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Mittwoch, 22.11.2017

Interview | Beitrag vom 19.09.2017

Unisex-Mode für KinderAde, Prinzessin Lillifee?

Barbara Vinken im Gespräch mit Ute Welty

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(picture alliance / dpa / Universum-Film)
Rosa Kleidchen und Schleife im Haar: Viele Mädchen wollen aussehen wie Prinzessin Lillifee - noch. (picture alliance / dpa / Universum-Film)

Der Unisex-Trend erreicht die Kinderkleidung - oder jedenfalls fast. Denn die entsprechende Kollektion eines britischen Modehauses löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die Modehistorikerin Barbara Vinken hält es aber für möglich, dass der Trend sich durchsetzt.

Rosa das Mädchen, hellblau der Junge - damit könnte bald Schluss sein: Zumindest bietet ein britisches Modehaus jetzt geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder an. Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Barbara Vinken hält es für denkbar, dass sich der Trend durchsetzt und dass die Zeiten von "Prinzessin Lillifee" und "Bob dem Baumeister" irgendwann vorbei sind.

Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken setzt sich mit dem Phänomen der Mode als Zeichen- und Kommunikationssystem auseinander (picture alliance / dpa-Zentralbild / Arno Burgi)Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken setzt sich mit dem Phänomen der Mode als Zeichen- und Kommunikationssystem auseinander (picture alliance / dpa-Zentralbild / Arno Burgi)

Auch die Damenmode sei ja den Weg zum Unisex gegangen, sagte Vinken im Deutschlandfunk Kultur. "Das ist ein Trend, der in den 70er-Jahren vollendet war, mit der Übernahme nämlich des Smokings in die Damenmode durch Yves Saint-Laurent, der dann mit einer Crêpe-de-Chine-Bluse zusammen getragen wurde."

Als Jungs noch kleine Engel waren

Vielleicht folge die Kindermode eher wieder der Erwachsenenmode, so wie es vom Mittelalter bis zum Barock gewesen sei, so Vinken. Damals sei die Kindermode außerdem auch Unisex gewesen. Aber unisex-weiblich:

"Bis zu fünf, sechs Jahren trugen Mädchen und Jungen dasselbe, so kleine Spitzenhemdchen, wenn sie denn adlig waren, aus ganz feiner Baumwolle oder auch Seide und sahen mit ihren goldenen Locken eigentlich alle ziemlich ähnlich aus. Also, dieser Unisex bei kleinen, bei ganz kleinen Kindern, gab es früher sehr stark. Und es gab früher wie gesagt eher, dass die Jungs engelig aussahen, mit Röckchen, mit Kleidchen eben wie die Mädchen eigentlich."

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Selbstverständlich haben Frauen die Hosen an! Nicht ganz so selbstverständlich außer bei den Schotten tragen Männer manchmal Röcke. Aber für alle gilt, dass Unisex Trend ist. Das Geschlecht steht immer häufiger in der Mode nicht mehr im Vordergrund. Der Unisex-Trend hat auch die Kinderbekleidung erreicht. Ein britisches Modehaus löst aber mit der geschlechtsneutralen Kleidung für Kinder einen Sturm der Entrüstung aus: "Total übergeschnappt", hieß es in den Medien. Barbara Vinken ist Professorin für Literaturwissenschaften in München und hat mehrere Bücher über den Zusammenhang von Kleid und Geist geschrieben. Guten Morgen, Frau Vinken!

Barbara Vinken: Guten Morgen!

Welty: Glauben Sie, dass sich Unisex bei Kinderkleidung durchsetzt und dass die Zeiten von Rosa und Hellblau, von "Prinzessin Lillifee" und "Bob dem Baumeister" tatsächlich vorbei sind?

Vinken: Also, vorstellbar wäre das schon, weil die Damenmode ja auch den Weg zum Unisex gegangen ist. Das war im Übrigen eine Einbahnstraße, nämlich dass die Frauen sich die Hosen erobern, dass die Frauen sich die Männerkleider erobern, die Männer aber von Damenkleidung eigentlich weitgehend absehen. Das ist ein Trend, der in den 70er-Jahren vollendet war, mit der Übernahme nämlich des Smokings in die Damenmode durch Yves Saint-Laurent, der dann mit einer Crêpe-de-Chine-Bluse zusammen getragen wurde. Insofern ist es total vorstellbar, dass auch die Kindermode denselben Weg geht.

Früher sahen die Jungen "engelig" aus

Welty: Welchen Reim machen Sie sich darauf, dass Grau in allen Schattierungen die vorherrschende Farbe von Unisex-Kinderkleidung ist? Ist das ein Bekenntnis zur Tristesse unserer Zeit?

Vinken: Sagen wir mal, Grau ist ja sowieso seit zehn Jahren die absolute Modefarbe. Ich würde sagen, vielleicht nicht … Es gibt immer Schwankungen, jetzt gerade wieder Rot oder Elektrikblau und so, aber grau ist ja eigentlich komplett Standard geworden in der Bekleidung für sowohl Männer als auch Frauen. Und auch hier, vielleicht folgen die Kinder eher wieder der Erwachsenenmode. Wenn Sie sich überlegen, war das ja schon mal so in der Renaissance, im Mittelalter sowieso, aber auch in der frühen Neuzeit so bis zum Barock hat die Kindermode sich sowieso sehr viel stärker an die Erwachsenenmode angelehnt, man kann sagen, da gab es eigentlich gar keine richtige Kindermode. Unisex war sie auch, diesmal eigentlich aber eher im Weiblichen. Bis zu fünf, sechs Jahren trugen Mädchen und Jungen dasselbe, so kleine Spitzenhemdchen, wenn sie denn adlig waren, aus ganz feiner Baumwolle oder auch Seide und sahen mit ihren goldenen Locken eigentlich alle ziemlich ähnlich aus. Also, dieser Unisex bei kleinen, bei ganz kleinen Kindern, gab es früher sehr stark. Und es gab früher wie gesagt eher, dass die Jungs engelig aussahen, mit Röckchen, mit Kleidchen eben wie die Mädchen eigentlich.

Welty: Vielleicht hat man ja auch deswegen das mit dem Rosa und Hellblau erfunden, damit man nicht immer fragen muss: Ist es ein Junge oder ist es ein Mädchen?

Vinken: Ja genau, das legt natürlich die Geschlechtsidentität fest, und im Übrigen waren noch im 19. Jahrhundert die Jungen rot oder rosa und die Mädchen hellblau wegen der Madonna. Also, auch diese Sachen haben sich sehr stark geändert und da gibt es große Wandlungen. Und gut, für uns ist jetzt eben hellblau: It’s a boy! Und rosa: Es ist ein Mädchen!

"Unisex ist eigentlich das Segeln unter falscher Flagge"

Welty: Unisex-Theoretiker sagen, geschlechtsneutrale Kleidung stellt endlich die Person in den Vordergrund und nicht die Hülle. Aber soll Kleidung nicht die Person betonen, zu der eben auch ein Geschlecht gehört?

Vinken: Ja, und ich finde diese Theorie wirklich … Die ist meiner Ansicht nach absolut falsch, weil natürlich das Geschlecht die Person definiert oder das Gender die Person definiert und wir uns ja jemanden, der nicht Mann oder nicht Frau oder nicht Junge oder nicht Mädchen ist, eigentlich gar nicht vorstellen können. Und deswegen ist Unisex eigentlich das Segeln unter falscher Flagge, weil die Unisex-Mode de facto – das heißt also, die Übernahme der Männermode in die Frauengarderobe – den Hauptunterschied zwischen Männern und Frauen verstärkt hat, nämlich der betonten Sexiness oder Erotik bei den Frauen und unmarkierter Sexualität bei den Männern. Nämlich, die Hosen zeigten natürlich das, was die Frauenmode nie zeigen durfte, nämlich Po und Beine, und waren deswegen Stil einer stärkeren Erotisierung der Frau.

Welty: Die Hose ist eine stärkere Erotisierung der Frau als der Rock?

Vinken: Ja klar, natürlich! Weil, die Röcke waren ja am Anfang vor allen Dingen weit. Das heißt, die Hose war natürlich auch weit, aber nicht so weit wie der Rock. Das heißt, in der Hose sahen Sie die Oberschenkel und den Po, jedenfalls deutlich besser als im Rock.

Welty: Das ist aber heute ganz anders!

Vinken: Heute ist das ganz anders. Obwohl, wenn Sie an Skinny Jeans denken, der Po in der Jeans war doch ein erotischer Renner, oder?

Das Geschlecht wird einem auf den Körper genäht

Welty: Das stimmt wohl! Wann fängt Mode denn für Sie an, Menschen zu prägen? Erst wenn sie selbst entscheiden, was sie anziehen, oder bereits, wenn sie von ihren Eltern noch angezogen werden?

Vinken: Ganz klar natürlich, wenn sie angezogen werden. Weil, man sagt ja auch: Geschlechtszuschreibung. Und insofern kann man auch sagen, man zieht sich das Geschlecht mit an, es wird einem zugeschrieben, es wird einem auf den Körper genäht in gewisser Weise. Es wird einem tatsächlich angepasst. Und insofern ist das natürlich ein Akt der Zuschreibung.

Welty: Das heißt, man muss sich bei Unisex-Kleidung für Kinder eigentlich und vor allem mit den Eltern beschäftigen?

Vinken: Ja, auf jeden Fall, und zweitens mal glaube ich, wie gesagt, dass das Unisex in dem Sinne, dass es keine Geschlechtlichkeit oder auch keine Geschlechterdifferenz gibt, das halte ich wie gesagt für einen absoluten Irrtum. Und man muss sich ja mit den Eltern beschäftigen, weil das Begehren der Eltern natürlich in dem Geschlecht der Kinder oder in der Geschlechtszugehörigkeit der Kinder eine ganz starke Rolle spielt, ja.

Welty: Was ist mit den Kindern, die schon sehr früh sagen: Ich weiß nicht so recht, ob ich jetzt tatsächlich Junge oder Mädchen bin, ich will mir jetzt irgendwie das Beste aus beiden Welten heraussuchen und sowohl das Baseball-Shirt als auch das Spitzenkleid anziehen können?

"Cross-Dressing" ist der Reiz der Mode

Vinken: Ist selten, aber warum nicht? Das finde ich eigentlich völlig legitim und eigentlich eine gute Idee. Ich finde es auch zum Beispiel sehr interessant, wenn Jungs sagen, sie sind eher Mädchen, sie fühlen sich eher wie Mädchen, und dann Mädchenkleidung anziehen wie zum Beispiel kürzlich in dem Film "Una mujer fantástica". Ich finde, dass man da nicht streng sein sollte und dass man da jetzt nicht drauf beharren sollte, dass irgendwie das Biologische mit dem Gender zusammengehören sollte, sondern dass man natürlich Cross-Dressing machen kann. Das ist sowieso der eigentliche Reiz der Mode, Cross-Dressing!

Welty: Diesen Satz nehmen wir mit in diesen Dienstag! Unisex-Kleidung für Kinder ist ein Trend und ein umstrittenes Thema, ich habe darüber gesprochen mit Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, die ein großes Herz und ein großes Interesse für Mode hat. Haben Sie herzlichen Dank!

Vinken: Danke! Schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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