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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.01.2012

Urbanes Unterbewusstsein

Die Klanginstallation "Unterton" in Berlin

Von Jürgen König

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Blick auf den Martin-Gropius-Bau in Berlin (jirka-jansch.com)
Blick auf den Martin-Gropius-Bau in Berlin (jirka-jansch.com)

Inmitten von Museen und Gedenkstätten wollen Ina Geißler und Fabian Lippert den verwaisten Platz vor der Rückseite des Martin-Gropius-Baus neu beleben. Angekündigt werden unterirdische Laute, die von Passanten ausgelöst werden.

Glocken aus der Tiefe: man hört sie noch in einiger Entfernung; sie umgeben den ganzen großen Martin Gropius-Bau. Auf dessen Südseite war zu Mauerzeiten der Haupteingang des Gebäudes, seit Jahren ist der Platz verwaist, war mehr ein Durchgangsweg hin zur benachbarten Gedenkstätte "Topographie des Terrors", jener Ort, an dem früher die Gestapo und die "Reichsführung SS" ihren Sitz hatten. Diesen Weg neu zu beleben, war Ziel des "Kunst-am-Bau-Realisierungswettberbs", finanziert aus Mitteln des Konjunkturprogramms der Bundesregierung. Die Malerin Ina Geißler und der Architekt Fabian Lippert entschieden ihn für sich, und machten mit ihrer Klanginstallation "Unterton" aus dem Weg wieder einen Platz.

"Wir haben uns eigentlich überlegt: wie nimmt man diesen Ort überhaupt wahr? Und das ist meistens durch den Passanten oder die Passantin, die quer den Platz kreuzt. Das heisst, dieses Thema der Bewegung war uns sehr wichtig. Wir wollten also nicht ein Monument, ein Icon hier irgendwie platzieren, sondern etwas, was man in der Bewegung wahrnimmt und was auch selber Bewegung hat."

Zwei Gully-Schächte hatte der Weg, Ina Geißler und Fabian Lippert fügten sechs weitere hinzu, kreisförmig angelegt. Den so entstandenen Platz beobachtet eine Kamera: von einer Bilderkennungssoftware gesteuert, werden in den Gully-Schächten elektromagnetische Hämmerchen gegen die Gullydeckel geschlagen, sobald ein Passant ihn betritt: Glockenhämmer, wie man sie für Kirchenglocken verwendet. Je aktiver ein Passant ist, desto mehr hört er.

Wer den Mittelpunkt des Platzes betritt, hört ganze Klangbilder: aus bis zu acht Gullyschächten tönt es herauf; computergesteuert, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, klingt die Anlage immer anders: entstehen soll ein amorphes unvorhersehbares Klangspiel, das im Besucher innere Bilder auslösen soll, Bilder aus Rhythmen, Kreisen, Wellen. Der Komponist Lutz Glandien "komponierte" und programmierte diese Klänge für Glockenhämmer, auf der Grundlage verschiedener "Klangaquarelle" von Ina Geißler. Wie malt man einen Klang?

"Ich habe Aquarelle und Zeichnungen gemacht, wie die Klänge sich über den Platz bewegen sollen, also als Kreis oder als Stern, und Ziel war eigentlich halt eben, diese geometrischen Bilder durch Klänge vor dem inneren Auge erscheinen zu lassen. Also dass man da sich auf dem Platz bewegen kann und dann Bilder wahrnehmen kann, also Bilder hören."

Töne aus dem Untergrund der Stadt: von einem "urbanen Unterbewusstsein" sprechen die Künstler und lächeln hintersinnig: "ein wunderbarer Begriff, was immer er auch bedeuten mag", will uns das Lächeln sagen. Eine Passantin hat gleich sehr konkrete Assoziationen:

"Automatisch denke ich an Bali, an Gamelan-Musik, stelle mir Tänzerinnen vor, die hier bunt und schön tanzen zum Rhythmus dieser Musik und innehalten, wenn sie verstummt."

Glocken aus der Tiefe: jeder Besucher wird sich etwas anderes dabei denken, wer sich gar nichts dazu denkt, hat auch seinen Spaß, fühlt sich eingeladen, einfach nur: zu hören, auf die Hämmerchen in den Gullys, auf das Rauschen der Stadt, auf den Wind, und - wer weiß, vielleicht auch - auf sich selbst?

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