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Fazit | Beitrag vom 06.07.2017

"Tage der deutschsprachigen Literatur"Solche Texte braucht Klagenfurt!

Von Kolja Mensing

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Der Schriftsteller John Wray (Ali Smith)
Der Schriftsteller John Wray (Ali Smith)

Mit seiner Kurzgeschichte "Madrigal" begeistert John Wray Jury und Publikum in Klagenfurt gleichermaßen. Ein Preis ist dem US-Amerikaner so gut wie sicher, glaubt Literaturkritiker Kolja Mensing.

Manchmal geht es halt einfach auf. Der Schriftsteller John Wray hatte bereits im Vorfeld des Wettbewerbs am meisten Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zunächst einmal, weil er nicht aus dem Standard-Einzugsgebiet der "Tage der deutschsprachigen Literatur" kommt. Wray, Jahrgang 1971, ist US-Amerikaner und lebt in New York. Seine Mutter ist Österreicherin, er ist zweisprachig aufgewachsen – und den Text, den er in Klagenfurt eingereicht hat, hat er auf Deutsch geschrieben.

Darüber hinaus gilt John Wray seit seinem Roman "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" (2016) im deutschsprachigen Literaturbetrieb als Geheimtipp – und so wie es aussieht, dürfte seine Karrierekurve auf dieser Seite des Atlantik in den nächsten Tagen in den nächsten Tagen steil nach oben gehen. Denn: John Wray hat Jury und Publikum in Klagenfurt gleichermaßen begeistert und wird ganz sicher mit einem Preis zurück nach New York fahren.

"Madrigal" ist der Titel der Kurzgeschichte, die er in Klagenfurt gelesen hat. Es beginnt mit einem Telefongespräch zwischen Bruder und Schwester. Er ist ein erfolgreicher Schriftsteller mit Profilneurose, sie – Madrigal – eine erfolglose Schriftstellerin mit psychischen Problemen. Nach ein paar Absätzen entführt Wray seine Leser aus der realistischen Anfangssituation in die irrlichternden Welten im Kopf von Madrigal: filmreife Horrorszenen, Vorstadtdepressionen und Reisebeschreibungen aus dem 19. Jahrhundert wechseln in schneller Folge - und am Ende hatte John Wray zum Entzücken der Jury dann sogar noch einen Cameo-Aufritt von Donald Trump eingebaut - als massenkompatibler "Leiter" einer vormodernen Social-Network-Diktatur: "Seine erste Aufgabe ist es, eine Epistel an seine achtzehn Millionen Anhänger zu schreiben, die alle eine gewisse Seelennahrung in seinen nächtlichen Pensamientos finden. Empörung wird von ihm erwartet, sogar verlangt …"

Perfektes Stück, souveräner Auftritt 

Bei der Jury herrschte einhellige Begeisterung über das perfekte Stück Literatur und den souveränen Auftritt – soviel Begeisterung, dass am Ende ein Hauch von Unbehagen im ORF-Theater in der Luft hing. "John Wray und dieser Text brauchen Klagenfurt ganz bestimmt nicht", fasste Juror Klaus Kastberger es zusammen.  Die Frage sei eher: "Braucht Klagenfurt John Wray?"

Ganz leicht ist nicht zu beantworten. Am Donnerstag hatte der Wettbewerb zum Beispiel mit zwei Autoren begonnen, die aus der Welt der Literaturzeitschriften kommen und sehr solide, sauber durchgearbeitete Prosa schreiben. Die Österreicherin Karin Peschka, Jahrgang 1967, las eine Erzählung über ein traumatisiertes Kind, das mit einer Meute wilder Hunde durch eine postapokalyptischen Trümmerlandschaft streift, und der Österreicher Björn Treber – geboren 1992, der jüngste der Teilnehmer – hatte eine karge, unterkühlte Beschreibung von der Beerdigung eines Großvaters mitgebracht: Zwei Texte, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, beim genauen Hinschauen jedoch bereitwillig ihre Geheimnisse und Pointen preisgeben.

Für eine Kritiker-Jury, die live und vor Fernseh-Kameras operiert, ist das natürlich ein Geschenk. Solche Texte braucht Klagenfurt einfach, auch wenn sie vielleicht nur einen matten Glanz haben. John Wray: Das ist der funkelnde Ausnahmezustand.

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