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Dienstag, 23.01.2018

Buchkritik | Beitrag vom 14.12.2017

Shirley Hazzard: "Transit der Venus"Teekochen, Unterwürfigkeit und Knöpfeannähen

Von Edelgard Abenstein

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Buchcover "Transit der Venus" von Shirley Hazzard vor Hintergrundbild einer Sekretärin beim Telefonieren (Ullstein Verlag / imago / Werner Otto)
Buchcover "Transit der Venus" von Shirley Hazzard vor Hintergrundbild einer Sekretärin (Ullstein Verlag / imago / Werner Otto)

Der Roman "Transit der Venus" folgt zwei Schwestern über drei Jahrzehnte und karikiert den Frauenalltag in der frühen 60ern. Er machte die australische Schriftstellerin Shirley Hazzard 1981 international bekannt und wurde nun ins Deutsche übersetzt.

Sie war gerade mal 16, als sie dem britischen Geheimdienst aus Fernost berichtete. Aus Abenteuerlust. Das war 1947, da war sie mit ihrer Familie soeben nach Hongkong gezogen, wo ihr Vater als Diplomat eingesetzt war: Shirley Hazzard.

Die im letzten Jahr verstorbene australische Schriftstellerin ist eine Kosmopolitin, sie hat ihr Leben auf mehreren Kontinenten zugebracht, wovon seit den 1960er-Jahren auch ihre Romane erzählen. 1931 in Sydney geboren, kam sie nach Stationen in Europa, in Paris und London, Anfang der 50er-Jahre nach New York, wo sie zehn Jahre lang für die Vereinten Nationen arbeitete. Erinnerungen an diese Zeit machte sie für ihr Schreiben fruchtbar. International bekannt wurde sie 1981 mit "Transit der Venus", der jetzt mit großer Verspätung ins Deutsche übersetzt wurde.

Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Caro und Grace Bell, deren Eltern bei einem Fährunglück im Hafen von Sydney ertranken. Die jungen Waisen finden bei der wohlhabenden Familie eines angesehenen Astronomen in England Unterschlupf, um ein neues Leben zu beginnen. Die freundliche und stets anpassungsfähige Grace verlobt sich mit dem Sohn des Hauses, der als Diplomat Karriere macht. Caro, die ältere Schwester, klug, talentiert und schön, verliebt sich aussichtslos in Paul Ivory, einen vielversprechenden Theaterschriftsteller, der standesgemäß mit einer reichen Erbin aus der Nachbarschaft verlobt ist. Er bleibt Caros große Leidenschaft, obwohl ein anderer sie ein Leben lang aufrichtig liebt.

Erschütternd düsteres Ende

Drei Jahrzehnte hindurch folgt der Roman über Liebe, Schuld, Verrat den Figuren, geschmeidig bewegt er sich zwischen den Kontinenten, Australien, England, Japan und den USA, bis zu einem düsteren Ende, das sich zwar früh schon abzeichnet, dessen Ausmaß aber - ein Mord, ein Zeuge, der sein Geheimnis bewahrt, ein Selbstmord - unvorhersehbar erschüttert.

Dafür setzt Shirley Hazzard einen allwissenden Erzähler ein, was schon vor bald 30 Jahren, als der Roman erschien, einigermaßen verstaubt war. Literarische Moden hin oder her, ein solcher Erzähler hat den Vorteil der Halbdistanz, er steht immer auf der Schwelle, zwar nie außerhalb, ist aber auch nie richtig beteiligt am Geschehen. Wie ein Spion im Auftrag Ihrer Majestät, der die Autorin einstmals war.

Subtile Kunst, Stimmungen einzufangen

So besitzen gerade die ihr liebsten Figuren - bei allem Mitgefühl, das durch den Roman trägt -, Caro und Ted, keine klar umrissenen Konturen, als entfalteten die Prüfungen, die in deren Leid wohnen, ihre Wirkung erst ohne mollig aufgetragene Sympathie. Besonders ist allerdings ihr Stil, eine Mixtur aus Poesie, Präzision und der subtilen Kunst, Stimmungen einzufangen. Henry James könnte dafür Pate gestanden haben.

Shirley Hazzard karikiert den Frauenalltag in der frühen 60ern in zahlreichen satirischen Einsprengseln: ein Sekretärinnenleben, das aus Teekochen, Unterwürfigkeit und Knöpfeannähen besteht. Boshaft werden historische Details ausgebreitet, vom Etuikleid über Autos, Interieurs, Drinks. Mad-Men-Liebhaber kommen auf ihre Kosten. Da wird die Atmosphäre jener Zeit plastisch - und wirkt doch fast wie von heute: "Einer von der alten Schule, schlank und geschliffen, mit seinem hellen Haar und dem teuren Gesicht".

Shirley Hazzard: Transit der Venus
aus dem Englischen von Yasemin Dincer
Ullstein-Verlag, Berlin 2017
560 Seiten, 26 Euro

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