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Buchkritik | Beitrag vom 17.06.2017

Upton Sinclair: "Boston"Diese Wiederentdeckung hat es in sich

Von Maike Albath

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(Bild: imago/United Archives International Cover: Manesse Verlag)
Die Beerdigung der italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti (Bild: imago/United Archives International Cover: Manesse Verlag)

Upton Sinclair ist der große Gesellschaftskritiker der amerikanischen Literatur. Jetzt wurde sein Klassiker "Boston" neu übersetzt. Darin geht es um die Todesurteile gegen zwei italienische Anarchisten. Sinclairs Kapitalismuskritik ist auch heute aktuell.

Upton Sinclair (1878-1968) war eine Naturgewalt unter den politisch engagierten amerikanischen Schriftstellern des frühen 20. Jahrhunderts – von schwindelerregender Produktivität und enormer Wirkung. Knapp hundert Romane veröffentlichte der Autor, etliche ziegelsteindick und inspiriert von realen Geschehnissen.

Der Verfasser recherchierte in Fabriken, unter Landarbeitern oder in der Ölindustrie; die Salons der alteingesessenen Magnaten kannte er durch seine Großeltern und die begüterte Familie seiner ersten Frau. Sinclairs Abrechnung mit den Missständen in der Fleischindustrie in "Der Dschungel" (1906) führte sogar zu einer Gesetzesreform.

"Boston", im Original 1928 veröffentlicht, im Jahr darauf auf Deutsch erschienen und jetzt in einer prägnanten Neuübersetzung herausgekommen, ist ein dokumentarischer Roman über das Todesurteil gegen die italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti, das auf einem umstrittenen Gerichtsverfahren gründete, international zu Protesten führte und 1927 vollstreckt wurde.

Kombination aus Journalismus und Literatur

Effektvoll mischt Sinclair journalistische Praxis mit literarischen Verfahren. Prozessakten, Zeitungsberichte und Zeugenaussagen fließen in den Roman mit ein; Ortstermine in Gefängnissen und Gespräche mit Vanzetti gehörten ebenso zur Vorbereitung wie die Beschäftigung mit dem amerikanischen Justizsystem. Tatsächliche Personen treten unter Klarnamen auf, zugleich stellt Sinclair ihnen eine Reihe von fiktiven Figuren zur Seite.

Neben einer bestechenden Analyse der korrupten Verhältnisse und der fragwürdigen Gerichtsbarkeit liefert Sinclair ein bestürzendes Bild der selbstgefälligen Oberschicht und erzählt die Geschichte einer Rebellion. "Boston" beginnt nämlich wie ein süffiger Gesellschaftsroman und setzt ein mit einer pompösen Beerdigung: Der Patriarch Josiah Thornwell, Inhaber eines Firmenimperiums, wird standesgemäß bestattet, aber hinter den Kulissen streiten bereits die Kinder um seine Hinterlassenschaften, nur seine Witwe Cornelia ist erleichtert.

Die kapitalistische Verrohung

Zum ersten Mal seit vierzig Jahren bestimmt sie selbst über ihr Schicksal und kehrt ihrer Sippe den Rücken. Sie verdingt sich anonym in einer Fabrik, erlebt die demütigenden Arbeitsbedingungen, erfährt aber von ihren Vermietern, Familie Brini aus Italien, Fürsorge und Solidarität. Bei den Brinis schließt sie Freundschaft mit dem umtriebigen Vanzetti. Nach einem Jahr gibt Cornelia den mühseligen Broterwerb zwar wieder auf, aber ihr politisches Bewusstsein, mit dem sie auch ihre Nichte Betty ansteckt, ist geschärft.

Beide engagieren sich für das Frauenwahlrecht, und als Vanzetti und sein Freund Sacco eines Raubmordes bezichtigt werden und im Gefängnis landen, facht das den Kampfgeist beider Frauen erst recht an. Ausrichten können sie mit ihrem Engagement nur wenig – trotz gefälschter Beweise und der nachweislichen Befangenheit des Richters.

"Boston" bietet eine erschütternd aktuelle Schilderung kapitalistischer Verrohung und zeigt auf, mit welchen Mitteln herrschendes Recht gebeugt werden kann. Die Neuübersetzung orientiert sich vor allem in der vielschichtigen Figurenrede stärker am Original. Eine Wiederentdeckung, die es in sich hat.

Upton Sinclair: Boston
Aus dem amerikanischen Englisch von Viola Siegemund
Manesse Verlag, Zürich 2017
1030 Seiten, 42 Euro

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