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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

Sprachschluderei auf allen Ebenen

Von richtiger Moral und falscher Grammatik

Von Pieke Biermann

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Ein Kind sieht fern (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Ein Kind sieht fern (Stock.XCHNG / Erik Dungan)

Dass durch veraltete Sprache in Kinderbüchern falsche Weltbilder vermittelt werden, ist ein Problem. Aber nicht das zentrale, findet die Autorin Pieke Biermann. Schöne oder unschöne, richtige oder falsche Sprache lernt man vor allem aus den Massenmedien. Und dort liegt mehr im Argen als in Kinderbüchern.

Wenn sich hierzulande über Sprachliches erbost wird, geht es entweder um den unmittelbar bevorstehenden Tod der deutschen Sprache durch denglische Unterwanderung und raumgreifende SMS-Twitter-Akronymik von OMG (oh my god) bis LOL (laughing out loud). Oder es geht um die politische Korrektheit einzelner Wörter. Immer wird – zurecht! – auf die engen wechselseitigen Beziehungen von Denken, Sprechen und Handeln verwiesen, und von da geht’s ganz schnell ans ideologisch Eingemachte, um die Moral.

Nur, wenn etwas besonders laut beschrien wird, drängt sich automatisch die Frage auf: Was wird da gleichzeitig beschwiegen?

Globalesische Infiltrate, Kommunikationskürzel, die Frage, ob Zigeuner aus dem Wortschatz getilgt gehören und wenn ja, warum nicht – all das sind nämlich causes célèbres: leicht von jedem Kontext isolierbare Leuchttürme, die durch lautes Beschreien sogar noch endlos weiter "zelebriert" werden. Was dahinter komplett aus dem Blick rutscht, ist die alltägliche Sprachschluderei auf allen Ebenen. Und verglichen mit dem Dauerbeschuss sind Hexen und Negerkönige in Kinderbüchern Aerosolpartikel aus der Wasserpistole.

Was keineswegs heißt, dass über die rassistische, sexistische, Hass und Gewalt fördernde Potenz von Sprache im Allgemeinen und einzelnen Wörtern im Besonderen nicht mehr nachgedacht werden muss, im Gegenteil. Denn wie lernt man Sprache – die Muttersprache wie auch Fremdsprachen?

Grob gesagt, indem man nachahmt, was man hört, und dabei logische Muster entdeckt, Normen, auf die man sich stützen, von denen aus man selbstständig weiter denken und sprechen kann. Auch und gerade, um unmoralische Normen zu sprengen.

Die Sprachvorbilder vervielfachen und verfeinern sich im Lauf des Lebens – vom Hören zum Lesen, von den Eltern über Schule, Fernsehen, Radio, Kino bis zu Zeitungen, Internet, Büchern. Flüchtlinge und Diplomaten erzählen gern, wie viel sie über populäre Massenmedien gelernt haben, nicht nur die neue, fremde Sprache, sondern auch, wie das neue, fremde Land tickt.

Hierzulande ist das heute riskant. Unsere populärsten Fernsehserien und Kinofilme sind synchronisiert, und nicht unbedingt in idiomatisch und grammatisch richtigem Deutsch, sondern zumeist nach dem Prinzip: "Hauptsache die Lippenbewegung passt!"

Wo verlässliche Muster gebraucht werden, gilt das gesprochene Wort also besser nicht. Und das geschriebene?

Lesen bildet, heißt es. Die tägliche Zeitungslektüre allerdings – egal ob Boulevard oder seriös – verbildet allzu oft. Es wimmelt von Satzfehlern, weil Korrekturgänge aus Zeit- und Geldgründen entfallen. Die logische Beziehung von Haupt- und Relativsatz wird oft zur liaison dangereuse. Zum Beispiel: "Es soll ein Termin für die Nachwelt sein, dessen Urteil ihm so wichtig ist."

Dem republikweit belachten Phänomen "Rettet dem Dativ" folgt seit einiger Zeit anscheinend "Rettet des Genitivs": Man sucht "eine Kopfbedeckung ähnlich eines Anglerhutes" oder "frönt diverser Liebeleien." Ganz zu schweigen von akuter Konjunktivitis und Satzzeichen aus dem Würfelbecher, auch bei feinsten Edelfedern.

Unseren Einwanderern wird gern um die Ohren gehauen: Wenn ihr Integration wollt, lernt erst mal richtig Deutsch! Ja – von wem denn? Schulen und Sprachkurse mal beiseite: von unseren Medien lieber nicht. Die bieten eher Einübung in schluderigen Umgang mit der Sprache, also auch in schludriges Denken. Und dabei schafft doch selbst ein kleines Komma den großen Unterschied. Hier zum Beispiel: Der gute Mensch denkt an sich selbst zuletzt. Oder: Der gute Mensch denkt an sich, selbst zuletzt.

Die Autorin und Übersetzerin Pieke Biermann (privat)Die Autorin und Übersetzerin Pieke Biermann (privat)Pieke Biermann, Jahrgang 1950, lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin in Berlin.

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