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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 05.02.2011

Strahlend und klangschön

Der Tenor Jussi Björling beherrschte die Italianità wie kein zweiter Sänger seiner Zeit

Von Michael Stegemann

Wiener Staatsoper: Hier startete Jussi Björling 1936 seine Weltkarriere (Walter Vorwerk)
Wiener Staatsoper: Hier startete Jussi Björling 1936 seine Weltkarriere (Walter Vorwerk)

Der Schwede Jussi Björling war ein Ausnahme-Tenor, dessen Stimme sich federnd, leicht und mühelos zu den höchsten Höhen emporschwingen konnte. Am 5. Februar 1911 wurde er geboren.

Erstaunlich genug, aber der vielleicht größte "italienische" Tenor der 1940er und '50er-Jahre – war Schwede: Jussi Björling. Nach Enrico Caruso und Beniamino Gigli und vor Luciano Pavarotti gab es keinen, der die Italianità der Oper so mühelos, silbern strahlend und klangschön beherrschte wie er.

Von Anfang an waren die Kritiker sich einig – und sind es bis heute: Jussi Björling hatte eine der schönsten und perfektesten Tenorstimmen des 20. Jahrhunderts. In den einschlägigen Büchern und Artikeln reiht sich eine Lobeshymne an die andere – etwa in Jürgen Kestings Standardwerk "Die großen Sänger":

"Die Schönheit dieser Stimme mit ihrer unangestrengten Brillanz, musterhaften Phrasierung und Noblesse des Ausdrucks musste die Melomanen, um mit Stendhal zu reden, zu den Engeln schicken."

Johan Jonatan, genannt Jussi Björling wurde am 5. Februar 1911 als zweiter von vier Söhnen eines Opernsängers in Borlänge in Schweden geboren. Die Mutter starb schon früh; der Vater – Jussis erster und wichtigster Lehrer – tingelte in den 1920er-Jahren mit seinen Söhnen als "The Bjoerling Male Quartet" durch die USA und Schweden. 1928 nahm Björling ein geregeltes Studium bei John Forsell am Stockholmer Konservatorium auf. Kurz darauf entstand seine erste Schallplatte: Ernesto de Curtis' "Torna a Surriento", auf Schwedisch gesungen.

1930 debütierte Björling als Don Ottavio in Mozarts Don Giovanni, 1936 begann mit einem Gastspiel an der Wiener Staatsoper seine internationale Karriere. Eine seiner ersten Parade-Rollen war Rodolfo in Puccinis La Bohème, mit der er auch im November 1938 sein Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera gab.

Fast zwei Jahrzehnte lang war Jussi Björling einer der führenden Tenöre der "Met", aber auch auf allen anderen großen Opernbühnen der Welt – und immer wieder im Schallplatten-Studio: Zahllose Aufnahmen dokumentieren sein weit gefächertes Repertoire, das ebenso Volks- und Kunstlieder umfasste wie Operetten und Opern – vor allem französische opéras lyriques und die Italiener.

Der ideale, samtene Schmelz dieser Stimme war freilich nicht jedermanns Sache. In Deutschland zum Beispiel waren es eher "Kraftprotz"-Tenöre wie Mario del Monaco oder Giuseppe di Stefano, denen die Gunst des Publikums galt. Björlings Rang wurde bei uns eigentlich erst nach seinem Tod erkannt und gewürdigt.

Doch auch da, wo man ihm bedingungslos zujubelte, hatte Björlings strahlender Ruhm seine dunklen Seiten: Seit Mitte der 1950er-Jahre litt der Sänger häufig an Stimmband-Entzündungen; Herzprobleme kamen hinzu, und ständige Selbstzweifel trieben ihn in den Alkoholismus. Kurz vor einem seiner letzten Auftritte – La Bohème am Londoner Covent Garden, im März 1960 – erlitt Björling einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Jussi Björling starb, erst 49 Jahre alt, am 9. September 1960 auf der schwedischen Insel Siarö.

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