Seit 13:05 Uhr Länderreport
 

Mittwoch, 22.11.2017

Kalenderblatt | Beitrag vom 09.11.2017

StudentenprotestDie Geburtsstunde einer Kampfparole

Von Monika Köpcke

Am 9. November 1967 störten die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behmler mit ihren Kommilitonen im Audimax der Hamburger Universität die traditionelle Rektoratsübergabe zu Beginn des Semesters. (dpa / picture alliance)
Am 9. November 1967 störten die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behmler mit ihren Kommilitonen im Audimax der Hamburger Universität die traditionelle Rektoratsübergabe zu Beginn des Semesters. (dpa / picture alliance)

Mit einem simplen Reim sorgten zwei Studenten vor 50 Jahren auf einer Feier an der Uni Hamburg für Furore. Während der Übergabe des Rektorats zeigten sie ein Spruchband mit den Worten "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren!". Der Slogan der Studentenbewegung war geboren.

Bis auf den letzten Platz war das Auditorium Maximum der Hamburger Universität gefüllt. Unter den Gästen auch Politiker aus Senat und Bürgerschaft und zahlreiche Journalisten. An diesem 9. November 1967 sollte die feierliche Übergabe des Rektorats erfolgen. Am Vortag hatte das Hamburger Abendblatt bereits gemunkelt:

"Die Feierstunde zum Rektorwechsel wird vermutlich den Rahmen des Üblichen sprengen."

Begleitet von einem Streichquartett betraten die beiden Honoratioren, der aktuelle und der zukünftige Rektor, den Saal; beide in schwarzem Talar mit weißer Halskrause und steifem Hut. Feierlich schritten sie die Treppen des Audimax herab, als plötzlich zwei artig gekleidete und frisierte Studenten aus den Zuschauerreihen aufsprangen, zwischen sich ein Transparent entfalteten und vor den beiden Professoren hinabstiegen. Diese konnten das Tuch von hinten nicht lesen und liefen unbeirrt weiter. Erst als der Zug unten auf der Bühne angekommen war und die Studenten sich umdrehten, wurde der Spruch auf dem Transparent für alle sichtbar: 

"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren"

Die wenigen Studenten im Publikum klatschten, die Mehrheit der Gäste buhte, ein Professor ließ sich sogar zu dem Ausspruch hinreißen: "Ihr gehört alle ins KZ". Noch bevor die Saalordner die beiden Transparentträger, die Jurastudenten und ehemaligen Asta-Vorsitzenden Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer, hinausbeorderten, hatte die anwesende Presse ihre Aktion abgelichtet.

"Die Wahrheit ist, dass wegen der Vernachlässigung unseres Bildungswesens tragende Grundrechte unserer Verfassung Tag für Tag verletzt und missachtet werden."

Georg Picht im Juni 1965 auf einer Studentendemonstration in Tübingen. Ein Jahr zuvor hatte der Pädagoge das Schlagwort von der deutschen "Bildungskatastrophe" geprägt. Und die betraf nicht nur die Schulen, sondern auch die Universitäten: Die Hörsäle platzten aus allen Nähten, die Lehrmethoden stammten aus dem 19. Jahrhundert, die Lehrinhalte waren verstaubt und wirklichkeitsfremd; und das Lehrpersonal war mit Professoren durchsetzt, die das NS-Regime unterstützt hatten.

"Gegen diese Zustände demonstrieren wir heute. Die Regierungen und die Parlamente müssen jetzt handeln. Tun sie es nicht, so steht schon heute fest, wer für die dritte große Katastrophe in der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts verantwortlich ist."

Radikalisierung nach dem Tod von Benno Ohnesorg

Doch es änderte sich zunächst nichts. Denn an den Hochschulen herrschten die Ordinarien, die Professoren mit einem Lehrstuhl, nahezu uneingeschränkt. Standesdünkel und autoritäres Gehabe bestimmten ihr Regiment. Sie entschieden, was wann wie gelehrt wurde, Mitarbeiter waren ihnen direkt unterstellt. Von Mitbestimmung wollten sie nichts wissen. Der Studentenführer Rudi Dutschke sah die Verhältnisse an den Universitäten als ein Spiegelbild der Gesellschaft:

"Wir haben es als eine Illusion erkannt, eine Demokratisierung der Hochschulen durchführen zu können, ohne eine Demokratisierung des Betriebes, ohne eine Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche."

Nach dem Tod von Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 während einer Studentendemonstration erschossen worden war, radikalisierten sich die Studenten. Immer vehementer verlangten sie Reformen. Sie forderten zeitgemäße Lehrinhalte, das Ende der Ordinarienherrschaft und eine öffentliche Auseinandersetzung über die Verstrickung der Universitäten in das politische System des Dritten Reiches, das ja getreu dem nationalsozialistischen Größenwahn ein tausendjähriges werden sollte. All diese Forderungen kulminierten in dem Spruch:

"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren"

Mit weißem Klebeband waren die Worte auf schwarzen Stoff geklebt; es war ein Rest des schwarzen Trauerflors, den der Hamburger Asta für die Beerdigung von Benno Ohnesorg besorgt hatte. Nach ihrer Aktion wurden gegen Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer Disziplinarverfahren eingeleitet. Doch sie blieben ohne Konsequenzen und hatten für die beiden kein berufliches Nachspiel. Ihre Kampfparole aber sollte zum Symbol der Studentenproteste der 68er werden.

Am 8.11.1997 erinnerten Detlev Albers (links), damals Jura-Professor und Vorsitzender der Bremer SPD, und Gert Hinnerk Behmler (rechts), damals Staatsrat der Hamburger Senatskanzlei, im Audimax mit dem gleichen Banner an ihre Aktion 30 Jahre zuvor. (dpa / picture alliance)Am 8.11.1997 erinnerten Detlev Albers (links), damals Jura-Professor und Vorsitzender der Bremer SPD, und Gert Hinnerk Behmler (rechts), damals Staatsrat der Hamburger Senatskanzlei, im Audimax mit dem gleichen Banner an ihre Aktion 30 Jahre zuvor. (dpa / picture alliance)

Mehr zum Thema:

Benno Ohnesorg vor 50 Jahren getötet - Ein Schuss, der Deutschland veränderte
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 2.6.2017)

Kalenderblatt

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur