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Interview | Beitrag vom 06.06.2018

Theaterfestival in Stuttgart"Den anderen Europäern mit Hochachtung begegnen"

Moderation: Dieter Kassel

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Armin Petras, der Intendant des Schauspiels Stuttgart, steht am 02.06.2016 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) im Foyer an einer Treppe. (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)
Armin Petras, Intendant des Schauspiels Stuttgart (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)

Theatermacher aus neun Ländern verhandeln ab heute in Stuttgart die Gegenwart und die Zukunft Europas. Armin Petras, Leiter des Festivals "The Future of Europe", spricht von einem europäischen Traum, der sich fast immer auf Deutschland beziehe.

Dieter Kassel: Wenn man Politiker nach der Zukunft Europas befragt, dann landet man schnell bei Fragen nach der Einrichtung eines europäischen Währungsfonds, der Verringerung der EU-Kommissare, dem gemeinsamen Kampf gegen Steueroasen und, und, und, aber vielleicht ist man auch selber schuld, wenn man solche Fragen immer nur in Brüssel in Konferenzen und in Talkshows stellt. Vielleicht bekommt man die besseren Antworten ab heute Abend in Stuttgart, denn da wird dann das internationale Theaterfestival "The Future of Europe" eröffnet. Mit dabei sind bis Sonntag Theatermacher aus neun verschiedenen Ländern, übrigens auch gar nicht beschränkt auf die Europäische Union. Es sind zum Beispiel auch Theatermacher aus Russland und der Türkei dabei, und über deren und über seine Version Europas wollen wir jetzt mit dem Intendanten des Schauspiel Stuttgart, Armin Petras, sprechen. Schönen guten Morgen, Herr Petras!

Armin Petras: Guten Morgen!

Kassel: Wie sieht denn Ihr persönlicher Traum von der Zukunft Europas aus?

"Dass sich die Kulturen immer weiter gegenseitig anreichern"

Petras: Ja, also der hat sich eigentlich erst in den letzten zwei Jahren bei mir so richtig entwickelt, weil wir ja seit zwei Jahren an diesem Festival arbeiten und ich deswegen desöfteren, vielleicht auch öfter als sonst, durch Europa fahren durfte, musste, sollte, und ich habe schon gemerkt, dass das Sinn macht, dass wir da in Europa zusammen sind. Mein persönlicher Traum sieht sehr wohl so aus, dass die Grenzen mehr oder weniger offen bleiben und dass sich die Kulturen immer mehr gegenseitig anreichern.

Kassel: Deckt sich das denn auch mit den Träumen oder auch mit den Visionen, die diese neun Gäste, die Sie jetzt in Stuttgart haben, alle haben, so wenigstens als grobe Linie?

Petras: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt wirklich sehr verschiedene Sichten auf Europa aus den ganz verschiedenen Ländern, aber es gibt ein paar Sachen, die erstaunlicherweise überall ähnlich sind. Es gibt überall große Angst vor Refugees, vor Menschen aus dem Ausland. Was machen wir mit denen, wie gehen wir mit denen um mit Menschen, die nicht aus Europa kommen. Es gibt erstaunlicherweise sowas wie einen europäischen Traum, und der bezieht sich fast immer auf Deutschland.

Kassel: Darauf, dass alle nach Deutschland wollen oder darauf, dass es überall ungefähr so zugehen soll wie in Deutschland?

Petras: Eigentlich eher, dass Deutschland gar nicht so geliebt wird, aber trotzdem dass alle da unbedingt hinwollen. Das ist ein ganz seltsamer Widerspruch, den ich in vielen Ländern erlebt habe, und was mir überhaupt nicht so klar war, dass von Deutschland auch Lösungen erwartet werden.

"Nirgends so viele Sternenbanner gesehen wie in der Ukraine"

Kassel: In welcherlei Hinsicht? Nur das, was Sie gerade schon angesprochen haben, die berühmte Frage der Geflüchteten oder in allen anderen Fragen? Also wollen die alle …

Petras: Eigentlich in allen anderen Fragen genauso. Also dass man schon erwartet, dass hier in einer halbwegs funktionierenden Wirtschaft, was in vielen anderen Ländern Europas in der Tat nicht der Fall ist, dass man da Lösungen findet auch für den Rest von Europa. Das ist auch sehr, sehr unterschiedlich. Zum Beispiel Ukraine: Ich habe nirgends wo in Europa so viele Sternenbanner, also so viele europäische Flaggen gesehen wie in der Ukraine, besonders an der Grenze zu Russland, in einem Land, was auf den ersten Blick überhaupt gar nicht so sehr europäisch aussieht. Das heißt, die Widersprüche sind da auch sehr groß. In anderen Ländern zum Beispiel, wie Griechenland, ist die Europafreundlichkeit aus verschiedensten Gründen gar nicht so großartig entwickelt. Gleichzeitig ist Griechenland natürlich die Wiege Europas.

Kassel: Die neun Theatermacher, also die aus neun Orten – sind ja nicht immer nur einzelne Leute –, die, die jetzt in Stuttgart zusammenkommen bei Ihnen, die begegnen natürlich auch einander, manche vorher auch schon, andere nicht unbedingt, wo Sie gerade erwähnt haben, Sie haben Gäste aus der Ukraine, Sie haben Gäste aus Russland, Sie haben Gäste aus Griechenland, Sie haben Gäste aus Frankreich, vielen anderen Ländern. Kommen die alle miteinander zurecht oder stoßen da doch auch unterschiedliche Vorstellungen von Europa aufeinander?

Den Katalanen eine Stimme geben

Petras: Na ja, sagen wir mal so, ich habe ja schon zwei, drei Festivals hinter mir, und wir haben gelernt, ich glaube, wir haben gelernt, dass es ganz wichtig ist, alle Kollegen so früh wie möglich in diesen Prozess mit hineinzunehmen, dass man nicht gerade im Zentrum wie Deutschland (…) wie soll es langgehen, alle müssen pünktlich sein, jeder hat 15 Minuten Zeit, sondern dass die verschiedenen Mentalitäten zusammenkommen, das ist ja eigentlich, man kann es fast so ein bisschen, auf dem Theater oder in dem Theater vor allen Dingen, schon mal Europa ausprobieren: Wie ist das, wenn wir uns gegenseitig begegnen, dass dann so ein bisschen so etwas wie Respekt, wie Hochachtung, aber auch sozusagen die Freude auf den anderen eine Rolle spielt.

Kassel: Es gibt zum Beispiel eine Aufführung – ist es heute oder morgen, auf jeden Fall ist es mit am Anfang – der Gäste aus Barcelona. Das ist dann auf Katalanisch mit deutschen und englischen Obertiteln, und das ist relativ typisch für die nächsten Tage bei Ihnen, sowohl, was Aufführung angeht, als auch Diskussionsrunden. Das ist in der Regel immer mindestens zwei, wenn nicht dreisprachig – Originalsprache, Englisch und Deutsch. Das ist natürlich, finde ich immer, Obertitel im Theater, manchmal unvermeidbar, aber immer recht anstrengend. Das zeigt ja auch, wie kompliziert Europa ist. Haben Sie darüber nachgedacht, vielleicht zu sagen, wir machen alles komplett auf Englisch?

Petras: Ja, es gibt wirklich alle verschiedenen Varianten. Es gibt auch Texte beziehungsweise Darbietungen, die wir komplett ohne Übertitelung machen, weil sie sich einfach auf den Körper beziehen oder auf das, was wir auch nonverbal verstehen. Auf der anderen Seite, gerade bei den Katalanen ist das natürlich eine ganz, ganz wichtige Sache. Eine der größten Minderheiten Europas, ich glaube, es gibt zehn Millionen Katalanen, also mehr als Dänen oder Norweger, die quasi keine offizielle Sprache sprechen dürfen. Das ist schon wichtig, die eben bei uns das eben sprechen zu lassen.

Kassel: Ich würde mal zusammenfassen, Europa ist manchmal ein bisschen anstrengend, kann aber sehr viel Spaß machen. Ich hoffe, das wird man spüren beim Theaterfestival "The Future of Europe". Heute Abend wird es eröffnet, bis Sonntag ist es in Stuttgart zu erleben, und der Intendant des Schauspiels Stuttgart, Armin Petras, hat mit uns darüber gesprochen. Danke schön, Herr Petras, und viel Erfolg!

Petras: Vielen, vielen Dank! Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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