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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.02.2009

Spektakuläres Kapitel der Wissenschaftsgeschichte

Thomas Bührke: "Die Sonne im Zentrum. Aristarch von Samos", C.H.Beck 2009, 267 Seiten

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Die Magnetflecken der Sonne - sie steht im Zentrum des Planetensystems. (esa.int)
Die Magnetflecken der Sonne - sie steht im Zentrum des Planetensystems. (esa.int)

Schon vor mehr als zwei Jahrtausenden forschte Aristarch von Samos über die Konstellation der Planeten und entdeckte, dass nicht die Erde im Zentrum der Welt steht. Der Wissenschaftsautor Thomas Bührke hat sich in "Die Sonne im Zentrum" daran gemacht, die Geschichte dieses Mannes aufzuschreiben - und zwar in Romanform.

Nikolaus Kopernikus hat Mitte des vergangenen Jahrtausends der Menschheit klar gemacht, dass nicht die Erde im Zentrum des Planetensystems steht, sondern die Sonne. Die Erde ist nur Planet unter Planeten.

Aber Kopernikus war nicht der Erste, der die Idee des heliozentrischen Weltbilds formuliert hat. In seinem neuen Buch "Die Sonne im Zentrum" beschreibt Thomas Bührke, wie Aristarch von Samos schon vor mehr als zwei Jahrtausenden an einem neuen Weltbild gearbeitet hat.

Wer war dieser Aristarch? Was hat ihn angetrieben, neue, damals ganz unerhörte Wege zu gehen? Wie ist sein Leben verlaufen? An historischen Quellen gibt es kaum etwas über Aristarch. Seine Lebensdaten sind nur ungenau bekannt. Er lebte vermutlich zwischen 310 und 230 vor Christus. Nur eines seiner Werke ist überliefert, in dem er die Größe und Entfernung der Sonne und des Mondes bestimmt.

Dass Aristarch die Erde aus dem Zentrum der Welt vertreiben wollte, ist nur durch einen Text von Archimedes bekannt. In einem Bericht des Chronisten Plutarch heißt es, der Philosoph Kleanthes habe dazu aufgerufen, Aristarch wegen Gottlosigkeit anzuklagen. Ist es zum Prozess gekommen? Musste Aristarch ein ähnliches Schicksal erdulden wie Sokrates, der den Giftbecher trinken musste?

Die Faktenlage mag dünn sein, aber die Geschichte ist hoch spannend. So hat Thomas Bührke ein Sachbuch in Romanform geschrieben. Er versetzt seinen Aristarch kurzerhand ins intellektuelle Zentrum jener Epoche: nach Alexandria. In fiktiven Dialogen mit geschichtlich gesicherten Personen zeichnet er den möglichen Werdegang des Aristarch von Samos nach.

Eingewoben in das farbenprächtig geschilderte Alltagsleben Alexandrias lernt der Leser, was Aristarch gelernt haben muss, bevor er seine bahnbrechende Theorie formulieren konnte. So ist das Buch ganz nebenbei eine gründliche Einführung in die herrschenden Naturphilosophien jener Zeit: Die Lehre des Aristoteles, für den der Kosmos aus den Elementen Feuer, Erde, Luft und Wasser bestand und die Idee der Atomisten, die die Welt aus kleinsten Teilchen aufgebaut sahen. Im fiktiven Prozess stellt Thomas Bührke die wissenschaftlich-philosphischen wie religiösen Argumente von Aristarch und seinen Opponenten dar.

Thomas Bührke gehört zu versiertesten Wissenschaftsautoren deutscher Sprache. Sein Experiment, dieses spektakuläre Kapitel der Wissenschaftsgeschichte in Romanform aufzuarbeiten, ist grandios gelungen. Die bloße Aufzählung der historischen Fakten wäre wohl langweilig. Aber so treten die Menschen und ihre Handlungsweise in präzise formulierten Dialogen und in einer packenden Rahmenhandlung sehr plastisch hervor.

Eine Liste der historisch belegten Personen erleichtert beim Lesen die richtige Einordnung der Romanpassagen. Ganz am Ende kommt dann auch noch Nikolaus Kopernikus vor, der mehr als eineinhalb Jahrtausende später sich ausdrücklich auf Aristarch bezogen hat. "Die Sonne im Zentrum" ist eine wunderbare Hommage an den großen und fast vergessenen Astronomen.

Rezensiert von Dirk Lorenzen

Thomas Bührke: Die Sonne im Zentrum. Aristarch von Samos. Roman der antiken Astronomie
C.H.Beck 2009
267 Seiten, 16,90 Euro

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