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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.09.2012

Sterben macht das Leben schön

Der "Bluff"-Autor Manfred Lütz und der "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher auf dem Blauen Sofa

Von Dirk Fuhrig

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Carpe diem - fange den Tag! Der eigene Tode sollte Lust auf Leben machen, findet Manfred Lütz. (picture alliance / dpa / Gudath)
Carpe diem - fange den Tag! Der eigene Tode sollte Lust auf Leben machen, findet Manfred Lütz. (picture alliance / dpa / Gudath)

Wer weiß eigentlich, was von dem, was uns täglich in den Medien berichtet wird, wirklich wahr ist? Kaum jemand! Aber so sind die Medien eben: Stürzen sich auf jeden Hype und halten die Schein-Realität für das wahre Leben. Der Psychiater Manfred Lütz bürstete Schein-Wahrheiten vergnüglich gegen den Strich.

Wer weiß eigentlich, was von dem, was uns täglich in den Medien berichtet wird, wirklich wahr ist? Als Hörer des Deutschlandradios gehen Sie selbstverständlich davon aus, dass wir schon wissen, welche Informationen stimmen – sonst würden wir sie Ihnen ja nicht präsentieren.

Aber wer durchschaut denn tatsächlich alle Entwicklungen in der Wissenschaft? Kann jede neue Entdeckung, Statistik, Umfrage richtig deuten. Und wer hat den Überblick bei den so genannten Finanzmärkten?

Manfred Lütz, Psychiater und Bestsellerautor, ist Experte für den Zweifel. Er hat ein Buch geschrieben, das "Bluff" heißt – und von "Fälschung der Welt" handelt – von den vielen scheinbaren Wahrheiten, die uns so Tag für Tag entgegengeballert werden. .

Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, lieferte ihm bei der Buchpräsentation das Stichwort:

Frank Schirrmacher: "Unter wissenschaftlichem Anspruch werden permanent neue Krankheiten erfunden. Also, Burnout war jetzt das letzte, von dem ich nicht im Augenblick weiß, ob es das wirklich gibt."

Manfred Lütz: "Ich habe letztens ein Interview gegeben, wo ich gesagt habe, das gibt es gar nicht. Mich hat ein Redakteur angerufen, der wollte eine Sendung machen über Burnout und ob ich ein Interview geben würde. Und ich war irgendwie gut drauf an dem Tag und habe gesagt: Burnout, das gibt es doch gar nicht.

Und der Redakteur war ganz geschockt und fragte: Bin ich verbunden mit Professor Lütz, Chefarzt vom Alexianer-Krankenhaus? Und ich sagte: Ja, aber in der Internationale Klassifikation psychischer Krankheiten ist so etwas nicht vorgesehen. Das ist die Kategorie Z, das ist so etwas wie Falschparken.

Und dann sagte er, er habe jetzt recherchiert und man sei heutzutage ununterbrochen erreichbar durch Handy und E-Mail und so weiter. Und da habe ich gesagt: Im 30-Jährigen Krieg waren die Leute ununterbrochen durch die Schweden erreichbar, das war viel unangenehmer."

Aber so sind die Medien eben, meint der Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut, Leiter des Kölner Alexianer-Krankenhauses – und Theologe. Stürzen sich auf jeden Hype und halten die Schein-Realität für das wahre Leben.

Manfred Lütz ist nicht nur ein Hinterfrager. Sondern auch ein lässig-ironischer Formulierer. Fantasievoll in Herbstfarben gekleidet, sitzt er auf dem Blauen Sofa im Berliner Ensemble und fabuliert über Gesundheitswahn und die letzten Dinge.

Manfred Lütz: "Platon hat schon gesagt: Das unendliche Leben wäre die Hölle. Wenn wir alle nicht sterben können, ihrem Nachbarn eine runterhauen und sich sagen: Na ja, in 500 Jahren kann ich mich wieder entschuldigen. Es wird alles gleichgültig.

Nur dadurch dass wir sterben, wird jeder Moment unwiederholbar wichtig. Die Vorstellung auch dieser ganzen Gesundheitsgläubigen, die am liebsten über den Cholesterinspiegel das ewige Leben erlangen wollen. Es gibt ja Leute, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Dass wir sterben, macht Lust am Leben."

Um ausgefallene Beispiele ist der Bluff-Autor dabei nicht verlegen.

Manfred Lütz: "Im Bodell in Pompeij sind Totenschädel an die Wände gepinselt, als Aufforderung: Mensch, denke daran , dass du stirbst. Und lebe jeden Tag lustvoll. Carpe Diem, pflücke den Tag. Und der Totenschädel beim Heiligen Hieronymus in der Wüste als in gewisser Wiese etwas Ähnliches, Christ, denke jeden Tag daran, dass du stirbst Und lebe jeden Tag ganz bewusst. Natürlich nicht im Bordell."

Nicht ganz so pointensicher, dafür wir immer allumfassend welterklärend Frank Schirrmacher.

Frank Schirrmacher: "Ich kann die gesamte europäische Politik auf den Begriff zusammenbringen: Wir müssen das und das tun wegen der Märkte. Das unterstellt aber, dass diese Märkte ein Identität haben. Aber vielleicht sind diese Märkte ja schon zu 90 Prozent Roboter, vielleicht reagieren die europäischen Politiker ja schon auf Maschinen, die in Nanosekunden programmiert sind und gar nicht mehr auf irgendeine Form menschlicher Intelligenz. Und das ist etwas, wo Täuschung, und das ist ja unser Thema, wirklich zum Weltmodell wird. Und dagegen hilft meiner Meinung nach, und so verstehe ich auch Manfred Lütz, der Gebrauch des eigenen Verstands."

Interessanterweise ist Manfred Lütz ein bekennender Katholik – der die Hinwendung zur Kirche empfiehlt als zumindest EINE Lösung, um dem undurchdringlichen Dschungel der Scheinrealitäten zu entkommen. Dabei sei doch Religion die größte Scheinrealität von allen – so wunderte sich Wolfgang Herles, der als Moderator durch diesen Abend führte. Darauf konnte Lütz nicht ganz so schlagfertig parieren.

Insgesamt hat man das meiste, was in diesem Buch steht und was an diesem Abend zu hören war, schon oft und ähnlich anderswo gehört.

Aber der heitere Manfred Lütz und der tiefschürfende Frank Schirrmacher führten unterhaltsam durch Bedrängnisse unseres modernen Lebens, in denen die Virtualität, die Fälschung an jeder Ecke lauert.

Manfred Lütz: "Wenn jemand tatsächlich mehr in der Lindenstraße lebt als in seiner Wohnung und wenn in der Lindenstraße jemand stirbt, erschüttert ist und nicht dran denkt, dass die wirkliche Nachbarin gerade stirbt, dann ist er der Fälschung der Welt auf den Leim gegangen."

Damit wir uns nicht in der Lindenstraßen-Realität verlieren, deswegen hat Manfred Lüptz dieses "Bluff"-Buch geschrieben.

Manfred Lütz: "Das Buch hat eher was Sokratisches. Was mich interessiert, ist Menschen nachdenklich zu machen. Mit Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und zu fragen: Wie willst du leben. Und Sokrates hat den Menschen ja auch nichts aufgenötigt."

Manfred Lütz, der Sokrates des 21. Jahrhunderts - falsche Bescheidenheit kann man diesem brillant formulierenden Psychiater jedenfalls nicht vorwerfen.

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