, er glaubt er möchte eine Frau sein... Irgendwie so was... Er ist Trans... Das ist nicht komisch, Josh... - Ihr meint das wirklich ernst, ja... - Wir meinen es ernst."

Kein übertriebenes Gekicher

"Transparent" – der Serientitel ist ein Wortspiel, ein Mix aus "Transgender" und "Parent", also Eltern – gleichzeitig meint "Transparent" natürlich auch, dass die Figur Mort nun durchsichtig ist: Das Leben im Geheimen hat ein Ende. "Sollte nicht jeder leben, wie er es für richtig hält", sagt seine Tochter Sarah in einer Szene.

Das Überzeugende und auch das Faszinierende an der Serie ist, dass Schauspieler Jeffrey Tambor so gar nichts Weibliches oder Transsexuelles an sich hat. Auch jede Art von übertriebener Effeminiertheit, von Gekichere und andere gängige Klischees eines Transgender-Mannes werden ausgespart. Jeffrey Tambor wurde dafür völlig zu recht mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Die Figur Mort Pfefferman ist dabei noch nicht einmal besonders charmant gezeichnet. Und doch: Die Serie ist nicht nur eine Geschichte über einen Mann, der als Frau leben möchte, sondern eine Familiengeschichte mit all den kleinen und großen Lügen und Enttäuschungen, die wohl jedes lange Leben durchzieht. Als besonders sympathisch-schräge Figur taucht Morts Ex-Frau Shelly auf, eine schlank-resolute Frau, die jeden Schicksalsschlag mit knallhartem Pragmatismus meistert. Als Shelly erfährt, dass Mort nun Maura ist, findet sie das weder schlimm noch unmoralisch: "Da waren wir wohl das erste gleichgeschlechtliche verheiratete Paar, ohne es damals zu wissen", sagt sie mit einem Lachen.

"Transparent" ist sehr berührend: Die Geschichte der Pfeffermans will man weiterverfolgen, die Veränderungen im Familiengleichgewicht oder besser Ungleichgewicht werden durch Morts Outing so groß, dass man wissen will, wie sich all das weiterentwickelt. In den USA war "Transparent" überaus erfolgreich – so erfolgreich, dass derzeit bereits die zweite Staffel entsteht. Auch wenn das Thema "Dysfunktionale Familie" nicht neu ist – die Serie "Transparent" definiert dieses Sujet noch einmal ganz neu.

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