Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Studio 9 | Beitrag vom 26.03.2015

Social MediaFasten auf Facebook

Von Katrin Lechler

Podcast abonnieren
Ein Apfel und ein Knäckebrot neben einem Glas Wasser. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Inga träumt nachts von Schokocappuccino. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Zwischen Aschermittwoch und Ostern liegt die Fastenzeit. Der Verzicht ist wieder in Mode gekommen. Neben dem Essen entsagen manche auch dem Rauchen oder Autofahren. Hehre Vorsätze wurden in einer Fastengruppe auf Facebook geäußert. Was ist inzwischen daraus geworden?

Marianne: "Hallo! Danke für die Aufnahme! Freue mich euch gefunden zu haben! Wäre doch super, wenn wir uns gegenseitig etwas motivieren könnten, oder?"

Es ist Februar. Schon Tage vor Beginn der Fastenzeit finden sich über 200 Fastenwillige auf Facebook, darunter Marianne, Peter und Inga. Sie alle wollen Verzicht üben - und zwar gemeinsam und öffentlich. Jeder, der bei Facebook ist, kann ihre Postings sehen.

 Peter: "Ich werde 40 Tage fasten, keine feste Nahrung.... Auf was verzichtet ihr?"

Inga: "Ich habe mir vorgenommen in den nächsten 7 Wochen kein Fleisch zu essen, nicht zu rauchen, nur Wasser zu trinken und ab 16 Uhr nichts mehr zu essen. Kein Essen nachfüllen, eine Portion auf einem Dessertteller reicht ..."

Verzicht auf das Auto

Die Vorsätze sind ambitioniert, die Fastenvarianten vielfältig. Auch der Verzicht auf das Auto fällt in die Kategorie "Fasten".  

Marianne: "Eingeschränkt will ich auch beim Autofasten mitmachen. Da ich allerdings auf dem Land wohne, ist das doch nur bedingt möglich. Morgen mache ich noch Mal Großeinkauf, ansonsten würde ich dann zum Einkaufen 3km laufen."

Inga fastet das erste Mal. Peter, Sportler, will nicht kleckern, sondern klotzen: Er verzichtet ganz aufs Essen, geht aber weiterhin ins Fitnesstraining.

Peter: "Um für mich die Sache etwas konkreter zu machen, werde ich hier mein Startgewicht öffentlichen machen, um meine Motivation zu erhöhen. Für mich steht neben der Selbstdisziplin auch die Gewichtsreduktion im Vordergrund. Heute sagt die Waage 79,6. Hoffe am Ende um die 75 kg zu wiegen."

Aha, Peter will also nur Gewicht verlieren. Das sind – verglichen mit Marianne, fastenerfahren - niedrige Beweggründe. Sie postet täglich ein Blatt aus ihrem Fasten-Kalender "Himmlisch leben".

Marianne: "Heute nehme ich mir bewusst Zeit für die Dinge, die ich tue. Ich sage mir laut vor, was ich jetzt gerade tun will. So gelingt es mir, mich auf eine Aufgabe zu konzentrieren."

Verführt von einer Donauwelle

Tag fünf für Inga, den Fastenneuling: Ihre Mutti hatte 60. Geburtstag, es gab Donauwelle. Inga hat gesündigt und beichtet es den Mitfastenden. Und nachts, so schreibt sie, träumt sie von einem Schokocappuccino. Die Kommentare sind mitfühlend:

Peter: "Weißt du, Inga, ich kann meinen aufkommenden Gelüsten auch kaum begegnen."

Sechster Tag – Inga ist sich oft unsicher, was beim Fasten erlaubt ist und was nicht.  

Inga: "Was sagt Fasten eigentlich zu Flohsamenschalen? Wie sieht es aus wenn man die Periode bekommen hat? Weiter fasten oder abbrechen?"

Oder ist das Ingas durchsichtiger Versuch, mit Genehmigung der Gruppe auszusteigen? Das klappt nicht. Ohne Umwege kommt die Antwort.

Marianne: "Einfach weiter machen!"

Fünfter Tag, abends: Inga jubelt: Schon ein Kilo abgenommen. Peter, der fastende Sportler, wirkt etwas gereizt:

"Es würde mich freuen, wenn hier auch der seelische Aspekt angesprochen würde. Gedanken über innere Einkehr, Reinigung, Rückbesinnung und dergleichen. Nur über das Abnehmen reden? Ist es das?"

Marianne, die Tiefsinnige, antwortet sofort: "Ich habe gelesen, dass man alles viel intensiver wahrnimmt und somit auch das Beten vertiefen kann."

Von guter Laune bis Zitteranfälle

Achter Tag – Inga ist total gut drauf!

"3 kg und herrlich durchgeschlafen. Ich fühle mich leicht, fit und gut gelaunt. Geht's jetzt nur noch bergauf?"

Zwei Tage später: Stimmungswechsel:

"Mir ging es heute Morgen nicht so gut. Aufgestanden bin ich mit einem Gefühl von eingefallenen Bauch. Hab erst mal Tee gemacht, Wasser getrunken. Ganz in Ruhe. Dann bekam ich Zitteranfälle und das Gefühl gleich umzukippen."

Auch Sportler Peter ist sich nicht ganz sicher, ob er trotz seines Trainings weiter ganz auf Nahrung verzichten soll und fragt in die Runde:  

"Jetzt gehts ins Ganzkörpertraining. Sollte ich vorher noch ein paar Körner einwerfen?"

Nach 20 Fastentagen wird es auffällig still um einige. Peter gibt es zu: Er hat abgebrochen.

"Guten Morgen. Schluss mit Brühe und Tee und Wasser. Gestern bin ich fast eingeschlafen, obwohl ich kein Schlafmanko hatte."

Marianne, unbeeindruckt, postet munter die Sprüche von ihrem Fastenkalender. Sie schwebt auf Fastenwolke 7:

"Freitagmorgen mein letztes Fasten-Wochenende liegt vor mir...schade ich könnte noch weiter machen.../ Alkohol gibt es aber erst Ostersonntag zum Lamm, ich freu mich jetzt schon darauf."

Ich poste: Frohe Ostern! Dazu ein Foto von einer knusprigen Lammkeule. Ich werde ab heute fasten. Facebook-Fasten!

Mehr zum Thema:

Francoise Wilhelmi de Toledo - Warum tut Fasten gut?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 24.3.2015)

Fasten - Verzichten zur Selbstoptimierung
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.2.2015)

Fasten im Kloster - Eine Reise in das eigene Innere
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 15.2.2015)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Zoë Beck: "Die Lieferantin"Auf den Brexit folgt der Druxit
Cover: "Die Lieferantin" von Zoë Beck, im Hintergrund: ein Drogenabhängiger spritzt sich eine Dosis. (Suhrkamp / imago/Mavericks)

Blick in eine düstere Zukunft: Nach dem Brexit verhärten sich die gesellschaftlichen Fronten in Großbritannien: Nationalisten versuchen, eine knallharte Drogenpolitik durchzusetzen. Zoë Becks politischer Kriminalroman ist packend erzählt - und beklemmend realistisch.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur