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Zeitfragen | Beitrag vom 20.07.2017

Science meets FictionGrenzgang zwischen Gentechnologie und Literatur

Von Julia Diekämper

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Was passiert mit Wissenschaft, wenn sie das Labor verlässt? (picture-alliance/ dpa / Keystone Laurent Gillieron)
Was passiert mit Wissenschaft, wenn sie das Labor verlässt? (picture-alliance/ dpa / Keystone Laurent Gillieron)

Im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit kommt der Literatur eine wichtige Funktion bei: Sie macht Ängste und Bedenken greifbar, macht Wissenschaft plastisch und wirkt zurück auf bioethische Debatten. Doch wie steht es um ihr eigenes Verhältnis zur Wissenschaft?

27 Grad im Schatten. Die Pasticceria Abrate und die Universität Turin trennt lediglich die viel befahrene Via Po. Hier werden am frühen Morgen zahlreiche Caffe Americani an internationale Wissenschaftlerinnen und Künstler ausgeschenkt. Sie sind zusammengekommen, um sich der Frage anzunehmen: "What’s next?! Hype and Hope from Human Reproductive Cloning to Genome Editing."

Hype und Hoffnung. Das sind die Pole zwischen denen die neusten gentechnologischen Methoden konjunkturell verhandelt werden. Das aktuelle Versprechen: nunmehr präziser, einfacher und kostengünstiger in das Genom aller lebender Organismen eingreifen zu können. Eine mögliche Anwendung hat Auswirkungen auf unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit, auf die Frage, wie wir uns ernähren, wie wir uns fortpflanzen, welches Bild von Umwelt wir haben. Kurz: In welcher Welt wir leben und in Zukunft leben wollen.

In welcher Zukunft wir leben wollen

Die Konferenz in Turin hat sich die Aufgabe gestellt, zu erkunden, in welcher Art von Geschichten diese Grundfragen der Genforschung thematisiert werden. Der Philosoph Maurizio Balistreri hat die Tagung mit organisiert:

"Durch das Lesen von Geschichten können wir viel über Menschen lernen, die unterschiedlich leben und können so entdecken, wie sie fühlen, wie sie in ihrem Kontext leben, können uns besser in sie einfühlen, besser ihre Gründe, Motivationen und Interessen verstehen."

Seine Mitorganisatorin, die Literaturwissenschaftlerin Solveig Hansen von der Universität Göttingen, ergänzt:

"Das ist natürlich eine Form können wir sagen des Gedankenexperiments oder ist dem zumindest sehr ähnlich. Wir können es nutzen, um uns in Personen hineinzuversetzen, wir können es aber auch als Imagination nehmen, um zu überlegen, wie würden wir handeln, wie sollte gehandelt werden in dieser Situation und gleichzeitig dürfen wir uns natürlich nicht vormachen, dass in der Art der Vorstellung oder auch indem wir die Vorstellung bewerten, unsere eigenen Werte stets zum Vorschein kommen würden."

Boris Fehse leitet die Forschungsabteilung für Zell- und Gentherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und ist einer der bekanntesten deutschen Genforscher:

"Jemand, der in der Lage ist, eine Geschichte zu erzählen, der ist natürlich immer im Vorteil gegenüber demjenigen, der nur Ergebnisse aneinanderklebt. Und das ist auch eine Art Kreativität. Da gibt es Leute, die können das super gut, die können aus weniger spannenden Geschichten spannende machen."

Wissenschaftlicher Fortschritt als Herausforderung für die Literatur

Und wenn es um öffentlichkeitswirksame Geschichten geht, dann richtet sich der Blick auch auf die Literatur. Ob Thriller oder Märchen, Gedicht oder Entwicklungsroman, immer wieder haben Literaten auf die Faszination, das Staunen und den Grusel gesetzt, der von den Erkenntnissen und Forschungsmethoden der Wissenschaften ausgeht, von Barthold Heinrich Brockes "Irdisches Vergnügen in Gott" bis Mary Shelleys "Frankenstein". Heutzutage ist es Frank Schätzing, der Ergebnisse der Meeres- und Klimaforschung in überaus erfolgreiche Geschichten kleidet. Oder Marc Elsberg, der in einem Roman von einem Mediziner erzählt, der Eltern in Aussicht stellt, die genetische Anlage ihres Kindes deutlich zu verbessern. Überhaupt ist Genforschung in den letzten Jahren zu einem literarischen Thema geworden. Kaum ein anderes Thema provoziert öffentlich so viele Reaktionen wie das Verfahren CRISPR-CAS-9.

Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film von 1931. (imago/Cinema Publishers Collection)Mary Shelleys "Frankenstein" ist ein Klassiker der Literatur, die den Grusel der Wissenschaft auslotet. Im Bild: Boris Karloff in der Verfilmung von 1931. (imago/Cinema Publishers Collection)

Das ist die neuste Methode der Genomchirurgie. Es handelt sich bei ihr um eine sogenannte Genschere, die im Genom schneidet. Sie erkennt dabei bestimmte Genmotive, schneidet diese chirurgisch präzise aus dem Genverband heraus und verändert damit schließlich die Gene oder es werden Genmotive hinzugefügt bevor die Lücke geschlossen wird. Boris Fehse meint dazu:

"Vielleicht ist das auch das Faszinierende, was jetzt mit dem Genome Editing zusammenhängt, dass man es tatsächlich abstrahieren kann auf Prozesse wie das Editieren von Büchern. Die neue Qualität, die wir jetzt gerade haben, ist die, dass dieses Genome Editing sehr effizient ist und deshalb neue Fragen gestellt werden. Effizient in dem Sinne, dass ich plötzlich Gene reparieren kann. Und das ist für uns auch spannend, weil wir eben sehen, dass man damit Sachen machen kann, die man vor wenigen Jahren nicht machen konnte und jetzt sehr effizient einsetzen kann, um zum Beispiel Genfunktionen sehr genau zu untersuchen."

Wenn das Geschichtenerzählen so wichtig für die öffentliche Aushandlung von Wert und Wirkung, Gefahr und Geltung der neuen Gentechnologien ist, stellt sich die Frage, wie die wissenschaftlichen Techniken überhaupt zum Gegenstand von Geschichten werden können? "Das ist ja ein riesiges Problem", sagt die Autorin und Philosophin Thea Dorn. "Das sprengt ja auch die Grenzen ästhetischer Darstellbarkeit."

Die Abschaffung der Endlichkeit

Die Autorin und Philosophin Thea Dorn hat in ihrem jüngsten Roman "Die Unglückseligen" spannungsreich die Gratwanderung zwischen Science und Fiction gewagt. Ihre Heldin, die Wissenschaftlerin Johanna forscht daran, gentechnisch Alterungsprozesse auszusetzen, als ihr der inzwischen unsagbar alte Erfinder der UV-Strahlen, Johann Wilhelm Ritter, zufällig im Supermarkt begegnet und fortan alles auf den Kopf stellt, woran sie glaubt. Sie stürzt sich in Forschungen, in denen es um nicht weniger geht als die Abschaffung der Endlichkeit. Ein Zitat:

Die Autorin und Philosophin Thea Dorn (dpa / picture alliance)Die Autorin und Philosophin Thea Dorn (dpa / picture alliance)

"Vorsichtig senkte sie die saubere DNA in ein frisches Röhrchen mit Pufferlösung. Wie am ersten Tag konnte sie darüber staunen, dass dieser Lebensfaden, zu dem die Natur das genetische Schicksal eines jeden Menschen versponnen hatte, nicht attraktiver war als die Hagelschnüre im Hühnerei. Wer hätte vor zwanzig Jahren noch zu träumen gewagt, was dieses unansehnliche Knäuel alles verriet: Welche Augenfarbe sein Träger hatte. Ob er ein Nacht- oder Morgenmensch war. Ob er schlank blieb, selbst wenn er sich mästete."

"Es geht massiv um Wissenschaft", kommentiert die Autorin ihr Werk. "Dadurch, dass eine Molekularbiologin die eine Hauptfigur ist und ein 240-jähriger romantischer Physiker die zweite Hauptfigur ist. Ich habe also zwei naturwissenschaftliche Protagonisten und natürlich streiten die beiden sich auch um und über Wissenschaft."

Die Themen finden Geschichten, die Geschichten Themen

Um Wissenschaft, konkret um die CRISPR-Technik kreist Hansjörg Andereggs Thriller "Station 9". Auf dem "1st Vienna Congress on Medical Genetics" in Wien werden gentherapeutische Offerten für unheilbar Kranke präsentiert. Was als wissenschaftlicher Austausch geplant ist, gerät zum Eklat, als klar wird, dass sie missbräuchlich verwendet wurden - Hype und Hope, hier sind sie wieder:

"Er verglich die Entdeckung der CRISPR/CAS-9-Methode mit der Erfindung des Mikroskops. Die Genetiker besaßen damit ein neues Werkzeug, mit dem sie präzise jede Stelle der Erbsubstanz adressieren und verändern konnten. Das Potenzial für die Heilung von Erbkrankheiten konnte noch gar nicht abgeschätzt werden. Die Methode stieß die Tür zu einem bislang völlig unbekannten Feld der medizinischen Genetik auf."

Der Autor zu seinem Werk: "Ich sage immer, dass das, was ich schreibe als "fictional science" bezeichne. Ich interessiere mich für real-exisitierende Vorhaben oder Erkenntnisse und baue dann eine Geschichte drum herum. Die Wissenschaft im Hintergrund ist für mich nicht nur Mittel zum Zweck. Und irgendwann macht es Klick und es entsteht eine Geschichte."

Für den Schriftsteller Martin Suter ist es genau umgekehrt: "Ich suche nicht Themen, ich suche immer Geschichten und die Geschichten suchen sich dann halt ein Thema." Seine Geschichte, die eines kleinen rosaroten Elefanten, hat sich das Thema der Genschere Crispr gesucht:

"Eine Entzugserscheinung konnte es nicht sein, er hatte genug getrunken. Schoch versuchte das Ding zu fokussieren, das tief hinten in der Unterspülung des Uferwegs stand, dort, wo die Höhlendecke auf den sandigen Boden traf. – Ein Kinderspielzeug. Ein Elefäntchen, rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver. Und es leuchtete wie ein rosarotes Glühwürmchen."

Martin Suter und sein Roman "Elefant" (dpa/picture alliance/ Jan Woitas)Martin Suter und sein Roman "Elefant" (dpa/picture alliance/ Jan Woitas)

So beginnt Suters Roman "Elefant". Das Herumfuhrwerken im Erbgut hat hier ein echten, einen kleinen und rosa leuchtenden Elefanten hervorgebracht, das fortan im Zentrum von Begehrlichkeit und Fürsorge steht. Sogenannte "Glowing Animals" sind für die reale Forschung bereits ein alter Hut. In den USA und in Taiwan sind Fische erhältlich, die in unterschiedlichen Farben leuchten.

"Auf die Geschichte bin ich vor über zehn Jahren gekommen", erzählt Suter. "In Tübingen, wo ein Alzheimerkongress stattfand. Und am Rande dieses Kongresses hat mir der Organisator, Professor Jucker, gesagt, es wäre kein großes Problem, einen kleinen rosaroten Elefanten herzustellen, gentechnisch. Und dieser Elefant ist mir nicht aus dem Kopf gegangen."

Literarischer Grusel beim Eingriff ins Erbgut

Drei Romane, drei Geschichten, die exemplarisch zentrale Folgefragen potenzieller Anwendungsmöglichkeiten aufgreifen, wie sie auch – natürlich auf gänzlich andere Weise – die Debatten der Technikfolgenabschätzung kennzeichnen. In Hansjörg Andereggs "Station 9" ist es das Problem der Biosicherheit– die neue, einfache Technik darf gerade nicht in die Hände von Terroristen fallen. Thea Dorns Roman lotet die Grenze dessen aus, was noch Therapie oder schon Enhancement, also die gentechnische Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, gar des Menschseins ist. Und Martin Suter veranschaulicht die Gratwanderung zwischen der Beurteilung eines Herstellungsprozesses – mittels Gentechnik – und der Beurteilung des Produktes – des Elefanten, der sowohl ökonomische als auch emotionale Begehrlichkeiten weckt.

Allen drei Romanen gemeinsam sind die Faszination und der Grusel, ins Erbgut einzugreifen. Ein Spiel von kausaler Notwendigkeit und Zufall.

Der Zufall führt Regie

Der ganz reale Genforscher Boris Fehse sitzt in seinem Büro am Universitätsklinikum Eppendorf. Auf seinem Bildschirm sind bunte Bildchen zu sehen:

"Das ist gerade ein hübsches Bild von einer bunten Zelle, die genetisch modifiziert wird, das ist tatsächlich eines der Bilder, wo es anschaulich wird. Oft machen wir ja gerade in dem Bereich Sachen, die man nicht sehen kann. Das macht die Sache in gewissem Sinne spannend und in gewissem Sinne schwieriger. Wenn man die Versuche tatsächlich durchführt. Das ist ein Reagenzröhrchen, ein kleines Plastikröhrchen, wenn man da ein paar Reagenzien zusammenschüttet im Bereich von wenigen Mikrolitern, also, was man gerade sehen kann und dann stellt man das vielleicht für eine Stunde in einen Brutschrank, bei 37 Grad und hofft, dass das passiert ist, was hätte passieren sollen."

Um Zufall in der Forschung geht es auch in Suters "Elefant": "Er, Paul Roux hatte einen wissenschaftlichen Durchbruch erzielt, neben dem die Glowing Animals Kinkerlitzchen waren. Und die hatten immerhin den Nobelpreis geholt. Er hatte zwar ein Zufallsresultat erzielt, aber war Sankt Zufall nicht der Schutzheilige der Forscher?"

"Was man über CRISPR wissen muss" - ein TED-Talk von Ellen Jorgensen:

Im Reich der Fantasie übernimmt der Zufall die Regie: "Das glaube ich schon, dass der Zufall der Schutzheilige der Wissenschaft ist. Es würde mich nicht überraschen, wenn es mehr als die Hälfe der Forschungsresultate wären, die durch Zufall entstanden sind. Ich glaube mit diesen Zufällen rechnen die Forscher auch."

"Das ist dann vielleicht mehr der Teil, wie man sich Wissenschaft vorstellt, dieser AHA-Teil", stellt Boris Fehse klar. "Das ist sicher der romantische Teil von Wissenschaft. Die gibt es sicher auch und dieser Teil hilft oft, um Sachen weiter zu bringen, aber ist tatsächlich wirklich nur ein sehr kleiner Teil."

Und was sagt Thea Dorn? "Ich vermute mal, soweit ich das verstanden habe, zeichnen sich ja diese ganzen wissenschaftlichen Tätigkeiten, diese Laborarbeiten, das sind ja unendliche Testreihen, die da stattfinden, wo man mal ein bisschen an einer Ecke geschraubt wird und dann wird an anderen Ecke geschraubt und dann guckt man, was passiert. Wenn man da was verändert, das ist mit dem Schreiben Gott sei Dank nicht ganz so. Es gibt nicht dieses ganz Klassische wie in der Wissenschaft, wo man sagt: bestätigt oder falsifiziert, das gibt es bei Literatur oder bei Kunst in der Weise natürlich nicht."

Die Literatur paukt nach

Doch im Geschichtenerzählen kann der Literatur weit mehr gelingen, als wissenschaftliche Methoden und Entdeckungen darzustellen. Sie kann Diskurse mit Leben füllen, den Streit um das "Für" und das "Wider" von bestimmten Technologien erlebbar, sinnlich und anschaulich machen. Sie stellt als Medium der Öffentlichkeit ein Reflexionsmedium dar für die Zukunftsfragen, die aus Entdeckungen und Methoden der Gentechnologie folgen: Was ist der Mensch? Was ist die Natur? In Zeiten ihrer technischer Reproduzierbarkeiten. Dazu Thea Dorn:

"Mir ist durch die Arbeit an dem Roman klar geworden, dass das eigentlich nicht geht: Dass man als Geistesmensch diesen Bereich der Naturwissenschaften schlicht und einfach ignoriert, wie das sehr viele tun und wie ich es auch lange genug getan habe, weil, der Punkt ist sicher erreicht, dass diese Arten von technologischen – nennen wir es jetzt erst einmal doch: Errungenschaften-, das verändert unsere Welt mehr als politische Gestaltung im Augenblick überhaupt noch kann."

Literatur feilt mit am bioethischen Diskurs

Politische Gestaltung setzt – wenigstens unter demokratischen Bedingungen – eine Öffentlichkeit voraus, in der Normen und Werte, Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft ausgehandelt werden und sich Dissense auftun und bearbeitet werden - jenseits wissenschaftlicher Fachkongresse oder Stellungnahmen von Expertengremien wie den Ethikräten oder Akademien. Gewiss ist Literatur in diesen Fragen kein Allheilmittel, aber sie ist beteiligt an einem letztendlich bioethischen Diskurs. 

"Bioethik ist einerseits wissenschaftliches Arbeiten und Denken", sagt Solveig Hansen. "Bioethik ist aber auch ein öffentlicher Diskurs. Bioethik ist etwas, dass auch in Zeitungen, in Medien, aber auch in fiktionalen Medien gemacht wird. Bioethik ist aber in meinem Verständnis auch etwas, was wir alltäglich tun, weil wir alltäglich immer wieder diese Entscheidungen treffen, vielleicht ganz kleine oder ganz große. Mit jeder Entscheidung, die wir sozusagen jeden Tag in diesem Bereich treffen, tragen wir dazu bei, was ethische Entscheidungen oder moralische Entscheidungen sind. Dafür ist es wirklich auch wichtig diesen weiten Begriff zu haben und verschiedene Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen und letztendlich muss man dann auch normative Entscheidungen fällen, weil dass das ist, was Bioethik macht."

"Faust" im 21. Jahrhundert

Und Thea Dorn erklärt: "Ich will fragen, wie man diesen Faust-Stoff heute erzählt, was heute eigentlich die großen Grenzüberschreitungen sind, was es heute bedeutet, seine Seele zu verkaufen, an den Teufel gar zu verkaufen. Und deshalb dämmerte mir eines Tages, ich werde wohl als Antagonisten oder als Antagonistin eine heutige Wissenschaftlerin brauchen und mir war ganz schnell klar, dass ich diese Schlacht nur schlagen kann, wenn ich Helfer habe, wenn ich Wissenschaftler habe, die Spaß daran haben, die Lust daran haben mit einer Schriftstellerin zusammen einen solchen wilden Plot zu entwickeln."

Will Quadflieg als Faust in Peter Gorskis Verfilmung des Goethe-Dramas aus dem Jahr 1960 (imago/United Archives)Wie Faust ins 21. Jahrhundert bringen? Regisseur Peter Gorksi brachte ihn in einer Verfilmung von 1960 immerhin ins Kino - mit Will Quadflieg in der Titelrolle. (imago/United Archives)

In ihrem Roman "Die Unglückseligen" lässt Thea Dorn die Figur Johanna sagen: "Würde irgendwer eine Straßenumfrage durchführen, ob 'alles, was mit Gentechnik zu tun hat' verboten werden sollte, würden ihre Mitbürger mehrheitlich mit Ja stimmen." Und die Tierärztin Valerie, Tierärztin wettert in Martin Suters Roman "Elefant": "Ich finde Genmanipulation zum Kotzen. Ich würde alles tun, um der Genindustrie zu schaden."

An anderer Stelle schreibt Suter, über einen Kollegen von Valerie: "Je mehr er sich mit dem Thema Gentechnologie einlas, desto fragwürdiger erschien sie ihm. Doch erst als er von der Entdeckung eines Systems erfuhr, das einfacher, billiger war und effiziente Eingriffe ins Erbgut ermöglichte, wurde er ein überzeugter Gegner. "

Martin Suter glaubt: "Weil das natürlich etwas sehr Frivoles ist. Das ist nicht der Sinn der Gentechnologie, Spielsachen herzustellen. Man müsste so was streng regulieren und verbieten, aber wir wissen ja alle, dass Regeln nur dazu da sind, verletzt oder gebrochen zu werden. Ich sehe keine große Chance, dass man das alles unter Kontrolle halten kann."

Die Fiktion unter dem kritischen Auge der Wissenschaft

Literatur bringt Wissenschaft mit einer Öffentlichkeit in Verbindung, die wir alle sind oder sein könnten. Sie thematisiert, wie weit der Wissensdrang des Menschen gehen kann, setzt Grenzen, bezieht Position. Sie verallgemeinert durch konkrete Geschichten. Aber sie wirkt auch zurück in die Wissenschaft. Vor wenigen Wochen sagte Emmanuelle Charpentier, einer der beiden Forscherinnen, die die Funktionsweise von CRISPR-CAS-9 erstmals wissenschaftlich erfasst haben, angesprochen auf Martin Suters kleinen rosafarbenen Elefanten in einem Interview:

"Das gehört ins Reich der Fantasie, die Menschen haben solche Vorstellungen ja schon lange. Ein pinkfarbener Elefant, das wird so bald nicht passieren. Aber es zeigt, dass die Menschen verstanden haben, dass Crispr eine machtvolle Technik ist. Die Gen-Schere ist ein Instrument, um Forschern die Arbeit zu erleichtern. Man kann schon seit Jahrzehnten an der DNA arbeiten und sie verändern. Crispr ist bloß einfacher und effizienter und deshalb auch demokratischer."

Suter antwortet: "Natürlich hat Frau Charpentier recht damit, wenn sie sagt, dass das ins Reich der Fantasie gehört, aber nur insofern, als dass es das einfach nicht gibt, aber man könnte, wenn das Sinn machen würde, schon herstellen, einen kleinen leuchtenden Elefanten."

Solveig Hansen von der Universität Göttingen wiederum "fand an dem Roman noch einmal sehr interessant, dass für mich der moralische Standpunkt sehr klar war. Nämlich: Wir dürfen eigentlich nicht in die Schöpfung eingreifen. Also, die Forscher werden ja auch relativ negativ porträtiert. Man sieht daran, dass wir ganz viele dieser Debatten auf den Menschen – science-fiction-mäßig – beziehen und dabei vergessen, dass zum Beispiel heutzutage alles – fast alles – geklont wird, das man sich vorstellen kann."

Und Thrillerautor Hansjörg Anderegg glaubt: "Man kann seine Geschichte und seine Kultur nicht einfach abstreifen. Das ist ganz klar. Ich meine, es gibt natürlich die grundsätzlich andere Haltung zwischen dem europäischen Gedankengut oder Rechtssystem und dem amerikanischen Rechtssystem. Die Amerikaner produzieren etwas und vertreiben es auf die Gefahr hin, dass es vielleicht nicht oder falsch funktioniert. Und dann kommen die großen Prozesse. In Europa ist das genau umgekehrt. Da versucht man möglichst alles vorher zu testen, dass eben gar nichts passieren kann und erst gar kein Prozess entsteht."

Wollen wir, was wir können?

Mit der Konsequenz, die Hansjörg Anderegg seinem Protagonisten Jamie in den Mund legt: "Er sagt, das Schlimmste, was jetzt passiert sei, nach all diesen Katastrophen im Roman, das sei, dass jetzt die Methode in Verruf komme. Und dass man jetzt radikal Forschung 'abklemmt', weitere Forschung blockiert. Das wäre tatsächlich das Schlimmste. Und das darf nicht passieren."

Tatsächlich besteht die Gefahr, dass die Möglichkeiten von CRISPR/Cas 9 in bioethischen Debatten zerrieben werden. Eine Gefahr, die bei der grünen Gentechnologie, also dem Einsatz in der Landwirtschaft ganz offensichtlich ist und in der sich die argumentativen Grenzziehungen keinen Millimeter bewegen. Auch angesichts von CRISPR/Cas 9 geht es also darum zu ergründen: Wollen wir, was wir können?

"Die alte Idee, der heilige Gral, der Gentherapie war ja: Wir reparieren Gene, wir machen die wieder so, wie sie eigentlich sein sollten, wie die natürlichen Gene aussehen", sagt Boris Fehse. "Es gibt Leute, wie mich, die sagen, das soll und kann und darf man nicht machen, und es gibt viele, nicht viele, aber einige, und durchaus relevante Stimmen, die sagen, das muss man sogar machen. Und diese Diskussion ist etwas, die dadurch verstärkt wird, dadurch, dass es geht und dass wir alle so ein bisschen in Sorge sind, oder nicht alle in Sorge sind, dass irgend woher in den nächsten Jahren die ersten Berichte kommen, dass das erste Kind auf die Welt gekommen ist, das so verändert worden ist, mit diesem CRISPR-CAS genome editing. Und dadurch ist es eben notwendig, diese Diskussion zu führen. Was wollen wir in unserer Gesellschaft? Was ist das eigentlich, was die Menschen für akzeptabel halten und gibt es vielleicht auch eine Schwelle, die man überschreiten darf oder auch nicht? . Da gibt es ja Dystopien, die diskutiert werden und auch diskutiert werden müssen und die jetzt ja auch schon eingehen in die Literatur."

Die Genforscherin Jennifer Doudna erklärt in ihrem TED-Talk die Funktionsweise von CRISPR - und plädiert für eine ethische Debatte:

So etwa in Hansjörg Andereggs Thriller "Station 9": "Sie bemerkte Doris Strassers Anfall erst, als einer der Bodyguards mit gezogener Pistole auf den Tisch zu rannte. Die zierliche Frau griff sich nach Atem ringend an den Hals. Ihr Gesicht lief blau an, als schnürte ihr jemand die Kehle zu. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich der festliche Prunksaal in die chaotische Auffangstation einer überforderten Polizeiwache mit zweihundert Verdächtigen und einer Ministerin, die mit dem Tode rang."

Hansjörg Anderegg führt aus: "Wenn ich einmal davon ausgehe, dass die Terroristen, vor denen wir wirklich Angst haben müssen, nicht die sind, die einfach mit der Kalaschnikow um sich schießen, sondern dass das – zum Teil wenigstens – sehr gut gebildete, akademisch gebildete Leute sind, dann muss ich davon ausgehen, dass das versucht wird. Das können wir gar nicht verhindern. Wir müssen einfach drauf vorbereitet sein und möglichst versuchen, die Sache demokratisch zu kontrollieren."

Internationale Einigungen sind schwer zu treffen

2015 etwa fanden sich internationale Wissenschaftler zusammen, um ein Moratorium in Bezug auf Keimbahneingriffe zu verfassen. Ohne Erfolg, sagt Boris Fehse:

"Man hat das auch gemerkt, glaube ich, wenn es darum geht, gemeinsame Stellungnahmen, wo man jetzt versucht, auch internationale Konsensuspapiere zu schreiben: Wir müssen uns einigen auf eine Art gemeinsamen Standpunkt oder, die Idee war ja auch auf ein Moratorium für solche Keimbahneingriffe beim Menschen, und das ist praktisch, ja, unmöglich offensichtlich, einen Standpunkt zu finden."

Auch der israelische Philosoph Ari Schick glaubt, dass es schwierig wird, Grenzen zu ziehen, denen jeder zustimmt:

"Grenzen, zu denen die Menschen in Italien zustimmen, sind ganz verschieden von denen beispielsweise in Deutschland, den USA oder Israel. Schon in den einzelnen Ländern zu einem Konsens zu kommen, ist schwierig genug. Und erst recht, wenn es in einen internationalen Rahmen geschieht. Und darüber hinaus: Selbst wenn das gelingt, dann hat man immer noch Länder, deren Normen in forschungsethischen Zusammenhängen so unterschiedlich sind, dass – selbst wenn sie prinzipiell zustimmen – sich doch grundsätzliche Unterschiede auftun."

Bei aller juristischen und ethischen Unentschiedenheit, wie Verfahren des Genome Editings nun zu beurteilen seien – davon zeugen die zahlreichen Stellungnahmen, die sie zum Anlass nehmen – herrscht Konsens darüber, die Öffentlichkeit frühzeitig in die Aushandlungsprozesse einzubeziehen. Der Anfang des Jahres veröffentlichte Report der amerikanischen National Academy of Science widmete dem "public engagement" ein ganzes Kapitel.

"Es ist sehr unklar, was öffentliche Beteiligung wirklich bedeuten würde", sagt Ari Schick dazu. "Es könnte, wie manchmal vorgeschlagen wird, heißen, diese Angelegenheiten der Politik zu überlassen. Und die Legislative macht dann eben Gesetze lassen, die auf einen öffentlichen Input zurückgehen. Das dem entgegenstehende Modell ist das wirklicher öffentlicher Deliberation, so wie es in manchen europäischen Ländern ausprobiert wird, mit sehr wechselndem Erfolg. In Wahrheit geht’s da um Dinge, die aus einer technischen Perspektive für alltägliche Menschen schwer zu verstehen sind. Blickt man jetzt auf diese, dann muss man erst einmal ziemlich viel in Bildung stecken, dann muss man die Rahmenbedingungen bestimmen und dann bleibt die Frage: Was macht man eigentlich mit den Ergebnissen dieser Art von öffentlichen Diskursen? Und ich wünschte, ich hätte ein großartiges Modell über das, was das bedeutet. Haben wir aber nicht. Ich denke, wir werden 'nur' weiter herumexperimentieren."

Literarische Möglichkeitsräume erschließen die Welt

Thea Dorn fragt sich daher: "Kann die Literatur zu den ethischen Konflikten, die rund um diese neuen wissenschaftlichen Methoden entstehen, kann da Literatur was beitragen? Ich glaube sehr wohl. Alle triftige Kunst ist für mich ein Andichten, Ansingen, Anschreiben gegen die Sterblichkeit, gegen die Endlichkeit. Das Großartige an Literatur ist natürlich, dass ich keine Antwort geben muss."

Stattdessen mag Thea Dorn ihre Leserinnen und Leser mittels Empathie in eine Position zu versetzen, Entscheider darüber zu sein, was oftmals am grünen Tisch verhandelt wird. Das rückt die Frage in den Hintergrund, inwiefern die Geschichte tatsächlich "Reales" ersinnt. Die entstehenden Möglichkeitsräume der Geschichten sind es, die ein Mittel zur Welterschließung anbieten. Wie dabei wohl ein Roman mit dem Genomforscher Boris Fehse in der Hauptrolle aussähe?

"Ich bin natürlich bei den Guten", sagt er und lacht. "Dann würde man die Methoden, die wir jetzt entwickeln, die immer besser werden in dem Bereich des Genome Editings, so anwenden können, dass wir maßgeschneiderte Therapien haben, die genutzt werden können, um einige der Krankheiten, die uns so viele Probleme bereiten, Krebskrankheiten zum Beispiel, sehr genau zu behandeln und mit möglichst wenigen oder am besten gar keine Nebenwirkungen zu behandeln. Da fragt man sich dann, welcher Protagonist würde man dann wohl sein wollen? Vielleicht die nette Hauptperson, die am Ende gerettet wird und die Wissenschaft voran bringt. Ich wäre vielleicht lieber derjenige, der das Buch geschrieben hat."

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