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Studio 9 | Beitrag vom 21.10.2015

Street ArtHallesches Gründerzeitviertel als Leinwand

Von Christoph Richter

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Die Idee ist, den Leerstand zur öffentlichen Leinwand zu transformieren. (dpa / picture alliance / Peter Endig)
Die Idee ist, den Leerstand zur öffentlichen Leinwand zu transformieren. (dpa / picture alliance / Peter Endig)

Für die einen ist es Kunst, für die anderen sind es Schmierereien: verschlungene Zeichen oder Bilder an öffentlichen Flächen. In Halle an der Saale verhelfen seit drei Jahren Street-Art-Künstler mit ihren Werken einem längst vergessenen Stadtteil zu neuem Glanz.

Als ich das erste Mal hier in Halle-Ost war, war auch noch Nebel. Wir sind durch die Gegend gefahren, jede Hauswand war irgendwie eine Brandwand. Alles war ziemlich heruntergekommen - aber gerade das hat den 27-jährigen Berliner Grafiker und Illustrator Gunther Schumann in den Fingern gekitzelt, erzählt er. Im vergessenen Hallenser Stadtteil Freiimfelde hat er zusammen mit anderen Künstlern comic-haft bunte Rinder und Schweine an die Wand gesprayt, die auf den Betrachter fast etwas bedrohlich herabschauen.

"Das Motiv hat sich mit dem Eigentümer ergeben, weil an der Stelle mal eine große Fleischerei war. Und wir aufgrund der Assoziation, die möglichst nicht unheimlich sind, ein Bild entworfen haben."

Getragen wird die Freiraumgalerie vom Hallenser Postkult e.V. (dpa / picture alliance / Peter Endig)Getragen wird die Freiraumgalerie vom Hallenser Postkult e.V. (dpa / picture alliance / Peter Endig)

Seit 2012 sind im Gründerzeitviertel Freiimfelde im Osten von Halle auf knapp 20.000 Quadratmetern rund 70 großformatige Fassaden-Bilder entstanden. Die meisten sind höchst figurativ, flirrend bunt, letztlich handwerklich hervorragende comic-hafte Geschichten. Street Art Kunstwerke, die mit Mitteln des DADA oder der Pop-Art verfremdet, Kupferstichen der Renaissance-Zeit ähneln.

Ein lange vergessenes Stadtviertel

"Halle-Freiimfelde galt lange als das vergessene Stadtviertel von Halle, ist also sowas wie der Hinterhof der Stadt...", ...erzählt Projekt-Organisatorin Ina Treihse. "Das Viertel hatte einen ganz schlechten Ruf. Da ging es um Kriminalität, Prostitution, Drogenhandel etc. Nach der Wende sind viele Menschen weggezogen, weil die Arbeitsplätze – der Schlachthof zum Beispiel – weggefallen sind."

Der Stadtteil Freiimfelde wird auch als Outdoor-Galerie bezeichnet. (dpa / picture alliance / Peter Endig)Der Stadtteil Freiimfelde wird auch als Freiraumgalerie bezeichnet. (dpa / picture alliance / Peter Endig)

Noch heute riecht es in Freiimfelde mancherorts modrig, in der Luft steht der stickige Geruch von Kohleheizungen. Eine Mischung aus Berlin-Kreuzberg 1980 und Prenzlauer Berg 1990. Der Stadtteil liegt zentral, ist aber durch die Bahnanlagen vom Rest der Stadt komplett isoliert und damit eine vergessene Insel in der schrumpfenden Großstadt Halle. Doch das ändert sich rasant. Denn Freiimfelde ist europaweit heute eines der spannendsten Experimente der zeitgenössischen Kunst. Deutsche und internationale Künstler transformieren quasi als Stadtentwickler einen fast aufgegebenen Stadtteil. Mit Erfolg, wie es scheint, das Viertel wird zunehmend attraktiver.

"Es gibt eine ganz große Neugier. Dass Leute hier eben herkommen und sagen, jetzt hab ich doch was davon gehört, ich schau es mir mal an. Die sind am Anfang skeptisch und sehen dann, okay, es ist eben kein Geschmiere, wie man das so sagt, sondern es ist wirklich Kunst."

Heute gilt das frühere Schlachthofviertel Halle-Freiimfelde mit einem Bevölkerungswachstum von rund 5 Prozent als der Stadtteil mit dem größten Zuzug, während vielerorts in Halle die Menschen immer noch wegziehen.

"Das ganze Projekt ist als Stadtentwicklungsprojekt angelegt. Also es geht nicht nur darum, dass Leute von außen kommen und irgendwie Stadt-Schminke anbringen, also kosmetisch etwas verändern. Sondern es geht schon darum, auch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern in so einen Prozess zu treten, in so Entscheidungen reinzugehen. Um zu gucken, was wollen wir denn für ein Viertel, wo leben wir denn, wie soll es aussehen."

Händel als Popstar

Es soll kein Projekt von außen sein, das von oben herab entscheidet. Stattdessen will die Initiative Freiraumgalerie – die mit künstlerischen und kulturellen Impulsen Halle-Freiimfelde belebt - alle Beteiligten mit ins Boot holen. Auch wenn anfangs viele der Hausbesitzer höchst skeptisch waren.

Ein legales Graffito verziert ein Eckhaus im Osten von Halle. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)Ein legales Graffito verziert ein Eckhaus im Osten von Halle. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)

"Das sich die Stadt dafür einsetzt, unterstützt finde ich echt cool. Ist ein Fortschritt, sag ich mal. Das die jetzt nicht mehr kommen und sagen, das ist verboten, egal wo man hinsprüht. Sondern sagt, wir nehmen ein altes Haus, rüsten es ein und kann es vollmalen. Ist doch cool...", .sagt Stefan Hobusch. Er ist 21 und wohnt in Halle-Freiimfelde, dass nur fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt ist. Und sich derzeit zu einem der angesagtesten Kreativ-Viertel Sachsen-Anhalts entwickelt.

Wie bunt und flirrend das einst graue Freiimfelde heute ist, zeigen auch diverse Wandbilder namens "Graffiti grüßt Georg". Comic-Street-Art, in dem der Sohn der Stadt, der Komponist Georg Friedrich Händel als Pop-Star in ein modernes, und so gar nicht verstaubtes Bild gerückt wird. Ein Projekt das auch anderen Städten zeigt, dass verlassene Stadträume, durch die einst so verrufene Graffitti-Kunst, durchaus profitieren können.

Mehr dazu auf
www.freiraumgalerie.com

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