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Samstag, 18.11.2017

Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.04.2009

"Seid arroganter! Seid ehrgeiziger!"

Medientheoretiker Jochen Hörisch über die masochistische Freiwilligkeit bei Castingshows

Jochen Hörisch im Gespräch mit Joachim Scholl

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Anstehen für die Ruhm: Junge Frauen bewerben sich für "Germanys next Topmodel" (AP)
Anstehen für die Ruhm: Junge Frauen bewerben sich für "Germanys next Topmodel" (AP)

Ob "Germanys next Topmodel" oder "Deutschland sucht den Superstar" - Zehntausende bewerben sich für die TV-Castingshows. Der Reiz, für zehn Minuten berühmt zu sein, sei für viele Jugendliche groß, meint Jochen Hörisch. Dennoch rät er Leuten mit Talent, sich nicht auf dieses "Demütigungsspiel" einzulassen und ihre Karriere langfristig zu planen.

Joachim Scholl: Woche für Woche schauen Millionen Menschen zu, wenn junge Mädchen vor Heidi Klum hoffnungsvoll als "Germanys next Topmodel" paradieren oder andere Dieter Bohlen Lieder vorsingen, um der nächste Superstar zu sein, den Deutschland anscheinend sucht. Und alle intellektuelle Kritik scheint nicht nur vor dem Erfolg in die Knie zu gehen, sondern auch vor der Tatsache, dass die Protagonisten, die Teilnehmer mit Feuereifer bei der Sache sind, sich anstrengen und dadurch bei ihren Freunden, in ihren Heimatstädten zu lokalen Größen aufsteigen. Die Castingshow als Schule des Lebens? Was ist eigentlich schlecht daran? Am Telefon begrüße ich nun den Medientheoretiker und Philosophen Jochen Hörisch, er lehrt in Mannheim. Guten Tag, Herr Hörisch!

Jochen Hörisch: Guten Tag!

Scholl: Wenn Ihr Sohn, Herr Hörisch, Ihre Tochter nächstens sagt, Papa, ich bewerb mich bei "Deutschland sucht den Superstar", find ich nämlich super, was sagen Sie dem Kinde?

Hörisch: Na, ich würde erst mal tief durchatmen, eine gute Flasche Rotwein aufmachen und dann meinen Kindern tief in die Augen schauen und sagen: Kinder, ihr habt eine schöne und kluge Mutter, und gerade weil das so ist und ihr telegen seid und noch konservativ Klavierunterricht gehabt habt und musikalisch seid, gerade deshalb macht das nicht. Ich wollte, ich könnte Sie überraschen mit einer nicht kulturkonservativen These, aber mein Ratschlag wäre, sich nicht demütigen zu lassen, sich nicht vorführen zu lassen, sich nicht entblößen zu lassen von Leuten, die mit Verlaub zweit-, dritt-, viert- und fünftklassig sind. Die Namen haben Sie genannt.

Scholl: Der Teilnehmer unterwirft sich dem Diktat der Masse, wird willig Teil der verwalteten Welt und begrüßt die Prügel, die er von der Jury bezieht, noch als Lohn, Teil der Medienmaschine zu sein, die ihn am Ende gnadenlos wieder ausspuckt, weil neue Kandidaten gebraucht werden. Ist diese Analyse noch richtig, Herr Hörisch?

Hörisch: Das klingt wie von Adorno oder jedenfalls von einem guten Adorno-Leser. Habe ich einigermaßen richtig gelegen?

Scholl: Das ist ein Satz, den ich gestern erfunden habe, ganz im Geiste von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Ich musste aber ziemlich laut lachen, während ich ihn formulierte, weil es so ein bisschen altbacken klingt. Also in der Dialektik der Aufklärung sagen wir noch mal, das ist das Fundament für unsere traditionelle Medienkritik.

Hörisch: Der gute alte Adorno-Sound …

Scholl: Genau, das ist der gute Sound … Aber hat sich diese Kritik nicht irgendwie erledigt, Herr Hörisch?

Hörisch: Sie hat sich auf der faktischen Ebene erledigt. Warum? Jetzt argumentiere ich anders als in meiner ersten Stellungnahme, weil diejenigen, die sich drauf einlassen auf dieses Demütigungsspiel, auf dieses sehr unfeine Spiel, auf dieses sehr bewusst offensiv kulturelle Standards unterbietende Spiel, weil die Leute, die sich drauf einlassen, erkannt haben, dass die Ökonomie der Aufmerksamkeit eine ganz große Rolle spielt. Nicht nur Geld ist knapp und Zeit ist knapp, sondern Aufmerksamkeit ist knapp. Und schon vor Jahrzehnten kam von Andy Warhol dieser Epochensatz: Jeder Mensch hat das Recht, zehn Minuten weltberühmt zu sein. Und diese knappe Ressource – ich bin berühmt, alle in meiner Klasse, in meiner Kleinstadt, in den Cafés reden über mich, ich werde verbraucht sein, in 14 Tagen redet keiner mehr über mich –, das hat natürlich eine große Attraktivität. Das heißt, die Leute, die sich drauf einlassen, sind eigentlich zugleich gute Analytiker der Mediengegebenheiten. Sie wissen, wie Medien heute funktionieren. Sie leisten bloß keinen Beitrag dazu, dass sie besser funktionieren, dass man aus den Medienangeboten, die es nun Gott sei Dank gibt, mehr macht. Also, um noch mal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Konservativ, wie ich bin, würde ich meinen Kindern raten, freut euch, wenn Deutschlandradio Kultur anruft und gebt ein Interview, aber lasst euch nicht auf Leute wie Verona Feldbusch oder Paris Hilton ein. Die sind berühmt, weil sie berühmt sind, dahinter steckt nichts mehr. Das ist so substanzlos und wird so kollabieren wie die Finanzmärkte kollabieren.

Scholl: Na ja, wissen Sie, wenn wir Ihren Kindern ein Interview geben, dann werden sie hinterher nicht vom Bürgermeister auf dem Marktplatz empfangen. Man könnte es ja auch so sehen: Also diese Castingshows könnten doch auch als mediale Schule des Lebens dienen, also du zeigst, was du kannst, es mag sein, dass du es bis ganz nach oben schaffst. Also es ist ja keine Objektivität, sondern irgendwelche Zuschauer wählen dich. Wie es weitergeht, ist dann unbestimmt. Das sind ja im Grunde klare Regeln.

Hörisch: Das sind klare Regeln, aber man lebt dann gewissermaßen auf Pump. Man lebt auf Pump insofern, dass man das, wodurch man berühmt wird, weil man wunderbar komponieren kann wie Mozart, Schubert oder John Lennon oder wer auch immer, weil man das ja noch gar nicht gezeigt hat. Das sind ja die Berühmtheitssysteme, die sich wie so eine Bubble Economy selbst tragen oder selbst zu tragen scheinen. Und es kommt dann bei den Leuten definitiv und mit mythologischer Regelmäßigkeit – entschuldigen Sie meinen pathetischen Ton – kommt der Absturz, dann kommt der Pieks in den Luftballon, und die Leute sind in dem Alter verbraucht und gestrandet, selbstmordnah und gedemütigt, wo es eigentlich mit dem großen, schönen, herrlichen Leben, bei einer richtigen Ausbildung, bei einer wirklich guten Schauspielschule, eigentlich erst losgehen könnte. Also das Schlimme ist wirklich der zynische Menschenverbrauch, der an Dschungelcamps und dergleichen gebunden ist.

Scholl: Über den Erfolg der Castingshows hier im Deutschlandradio Kultur der Medientheoretiker und Philosoph Jochen Hörisch. Aber greifen wir mal dieses Stichwort auf, das Verbrauchtsein. Ich habe mir in den letzten Wochen ein paar Folgen von "Deutschland sucht den Superstar" angeschaut und habe doch auch meine Fundamentalkritik einigermaßen relativiert. Wenn man sieht, wie hart diese Kandidaten dafür arbeiten, wie demütig sie aber gleichzeitig sind, wenn sie neben dem Bürgermeister ihrer Gemeinde stehen, der sie inmitten Tausender jubelnder Fans auf dem Marktplatz begrüßt, und dann – jetzt komme ich zum Punkt, Herr Hörisch – wie realistisch sie aber eigentlich doch einschätzen, dass sie nachher wieder ins normale Leben zurückkehren. Das sagen sie eigentlich alle. Und da denkt man doch, ach guck an, sie wissen eigentlich, was passiert, oder?

Hörisch: Ja klar, das ist eine neue Generation von, wir reden jetzt von 20-Jährigen oder so was, plus/minus, die sind ja nun alle schon zum großen Teil mit Joysticks, mit Fernsehen sowieso, mit Internet, mit Handy, mit SMS und so weiter groß geworden. Das heißt, es ist ja eine ganz neue Generation von Medienkids, die da in die Medienszene hineinströmen. Und ich finde das auch, also ich will nicht bloß auf die einschimpfen und sagen, Kinder, lasst das sein, ich weiß, wie schrecklich das klingt, wenn reifere Herren wie ich diese kulturkonservative Rhetorik bedienen, an der aber gleichwohl was dran sein kann. Ich will bloß sagen, weil ihr begabt seid, macht mehr draus. Und die Freiwilligkeit, diese etwas masochistische Freiwilligkeit, sich dem auszuliefern und zu akzeptieren, dass man nicht ein Leben lang mit einem großen Werk, einer wunderbaren Komposition, mit'ner tollen Filmszene oder so was berühmt ist, sondern sich vom Bürgermeister muss auf die Schulter klatschen lassen, und er weiß genau, nächstes Jahr gibt’s ne neue Weinkönigin. Das ist eigentlich das alte Schema, das da durchgenudelt wird. Ich würde da den Jugendlichen raten: Leute, seid ehrgeiziger, macht euch klar, dass ihr schlauer seid als Verona Feldbusch oder Paris Hilton oder Dieter Bohlen! Sie entschuldigen meine Direktheit. Und deshalb seid nicht zufrieden mit dieser dienenden Rolle, mit dieser akklamierten Rolle, sondern seid arroganter, seid ehrgeiziger! Die Medien sind fantastisch, benutzt sie nicht auf dieser alleruntersten Ebene!

Scholl: Man hat ja immer so wieder auf das Unmenschliche verwiesen, und wenn man die alten Barden Adorno und Max Horkheimer noch mal hervorzerren, die würden natürlich die Hände überm Kopf zusammenschlagen und das als Beispiel für eine, ja, seelenlose Welt ansehen, diese Castingshows. Umgekehrt ließe sich sagen, diese Shows sind zutiefst menschlich, weil sie dem Kandidaten genau den Abgrund zeigen, in den zu fallen er riskiert.

Hörisch: Das ist natürlich ein frivoles Spiel, das ja auch mit Märchenmotiven etwa umgeht. Das Aschenputtel, das auf einmal die Tanzschuhe der Prinzessin bekommt und dann kann es viel besser tanzen als die Prinzessin selbst. Die Frage ist, ob das Aschenputtel dann wieder zurück muss in die Küche und den Ruß aus dem Ofen holen muss und die Prinzessin ist weiterhin Prinzessin, oder ob wir wirkliche Aufsteigergeschichten haben. Was heute auffällt, ist, dass wir eigentlich in den 60er-, 70er-Jahren die großen Emanzipationsgeschichten hatten, und da hat einer dann "Zur Sache, Schätzchen" gespielt und auf einmal war Uschi Glas berühmt und blieb es auch. Oder man schrieb ein bedeutendes Buch oder man hatte die Chance, als Musiker mit einer frechen Rockmusik vergleichsweise dauerhaft in den Charts zu sein. Auffallend ist heute die massenindustrielle Produktion von Aufstiegs- und sofortigen Abstiegsgeschichten, also die Verschleißgeschichte. Man wird eben wirklich durchgenudelt und auf Dauer gestellt. Und Dauer heißt ja jetzt nicht, dass man ein Leben lang, bis man mit 100 Jahren stirbt, berühmt sein soll, sondern dass man sofort den Verfall wieder mit einplant. Das ist, da bleibe ich bei meinem Vergleich, wie die Bonuszahlungen für die Leistung, die man im letzten Quartal gebracht hat, man baut keine Firma mehr auf, sondern man nimmt sich das, was man an Aufmerksamkeit, an Geld, an Ruhm kriegen kann, es ist verbrannt. Was macht man denn, lieber Kollege, mit den restlichen 80 Jahren seines Lebens?

Scholl: Bei diesen Shows, Herr Hörisch, bewerben sich zu Anfang Zehntausende von jungen Menschen, eine unglaubliche Zahl. Könnte man sagen, dass das eigentlich unsere Gesellschaft widerspiegelt? Was sagt der Medientheoretiker dazu?

Hörisch: Der Medientheoretiker kann sich natürlich von der Überlegung verleiten lassen, dass auch ein zutiefst demokratisches Moment da drin ist. Ich will nicht bloß gegen an polemisieren. Jeder hat die Chance, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden oder für zehn Minuten berühmt zu sein oder da seinen kleinen Auftritt zu haben. Ein Demokratisierungsmoment, eine Sprengung von hoch kultureller Arroganz ist drin. Jeder, der nicht Noten lesen kann, jeder, der röchelt, jeder, der Dur und Moll nicht unterscheiden kann, der hat eben diese Möglichkeit. Jeder, der bereit ist, sich zu entblößen und in Unterkleidung aufzutreten, der kann dann eben eine Modelkarriere machen. Das Schlimme wäre aber, dass wir dann die Verfehlungsformen haben von Demokratie. Aus dem Recht, wirklich gut zu sein, wird das Recht, sich selbst systematisch zu unterbieten. Und da sehe ich die ganz, ganz große Gefahr. Es verdirbt die Preise. Das ist wie ein Inflationsphänomen auf dem Finanzsektor.

Scholl: In Amerika sind für den Herbst neue Castingformate angekündigt, eins heißt "Someone got ago – einer muss gehen". Da verlieren Leute ihren Arbeitsplatz, werden gewissermaßen negativ gecastet. Ich meine, da rebelliert der Geist natürlich mächtig, und prompt, in der medialen Konsequenz, ist es aber eine folgerichtige Entwicklung, oder?

Hörisch: Das ist wie das alte Kinderspiel "Reise nach Jerusalem", es ist immer zumindest ein Stuhl, ein Thron zu wenig da. Und es ist ja so, man kann lange über die Gründe spekulieren, warum es so ist, aber dass wir eigentlich uns freuen und Schadenfreude empfinden, wenn es unserem Konkurrenten, unserem Nächsten, unserem Nachbarn, manchmal bis in den Freundeskreis hinein, schlechter geht als wir. Wir freuen uns, so sind ja auch Filmstorys aufgebaut, wenn einer tief stürzt. Das Eigentümliche ist ja, dass der tiefe Sturz dasjenige ist. Wir freuen uns ja stärker, wenn Dieter Bohlen seine Fähigkeit, unhöflich zu sein und zu zeigen, wie schlecht er erzogen ist, ausspielt. Wir sind ja überrascht, wenn er einmal gewisse Standards von Höflichkeit einhalten kann, um die Bad-news-are-good-news. Und wenn es dann eben fäkalsprachlich losgeht oder jemand zur Sau gemacht wird, dann ist ja die Zuschauerfreude eigentlich am allerallergrößten. Und genau auf dieser Ebene, wenn diese Standards an Höflichkeit, an Respekt, an Aufmerksamkeit, auch für das, was verfehlt ist, wenn einer nicht im Umkreis seiner besten Möglichkeiten gewesen ist, wenn das nicht mehr gegeben ist, dann haben wir in der Tat eine Abwärtsspirale. Und dass diese Abwärtsspirale kultisch gefeiert wird als Abwärtsspirale und dass man die Unterbietung akklamiert, großartig findet, das halte ich für eine wirklich auf die Dauer verheerende Tendenz. Sie sprechen mit einem Kulturkonservativen, Sie merken es.

Scholl: Die mächtigen Castingshows und die Kulturkritik. Das war Jochen Hörisch, Medientheoretiker von der Universität Mannheim. Schönen Dank für das Gespräch und einen Gruß an die Töchter oder die Söhne. Also falls doch mal jemand kommt und sich bewerben will, rufen Sie uns schnell an, wir interviewen Sie dann, vielleicht können wir noch was tun.

Hörisch: Danke für die Angebote, die unsittlichen. Danke.

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