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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.08.2015

Toulouse-Lautrec und die FotografieAnsichten eines Clowns

Von Johannes Halder

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Eine Besucherin betrachtet in den Kunstsammlungen Chemnitz die Lithografien "Bruant im Eldorado" und "Bruant im Ambassadeurs" (vorn) aus dem Jahre 1892 von Henri de Toulouse-Lautrec (1864 - 1901). (picture-alliance/dpa - Wolfgang Thieme)
Ohne Zweifel zwei der bekanntesten Motive von Toulouse-Lautrec: "Bruant im Eldorado" und "Bruant im Ambassadeurs" (vorn) (picture-alliance/dpa - Wolfgang Thieme)

Der französische Maler Henri Toulouse-Lautrec erkannte früh die Vorzüge der Fotografie für seine Malerei und nutzte sie, um seine weltbekannten Lithografien zu fertigen. Auch er selbst ließ sich gern und unerschrocken fotografieren. Das Kunstmuseum Bern hat dem jetzt eine Ausstellung gewidmet.

Da sitzt er, auf einem Foto von 1894, vor der Staffelei – Toulouse-Lautrec, wie man ihn kennt: kurze Beine, Brille, Bart und Strohhut. Und man muss zweimal hinsehen, denn direkt gegenüber auf dem Hocker hat er selber Platz genommen als sein eigenes Modell. Ein Trick, der damals durchaus üblich war, sagt der Kurator Rudolf Koella.

"Technisch machbar war das, indem man einen Teil der Linse abdeckte oder aber eine Fotomontage machte. Lustig ist dieses Bild aber dennoch. Und ich denke, man sieht es auch dem Gesichtsausdruck von Toulouse-Lautrec an, dass er selber Spaß hatte an der Aufnahme."

Spaß hatte er, der Spross eines Adelsgeschlechts, der zum Zeitvertreib mit seinen Künstlerfreunden vor der Kamera kurzweilige Maskeraden und Travestien inszenierte.

"Das war eine Art Hobby von ihm, dass er sich immer wieder verkleidet hat, als Samurai, als Chorknabe, als Muezzin oder als aufgedonnerte Kabarettsängerin. Also die unglaublichsten Rollen hat er für diese Fotografien gespielt."

Eintauchen in das Leben der Pariser Bohème

Ansichten eines Clowns, wenn man so will. Toulouse-Lautrec mit Spazierstock und Hut, auf einem Foto von 1894 sieht das aus wie Charlie Chaplin, nur 20 Jahre früher.

Das ist die eine Seite dieser Schau, die in 14 thematischen Sälen zunächst das familiäre Umfeld des Künstlers erschließt, dann aber eintaucht in das Leben der Pariser Bohème, in die Welt der Varietés und Bordelle und ihrer Protagonisten – gemalt, gezeichnet, fotografiert. Der Künstler in der Sonne dösend, einmal sogar nackt auf einem Segelboot, sehr amüsant. Erstaunlich, dass Toulouse-Lautrec nie seine körperlichen Makel zu verbergen sucht – im Gegenteil: karikierend treibt er gar sein Spiel damit. Selbst fotografiert hat er nicht.

"Wenn er eine Fotografie brauchte, dann hat er einen Freund gefragt, dass er ihm eine Aufnahme mache, zum Beispiel als Vorlage für ein Bild. Oder er hat sich diese Aufnahmen bei professionellen Fotografen besorgt."

Das Auge von Paris

Toulouse-Lautrec, das Auge von Paris, hatte ohnehin einen geradezu fotografischen Blick. Er liebte steile Perspektiven und kühne Bildausschnitte – eine Optik, wie sie die handliche Boxkamera, die ab 1888 verfügbar war, dann populär machte. Der Apparat hatte statt der Glasplatten einen Film und erlaubte den Fotografen spontane Schnappschüsse, wie sie ähnlich auch in seinen Bildern anzutreffen sind.

"Die besten Bilder von Toulouse-Lautrec sind Momentaufnahmen, das sind Dinge, die er vor Augen hatte und die er möglichst schnell einfangen wollte. Und die Fotografie diente nur dazu, dieses spontane Erlebnis, Ereignis festzuhalten."

Nötig hatte er das nicht, aber die Hilfe der Fotografen erleichterte ihm die Arbeit.

"Anstatt dass er wie seine Kollegen ein Modell in sein Atelier kommen ließ und nochmal kommen ließ und nochmal kommen ließ, hat er gesagt: Das ist doch viel einfacher. Ich lasse ein Foto machen und male das Ding nach dem Foto."

Das ermöglichte ganz neue Bildkonzepte bei der Bewegung von Tänzerinnen und Sängerinnen, beim Tempo auf der Rennbahn, dem wirbelnden Trubel im Zirkus und dem Rummel in den Lokalen. Reihenweise begegnen wir Lautrecs Lieblingsmodellen und entdecken verblüffende Gegenüberstellungen: etwa das hochgeschwungene Bein der berühmten Tänzerin Jane Avril – einmal auf dem Foto, daneben fast identisch auf dem Plakat.

Bordellalltag als Bildergeschichte

Im Bordell übrigens war die Kamera tabu. Im letzten Saal der Schau protokolliert Lautrec den Tagesablauf der Prostituierten wie eine anrührende Bildergeschichte. Als diskreter Beobachter schildert er den Alltag hinter den Kulissen der Lust, von Erotik kaum eine Spur. Fast möchte man sich auf Zehenspitzen davonschleichen – so lebensnah intim ist man Toulouse-Lautrec und seiner Welt noch nie gekommen wie hier in dieser wunderbaren Schau.

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