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Interview | Beitrag vom 14.04.2018

US-Angriff in SyrienDie Niederlage des Westens

Michael Lüders im Gespräch mit Katrin Heise

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14.04.2018, Syrien, Damaskus: Rauch steigt am Himmel über Damaskus nach einem Luftangriff auf. Die USA, Frankreich und Großbritannien haben in der Nacht zu Samstag mit Militärschlägen gegen Syrien begonnen. Trump sagte am Freitagabend in Washington, sie seien eine Vergeltung gegen den Einsatz chemischer Waffen durch die syrische Regierung gegen das eigene Volk. (dpa / picture alliance / Hassan Ammar)
Militärschläge gegen Syrien (dpa / picture alliance / Hassan Ammar)

Der Westen hat den Stellvertreterkrieg in Syrien verloren, sagt Michael Lüders. Nach dem übereilten Militärschlag der USA, Frankreichs und Großbritanniens zeichnen sich nun die Konfliktlinien für größere Konfrontationen in den nächsten Monaten ab, so der Politikwissenschaftler.

Heise: Im Syrien-Krieg war in den letzten Jahren ja immer wieder von roten Linien die Rede. Obama hat sie gezogen, Macron in den letzten Tagen immer wieder. Passiert ist dann aber jeweils recht wenig. Warum ist das so?

Lüders: Ja, das ist die ganz entscheidende Frage. Ich glaube, diese Dramaturgie hat weniger zu tun mit der Frage, was tatsächlich geschehen ist in Syrien, hat es einen Giftgasangriff gegeben oder nicht, wer ist dafür verantwortlich, ist es das Regime, sind es die sogenannten Aufständischen, die ja überwiegend aus Dschihadisten bestehen? Die Untersuchung sollte ja jetzt erst stattfinden, aber anstatt die Ergebnisse derselben abzuwarten, haben USA, Frankreich und Großbritannien militärisch zugeschlagen.

Das Ganze ist natürlich Ausdruck eines Machtspiels, in Syrien zeichnen sich die Konfliktlinien größerer Konfrontationen in den nächsten Monaten ab. Ursprünglich war ja der Krieg in Syrien ein Stellvertreterkrieg und Bürgerkrieg. Aber dieser Stellvertreterkrieg, nämlich die westlichen Staaten, die Türkei und die Golfstaaten, die Assad stürzen wollten, und auf der anderen Seite Russland und der Iran, die das Regime gestützt haben, dieser Stellvertreterkrieg ist ganz klar entschieden worden zugunsten Assads, zugunsten Russlands, zugunsten des Irans, denn Assad wird an der Macht bleiben.

Und die Rückeroberung Ostghutas, also der Gebiete, der unmittelbaren östlichen Vororte von Damaskus hat einmal mehr unterstrichen, dass dieser Stellvertreterkrieg für den Westen verlorengegangen ist. Aber mit dieser Niederlage mochte man sich in Washington nicht abfinden und man hat sich überlegt, wie kann man Russland und Iran herausfordern auf diesem künftigen, neuen Schlachtfeld geopolitischer Auseinandersetzungen. In Syrien konfrontieren sich nicht allein Russland und die USA, sondern eben auch Israel und der Iran. Und das wird sich noch zuspitzen, wenn Trump wie angekündigt im Mai wahrscheinlich das Atomabkommen mit dem Iran aufkündigen wird.

Assad als Herrscher von Moskaus Gnaden?

Heise: Wenn Sie all das beschreiben, was ist eigentlich noch die Rolle des syrischen Regimes? Hat das überhaupt noch was zu sagen, hat Assad noch oder nur noch als Herrscher von Gnaden Moskaus oder Teherans das Wort?

Lüders: Zunächst einmal, wenn wir auf die syrischen Zivilisten schauen, auf die syrische Bevölkerung selbst, so muss man sagen: Das, was die Syrer wollen oder nicht wollen, spielt im Grunde genommen überhaupt gar keine Rolle mehr, denn sie befinden sich in einem Land, in einer geopolitischen Scheidelinie, wenn man so will, wo andere über ihr Schicksal entscheiden. Und das ist die große Tragik des syrischen Volkes: Assads Position ist stark, anders als es die vorherrschende Wahrnehmung im Westen in den letzten Jahren vorgezogen hat zu sehen.

Es ist nicht so, dass die gesamte Bevölkerung gegen Assad aufgestanden wäre, es waren Teile der Bevölkerung. Das ist wichtig zu verstehen, er hat immer noch den Rückhalt eines erheblichen Teils der syrischen Bevölkerung, nicht aus Liebe zu diesem Diktator, aber gerade die religiösen Minderheiten wissen natürlich, was sie erwartet, wenn dieses Regime stürzt und möglicherweise sunnitische Extremisten die Macht übernehmen. Die Sunniten stellen die Mehrheit der Bevölkerung in Syrien, aber die Macht liegt in Händen der religiösen Minderheiten, der Alawiten, aus denen das Assad-Regime hervorgegangen ist. Und wenn diese …

Heise: Wird sich daran jetzt etwas ändern durch die Angriffe, wird sich an dem Rückhalt in der Bevölkerung oder vielleicht einer Opposition etwas ändern durch die Angriffe?

Lüders: Ich glaube, dass die meisten Menschen in Syrien in erster Linie Angst haben und überleben wollen. Und viele sagen sich, okay, das Regime ist furchtbar, aber wenn diese Kämpfe endlich aufhören, dann können wir auch wieder in Frieden leben, und das ist uns lieber als ein endloser Krieg. Und wir sind im Zweifel auch bereit, uns mit Assad zu arrangieren, damit das Laben endlich wieder weitergeht. In den meisten Fällen ist es so, dass, wenn ein Land angegriffen wird, sich die Menschen aus Verzweiflung oder aus Mangel an Alternativen mit dem Regime, das sie haben, identifizieren oder zumindest hoffen, dass der Kampf weitergeht, auch wenn der Machthaber erhalten bleibt.

Heise: Eine erste Einordnung des Islam- und Politikwissenschaftlers Michael Lüders zu den Angriffen heute Nacht in Syrien. Danke schön, Herr Lüders!

Lüders: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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