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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.07.2011

Singen, Jodeln, Stöhnen, Bellen

Bilanz des 21. Tanz- und Folkfestes im thüringischen Rudolstadt

Von Carsten Beyer

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Deutschlandradio war auch in diesem Jahr mit dem Ü-Wagen live vor Ort.  (Andreas Stehfest)
Deutschlandradio war auch in diesem Jahr mit dem Ü-Wagen live vor Ort. (Andreas Stehfest)

Das größte und bunteste deutsche Festival für Folk-, Roots- und Weltmusik zog in diesem Jahr wieder mehr als 70.000 Besucher an. Der Länderschwerpunkt widmete sich der neuen experimentellen Schweizer Volksmusik.

Wer an Schweizer Volksmusik denkt, der denkt ans Jodeln, an den Ländler, an Alphörner und vielleicht noch an das Schwyzerörgeli, die alpine Variante des diatonischen Knopfakkordeons. Doch in den vergangenen 15 Jahren hat sich in der Schweiz eine neue, junge Volksmusikszene herausgebildet, die ihre eigenen Wege geht - eine Entwicklung wie beim deutschen Folkrevival in den 70er-Jahren.

Die Helvetic Fiddlers beispielsweise, eine von insgesamt 12 Schweizer Bands beim diesjährigen Länderschwerpunkt, wollen die archaische Schweizer Streichmusik neu beleben. Zwei Geigen, Cello und Kontrabass, so sah im 19. Jahrhundert eine typische Tanzmusik- Kapelle aus - und diese Besetzung lässt überraschende Temperamente zum Vorschein kommen, wie man sie im Alpenraum gar nicht erwarten würde.

Cellist Fabian Müller: "Ja, das ist eben eine ziemlich unbekannte Sache und muss sich eben auch erst wieder etablieren, sogar in der Schweiz. Viele sagen: Kommt das aus Skandinavien oder aus Irland, was wir da machen, aber es ist wirklich Urschweizer Musik, und da haben wir so gar ganz handfeste Beweise. Es gibt nämlich Feldaufnahmen, die in den 50er-, 60er-Jahren gemacht wurden, wo eben noch die alten, letzten von diesen Geigern gelebt haben und wir lehnen uns an diese Spielweise von diesen Musikanten."

Die neue Schweizer Volksmusik zu präsentieren, das war auch das erklärte Ziel von Bernhard Hanneken. Der künstlerische Leiter des Rudolstädter Festivals weiß, wie tief die ideologischen Gräben in der Schweiz noch immer sind – zwischen Traditionalisten und Erneuerern:

"Die Volksmusik der Schweiz und vor allem die der deutschsprachigen Schweiz ist ganz extrem dominiert und fast im Würgegriff muss man sagen der erzreaktionären Verbände: der Jodlerverbände und Trachtenverbände. Die definieren, was Volksmusik ist und was nicht. Und da ist in den letzten Jahren eine neue, breitere Bewegung entstanden. Das hat's vorher auch gegeben, aber nicht in dieser Breite."

Eine Vorreiterin der neuen Schweizer Volksmusik ist die Berner Sängerin Christine Lauterburg. Sie ist bereits das dritte Mal in Rudolstadt und sie ist dankbar für die moralische Unterstützung aus dem Nachbarland. Denn ihre Art des Jodelns kam in der Heimat zunächst gar nicht gut an. "Was die Lauterburg singt, ist keine Kultur", befand beispielsweise der Eidgenössische Jodlerverband noch Mitte der 90er-Jahre.

Lauterburg: "Ich wurde wirklich stark angegriffen. Ich habe das im Moment damals nicht so gemerkt (...) ich habe mich bloß so gefühlt wie eine kleine Mücke, die ein bisschen anders summt und alle sind so aggressiv wegen dem. Teilweise Menschen, die gar nicht gehört haben, was ich gemacht habe. Auch weil ich mich nicht in der korrekten Tracht gezeigt habe, das war auch schlimm, meine Kleidung. Dabei wurde vergessen, dass ich ja auch Instrumente spiele. Ich kann nicht wie eine zugeschnürte Mumie auf der Bühne stehen. Ich bin am Spielen, oder?"

Radikaler noch als Christine Lauterburg geht der Basler Christian Zehnder mit den Traditionen seiner Heimat um. Sein Jodeln ist mehr ein Wimmern, ein Stöhnen und Bellen. In der Verbindung von Jazzharmonien, neuer Musik und Obertongesang hat er eine ganz neue Tonsprache erfunden, die sein Quartett mit Hackbrett, Bandoneon, Kontrabass und Rahmentrommel kongenial begleitet. Zehnder will auch gar nicht von einer neuen Schweizer Volksmusik zu sprechen. Er sieht sich mehr als Teil einer transnationalen alpinen Kultur:

"Ich verstehe eben die Alpen mehr als ein Transitland, als ein Land, wo sich schon viele internationale Geister getroffen haben.(..) Ich war so viel in den Bergen und ich habe Tschechen gesehen, Kanadier habe ich in der Wand kleben gesehen, Leute aus Israel, Schwarze, die im Chor gesungen haben vor dem Alpenpanorama. Also für mich war das nie dieses Bünzliland oder dieses konservative Land, das eigentlich eher unten in den Tälern bleibt. Die gehen eben nie hinauf. Um die Schweiz wirklich zu sehen, muss man eben auch was riskieren."

Zehnders aktuelles Programm "Schmelz", in der Rudolstädter Kirche mit großem Jubel bedacht, soll sein letztes volksmusikalisches Projekt gewesen sein. Er möchte weiter, zu neuen Ufern, irgendwo neue Grenzen überschreiten.

Seine Landsfrau, die Züricher Jazzsängerin Erika Stucky, hat dies schon getan. Die Frau, die noch vor einigen Jahren mit ihrer CD "Suicidal Yodels" für Furore sorgte, zeigte sich in Rudolstadt mit einer krachenden Rockshow – eine Hommage an ihre persönlichen Helden Jimi Hendrix und Bob Dylan.

Erika Stucky: "Für uns ist der Hype ja eh schon gelaufen. Vor zehn Jahren war das spannend als noch keiner das hören wollte. Jetzt wollen es alle und jetzt sind wir schon wieder einen Schritt weiter. Das ist wahrscheinlich das Los der Artisten, das man was sucht und findet und bis es die Welt merkt, ist man schon zwei Schritte weiter. (..) Ich habs da eher mit einem Bob Dylan, der das bringt, was man von ihm gerade eben nicht erwartet. Mir gibt das mehr Kraft!"


TFF.Rudolstadt

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