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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 07.09.2017

Schwarmintelligenz in KonzernenDer Mythos von den teamfähigen Ameisen

Von Gunter Dueck

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Blattschneiderameisen tragen Blätter – in Reih und Glied. (picture alliance / dpa / Foto: Frank Rumpenhorst)
Nur 2,6 Prozent der Ameisen schuften wirklich unermüdlich. (picture alliance / dpa / Foto: Frank Rumpenhorst)

Es fehlt an Teamfähigkeit, heißt es oft. Als Musterbeispiel werden gern Ameisen genannt: Wir brauchen Schwarmintelligenz! Dabei lümmelt ein großer Teil des Ameisenstaats einfach nur herum, zeigen neue Untersuchungen. Was hilft, ist ein Blick ins Silicon Valley.

Es wird viel darüber gejammert, dass es überall an Teamfähigkeit fehlt. Die BWLer haben lange auf den großen Erfolg von schlauen Stellenanzeigen gesetzt, in denen die Fähigkeit zur vernetzten Zusammenarbeit explizit als unabdingbare Voraussetzung gefordert wird. Wenn es so einfach wäre! Aber doch, machen uns die Chefs weis, die Ameisen zum Beispiel bilden bewunderungswürdige Teams! Ameisen werden in dieser Weise als Musterbeispiel eines neuen Hypes herumgereicht: Wir brauchen Schwarmintelligenz!

Neue Untersuchung: Nicht mal drei Prozent der Ameisen sind wirklich fleißig

Ameisen sind nämlich bienenfleißig und arbeiten hart und diszipliniert. Aha. Ist das so? Man hat es erst in neuerer Zeit genau untersucht: Eine Forschergruppe hat einzelne Ameisen angefärbt und ganz genau beobachtet, wie sehr sich genau diese Ameisen in die Arbeit reinhängen. Ergebnis: 2,6 Prozent der Ameisen schuften wirklich unermüdlich und arbeiten damit so, wie sich das unsere Chefs vorstellen, 25 Prozent arbeiten dagegen gar nicht und der große Rest – so heißt es in der Studie – lümmelte mehr als die Hälfte der Zeit im Bau herum. Das mit dem Lümmeln haben bestimmt naive Naturwissenschaftler geschrieben. Wir könnten diese Ergebnisse mit dem Blick auf heutige Zentren von Großkonzernen auch so interpretieren: Die Mehrheit der Ameisen sitzt die meiste Zeit über in der Hauptverwaltung des Ameisenstaates und befasst sich in ganztägigen Meetings damit, eine bessere Organisation des Ganzen zu diskutieren.

Freiwilligkeit und Leidenschaft für die Sache ermöglichen Schwarmintelligenz

Sie sehen: Die Ameisen müssen wir leider abhaken. Also besichtigen wir das Silicon Valley. Dorthin fliegen jetzt die Konzernchefs und lassen sich die Quirligkeit vorführen. Sie staunen über die Schwarmintelligenz und sie reiben sich die Augen. Es scheint sie wirklich zu geben! Dann fliegen sie erster Klasse nach Hause und schwärmen das Gesehene ihrer ganzen Firma vor. "Ab heute seid ihr schwarmintelligent, jeder lernt jetzt zwei Stunden lang Design Thinking! Wir verbieten unergiebige Meetings! Das Ergebnis und der Kunde sollen im Mittelpunkt stehen und damit sofort das Quartalsergebnis steigern!" Oh weh, Intelligenz steigt doch aber nicht, wenn man bloß an sie appelliert? Schwarmintelligenz entwickelt sich offenbar vorwiegend dort, wo verschiedene Menschen unterschiedlichster Talente etwas Gemeinsames brennend leidenschaftlich vorantreiben wollen. Sie haben ein großes Ziel und sind gewissermaßen freiwillig auf einem gemeinsamen Schicksalspfad. Wer nicht aufopfernd mitmachen will, soll das Team besser verlassen. In Fettdruck: Es herrscht Freiwilligkeit! Daher funktionieren Großprojekte der OpenSource-Bewegungen so gut, deshalb arbeiten Gründerteams im Silicon Valley so erfolgreich. Ja, unter solchen Voraussetzungen einer fruchtbaren Infrastruktur kann Schwarmintelligenz aufkeimen.

Verordnete Schwarmintelligenz in Unternehmen funktioniert nicht

Aber genau die genannten Grundvoraussetzungen werden in heutigen Konzernen missachtet. Unterschiedliche Menschen? Nein, es gibt massenhaft Konzernklone. Freiwilligkeit und intrinsische Motivation? Ja, das wäre ja noch schöner, bei Festangestellten! Und wir könnten zweifelnd fragen: Sitzt Leidenschaft für Zukunft in schwarzen Anzügen? Also eine solche, die für ein gemeinsames Ziel steht und nicht auf eine Beförderung brennt? Viele Managementteams sehen das Problem. Aber sie suchen eben immer nach Quick Wins, nach schnellen Anfangserfolgen. Da hecheln sie dann doch am liebsten den gängigen Beraterhypes hinterher. Oh, haben wir das Innovationsproblem nicht mit einem neuen Inno-Center gelöst? Haben wir die Digitalisierung nicht auf der Stelle mit der Ernennung eines Chief Digital Officers final umgesetzt? Also schwärmen wir gerade für einen neuen Schwarmberater: Neon-Sneakers, keine Krawatte.

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