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Mahlzeit | Beitrag vom 09.06.2017

UmweltskandalPapierschlämme als Düngemittel

Von Udo Pollmer

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Eine Ackerfläche im Landkreis Rastatt (Baden-Württemberg) aus der ein Landwirt eine Bienenweide gemacht hat, da der Boden mit sogenannten per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) belastet ist, aufgenommen am 19.09.2016. Rund 400 Hektar Ackerboden in Mittelbaden sind mit PFC-Chemikalien verseucht.  (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Rund 400 Hektar Ackerboden in Mittelbaden sind mit PFC-Chemikalien verseucht. (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Ab 2005 durften giftige Papierschlämme nicht mehr auf Deponien entsorgt werden. Offenbar verschenkte darauf ein findiger Komposthändler große Mengen Schlämme als Kompost an badische Bauern. Das habe das Zeug zum größten Umweltskandal Deutschlands, meint Udo Pollmer.

Das Ungemach nahm seinen Lauf, als die Wasserwerke im badischen Rastatt im Jahr 2013 begannen, ihre Rohwässer probehalber mal auf poly- und perfluorierte Schadstoffe zu untersuchen, kurz PFC genannt. Daraufhin wurden zwei von drei Wasserwerken geschlossen.

Von diesen altgedienten Fluor-Chemikalien gibt es zigtausende, von denen nur ein verschwindend kleiner Teil zuverlässig analysiert werden kann. Wir sehen also nur die Spitze eines gewaltigen Eisberges.

Große Mengen Papierschlämme auf den Äckern

Aber bereits diese Spitze hat das Zeug zum größten Umweltskandal Deutschlands. Die Ursache ist schnell erzählt: Zwischen 2005 und 2008 wurden "Papierschlämme" in großen Mengen auf den Äckern ausgebracht, "zu großen Anteilen auch pur" und manchmal gleich mehrfach pro Jahr, so das Stuttgarter Umweltministerium. Bei Regen sickerten die PFC ungehindert ins Grundwasser.

Papierschlamm ist nicht etwa wertvoller Dünger, der bei der Herstellung von Papier entsteht, sondern giftiger Müll, der beim Recycling, also der Herstellung von Ökopapier anfällt. Diese Schlämme können neben vielen anderen Giften reichlich PFC enthalten. Die geraten über Pizzakartons und Kaffeebecher hinein, denn PFC macht Papier wasser- und fettabweisend. Daneben sind PFC im Haushalt geschätzt: in Teflonpfannen, Kosmetika oder wasserdichter Outdoor-Kleidung.

Ein Heiligenschein vom Typ "Recycling"

Ausgangspunkt des Öko-Skandals war ein Verbot: Ab 2005 durften die giftigen Schlämme nicht mehr auf die Deponie. Also brauchte man neue Entsorgungswege. Ein Heiligenschein vom Typ "Recycling" verscheucht offenbar alle Bedenken.

Die Landwirte bekamen den Müll gratis – auch die Ausbringung auf dem Acker gehörte zum Geschenkpaket. Da griffen viele zu. Heute beteuern sie, im guten Glauben gehandelt zu haben.

Es ist wohl reiner Zufall, dass der Abfall auf gepachteten Flächen landete und nicht auf jenen, die den Bauern selbst gehören. Klar, die Pachtpreise sind hoch – da muss man sparen, wo man kann, um den Verpächter bezahlen zu können. Das hat er nun davon.

Verfahren wegen Verjährung eingestellt

Auch manch ein Landwirt kam nicht ungeschoren davon: Im Blut eines Berufskollegen fand sich ein Milligramm PFC pro Liter, zweihundertmal mehr als üblich. Ungeschoren dafür blieb der nach Ansicht des Regierungspräsidiums Karlsruhe Hauptverantwortliche – ein badischer Komposthändler. Doch die Staatsanwaltschaft stellte nach jahrelangen Ermittlungen das Verfahren ein, schließlich sei die Straftat verjährt und es sei nicht auszuschließen, dass die Landwirte noch anderen Mist auf ihre Äcker gekippt hätten.

"Bereits jetzt können viele landwirtschaftliche Flächen nicht mehr aus eigenen Brunnen versorgt werden", klagt der Bürgermeister von Rastatt. Manche Flächen wurden erst durch Bewässerung verseucht, Biobauern, die ihre Gewächshäuser aus eigenen Brunnen versorgten, können diese nun nicht mehr nutzen, denn viele Pflanzen reichern PFC an.

Der Kompost- bzw. Ökoschlammlieferant hatte, so die Frankfurter Allgemeine, selbst biologischen Landbau betrieben und sogar den Umweltpreis der Stadt Baden-Baden erhalten. Nicht ohne Ironie wirbt er mit dem Slogan "Ein Umweltspezialist kennt sich aus".

Kosten in Milliardenhöhe befürchtet

Fachleute fürchten Kosten in Milliardenhöhe. Die Landesregierung spielt auf Zeit, der Schaden sei einfach zu groß, als dass man handeln könne. Mit der Sanierung soll frühestens 2021 begonnen werden. Die betroffene Fläche: Fast fünf Quadratkilometer, die ausgebrachte Menge: fast 5.000 Tonnen Schlamm.

Wie die Frankfurter Allgemeine meldet, hat der fragliche Händler jedoch über 100.000 Tonnen Müll bezogen – doch niemand weiß, wo die gelandet sind. Inzwischen tauchen auch andernorts PFC-Belastungen auf, verursacht durch andere Komposthändler. In Deutschland fallen jedes Jahr insgesamt mehrere Millionen Tonnen giftiger Schlämme aus dem Papierrecycling an.

Es geht nicht nur um ein paar geschlossene Brunnen. Unter den sandigen Böden fließt das Oberrhein-Aquifer, einer der größten unterirdischen Ströme Europas, langsam nach Norden. Der PFC-Skandal hat mit der Einstellung des Verfahrens gegen die Verursacher gerade erst begonnen. Mahlzeit!

Literatur:

Frey, A./ Klatt, P.: Wer trägt die Schuld? FAZ-Online  13. Feb. 2017

Böhlen, B. et al: Sanierungsplan PFC-Belastung in Mittelbaden. Kleine Anfrage. Antwort des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft. Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 15 / 6258 16. 12. 2014

Woodward, D. et al: Understanding PFAS fate and transport. Newmoa Web Conference Presentation 30. Nov. 2016

Bäuerle, J.: Präsentation des Landratsamtes Rastatt zur Informationsveranstaltung zur PFC-Problematik. Rastatt, 1. Dez. 2016

Fritsch, P.: Stadträtin: "Ich nenne das Betrug". Badener Tagblatt 17. Juli 2014

Redaktion Good News: Regierungspräsidium Karlsruhe wegen PFC-Entscheidung irritiert - "Können die strafrechtliche Bewertung der Staatsanwaltschaft Baden-Baden nicht nachvollziehen". Good News 4 Baden-Baden, 01.02.2017

UBA: Fortschreibung der vorläufigen Bewertung von per‐  und polyfluorierten Chemikalien (PFC) im Trinkwasser. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 2017; 60: 350–352

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