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Interview | Beitrag vom 14.09.2017

Theaterprojekt "Welche Zukunft?""Wenn eine Blase platzt, trifft es ganz viele"

Andres Veiel im Gespräch mit Christine Watty

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Filmregisseur Andres Veiel (Carsten Kampf)
Andres Veiel ist einer der Initiatoren des Workshop-Theaterprojekts "Welche Zukunft?". (Carsten Kampf)

Das Deutsche Theater in Berlin wird zum Labor: Publikum und Wissenschaftler beschäftigen sich in Workshops mit dem, was kommt. Wie in dem Projekt "Welche Zukunft?" im Lauf eines Jahres ein Theaterstück entstehen wird, erklärt der Regisseur Andres Veiel.

Christine Watty: Stellen Sie sich einen Tag im Jahr 2028 vor. Kanzlerin ist dann Frau von der Leyen. Kurz zuvor wurde die Weltwirtschaft komplett lahmgelegt und durch einen Megafinanzcrash ist das Vertrauen in die Politik und in die Staatengemeinschaft komplett dahin. Die Demokratie muss dringend gerettet werden. Gruselige Vorstellung.

Ausgedacht haben sich dieses Szenario die Köpfe vom Workshop-Theaterprojekt "Welche Zukunft?", das mit Publikum und vielen Experten und Wissenschaftlern stattfindet, zunächst eben in Workshops, die sich um dieses Zukunftsszenario kreisen und wie man es verhindern könnte, und schließlich in einem Theaterstück in einem Jahr enden soll. Ich habe mit dem Film- und Theaterregisseur Andres Veiel gesprochen und ihn gefragt, wie genau das Ganze abläuft und was eigentlich die Voraussetzung dafür war.

Was hätten wir eigentlich tun können?

Andres Veiel: Erstmal war es so, dass es einen Ausgangspunkt gibt. Ich hatte ja ein Stück gemacht, wo ich mit verschiedenen Vertretern der Finanzbranche die letzte Krise analysiert habe. Und in Gesprächen in den letzten Monaten und Jahren ist mir immer wieder bestätigt worden, wir laufen alle, was die Finanzarchitektur angeht, so, wie die Wirtschaft aufgestellt ist, auf einem sehr dünnen Eis im Moment. Alle, mit denen ich gesprochen habe, sagen, es wird einbrechen. Keiner weiß genau, wann. Es wird wieder eine neue Blasenbildung geben, es fließt einfach zu viel Geld um diesen Erdball, das nicht an die Produktivität gebunden ist. Das heißt, wenn eine Blase platzt, trifft es ganz viele.

Und die Frage war für uns, wir wollen nicht wieder dann, wenn es passiert ist, tätig werden, ein Stück machen oder einen Film machen, sondern wir wollen diese Krise beschreiben, mit vielen anderen zusammen, mit Wissenschaftlern, aber auch mit Publikum, in Szenarien, und damit die Frage stellen, was hätten wir heute tun können, wenn wir es hätten wissen wollen. Weil die Informationen sind ja da, sie werden zusammengesetzt. Und wir gehen, wenn man so will, in diesem Labor in die Zukunft, um dann irgendwann die Frage zu stellen, was hätten wir eigentlich tun können. Wollen wir es wissen? Wollen wir uns damit beschäftigen? Und dieser Labortag im Deutschen Theater ist ein Anfang, sich damit zu beschäftigen, mit 13 Wissenschaftlern in 13 Workshops und eben Publikum, die da dazukommen können.

Watty: Also Sie arbeiten in dem Projekt damit, dass Sie quasi einen Blick aus der Zukunft heraus zurück auf unser Heute simulieren wollen – was werden wir später vielleicht mal über das denken oder sagen, was wir heute getan oder gelassen haben? Was ist denn der Vorteil dieses Blickwinkels?

Veiel: Erstmal ist es eine Notwendigkeit, es ist nicht nur ein Vorteil, es ist eine Notwendigkeit, dass wir uns mit Zukunft beschäftigen, dass wir eben nicht fatalistisch reingucken und sagen, na ja, da wird irgendwas passieren, wir können ohnehin nichts machen. Wir stellen ja immer wieder fest, dass wir vieles wissen – vieles können wir zwar noch nicht einschätzen, was dann tatsächlich passiert, aber es gibt ja eine Unmenge Wissen schon, Möglichkeiten, Szenarien, was passieren könnte.

Gestaltungsräume entdecken

Und wenn wir jetzt nicht angstgetrieben in die Zukunft gucken, sondern sagen, das sind Gestaltungsräume, es ist so, dass wir uns nicht nur mit dem Klima, mit der Entwicklung des Klimas, was ja im Moment einfach sehr aktuell ist, sondern auch mit der Entwicklung von Ökonomie, von Finanzfragen, von der Frage Landverteilung, Frage Migration, also ganz viele Punkte, wo in der nächsten Zeit sehr viel passieren wird. Und damit wir nicht immer dann erst handeln, wenn es zu spät ist, heißt das ja, wir müssen uns damit beschäftigen, und dann kommen wir zurück in Gestaltungsräume. Ich glaube, das ist ein sehr einfacher und sehr schöner Gedanke, weil wir da nicht bei der Angst stehenbleiben.

Watty: Wir brauchen also den Crash, um jetzt zu agieren. In der Fiktion kann man natürlich damit drohen. Wie aber kommen wir in der Realität weiter, ohne, wie jetzt, immer zu sagen, na ja, also das wird schon, und was in 20 Jahren ist, na ja, da muss ich jetzt im Moment mich noch nicht so wahnsinnig engagieren. Also kann dieses Projekt genau diese Haltung ändern?

Veiel: Ich glaube schon, weil wir ja jetzt nicht irgendwelche Fantasieszenarien entwerfen. Es sind ja Wissenschaftler, die zum Teil ein sehr großes Renommee haben, also beispielsweise Herr Bofinger. Peter Bofinger ist Wirtschaftsweiser. Wir haben Matthias Hartmann, einer der führenden Soziologen, die sich mit Eliten beschäftigt haben. Wir haben Vertreter vom PIK, dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Wir haben aus Oxford Menschen, die sich mit der Zukunft von Land und Arbeit beschäftigt haben. Das heißt, da kommen Wissenschaftler zum Teil von Weltruf zusammen, die jetzt eben nicht Science Fiction machen im Sinne von, das ist ganz unwahrscheinlich, und jetzt machen wir ein paar Katastrophenszenarien, sondern die aus einer sehr fundierten Forschung Szenarien entwickelt haben.

Die sind auf der Webseite einsehbar, von welchezukunft.org. Diese Szenarien werden weiterentwickelt, werden zugespitzt auf diese Krise, die wohlgemerkt, natürlich jetzt erstmal fiktiv ist. Aber es geht ja um Plausibilität, es geht um eine gewisse Wahrscheinlichkeit – was ist möglich, was können wir heute denken? Und indem wir uns mit diesen Möglichkeiten von Zukunft beschäftigen, auch mit den Bedrohungen, sind wir gleichzeitig natürlich auch immer wieder bei den Chancen. Das heißt, wo können wir eingreifen, wo können wir etwas ganz anders machen?

Und damit die Frage, was ist Politik, also können wir das Primat der Politik zurückholen, dass die Politik eben stärker Verantwortung übernimmt, stärker eingreift, auch unbequeme Entscheidungen trifft nicht nur in Hinblick auf die nächsten drei, vier Monate, sondern sagt, wir müssen endlich langfristig planen. Die Arbeit wird sich radikal verändern, nicht nur das Klima. Auch ganz viele andere Parameter werden sich langfristig massiv verändern. Und es ist falsch, immer nur auf Sicht zu fahren und nur zu gucken, was passiert denn in den nächsten zwei, drei Monaten, wo können wir da mal akut vielleicht lindern oder eingreifen, sondern den Mut haben, langfristig Zukunft zu denken und sich diesen Herausforderungen auch zu stellen.

Ein faktenbasiertes, großes Kunstwerk

Watty: In den Workshops also werden die Teilnehmer des Projekts zusammen mit den Experten diese Zukunftsszenarien aufbauen und auch einmal durchspielen. Das Ganze findet aber natürlich in einem Theaterkontext statt. In einem Jahr soll es dann ein Theaterstück geben, das sich aus all dem, was jetzt angefangen wird zu entwickeln, ergeben hat, das dann entstanden ist. Welche Rolle spielt denn die Kunst in der Krise? Weil jetzt haben wir sehr wissenschaftlich und analytisch darauf geschaut.

Veiel: Erstmal ist das natürlich ein ästhetisches Ereignis, wenn 13 Wissenschaftler mit 250 Menschen, aufgeteilt auf diese Workshops, diese Ergebnisse an einem großen Szenarientisch auf der Bühne zusammentragen. Das heißt, das wird projiziert, da werden Ereignisse gesetzt. Das ist in dem Sinne eine gemeinsame sinnliche Arbeit auch. Es entsteht, wenn man so will, ein faktenbasiertes, sehr großes Kunstwerk, im Sinne vielleicht auch der Sozialen Plastik von Joseph Beuys. Man muss vielleicht den Kunstbegriff da ausdehnen, erweitern auch auf ein gesellschaftlich gestaltenden Vorgang. Und das ist dieser Tag, das ist dieser Labortag am Samstag im Deutschen Theater.

Watty: Sagt der Film- und Theaterregisseur Andres Veiel, einer der Initiatoren des Workshop-Theaterprojekts "Welche Zukunft?", das am Samstag mit Workshops im Deutschen Theater in Berlin beginnt. Die sind eigentlich alle ziemlich ausgebucht. Wer aber trotzdem Interesse hat, mitzumachen, kann sich über die Kontaktadresse der Webseite welchezukunft.org noch mal an die Veranstalter wenden und hat vielleicht Glück, doch noch in den einen oder anderen Workshop aufgenommen zu werden. Ich bedanke mich bei Ihnen, Andres Veiel, und wünsche Ihnen alles Gute für das große Projekt!

Veiel: Vielen Dank, Frau Watty!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Welche Zukunft?" Der Workshoptag läuft am Samstag, 16.09.2017, am Deutschen Theater in Berlin, 10-20 Uhr.  

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