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Buchkritik | Beitrag vom 26.05.2018

Sana Krasikov: "Die Heimkehrer" Heimat ist immer woanders

Von Elke Schlinsog

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Sana Krasikov: "Die Heimkehrer" ( Luchterhand / dpa / Paul Zinken)
Sana Krasikovs "Die Heimkehrer" schildert Lebensbiografien zwischen den Welten, zwischen USA und Russland. ( Luchterhand / dpa / Paul Zinken)

Sana Krasikovs "Die Heimkehrer" verbindet Familiensaga, Historienroman und Spionagegeschichte. Ein eindringliches, starkes Buch, das aufwühlt und erschüttert.

Es sind lauter verlorene Heimkehrer, von denen die in der Ukraine geborene Sana Krasikov in ihrem Familienroman erzählt: Heimkehrer aus den USA in Russland und umgekehrt, die allesamt nie ankommen. Sei es ihre Heldin Florence, die noch Jahrzehnte später in Russland ihren starken amerikanischen Akzent behält, oder ihr Sohn Julian, der in Amerika ein "sowjetischer Simpel" bleibt. Sie bleiben die Fremden, Heimat ist immer woanders. "Wanderlust und Eigensinn sind die homologen Züge" dieser Familie, diagnostiziert Krasikov.

Wiedersehen zwischen den Welten

Am Anfang steht ein starkes Bild: Mitte der 1950er-Jahre sehen sich auf einem überfüllten Bahnsteig in der tiefsten Sowjetunion eine Mutter und ihr Sohn wieder. Nach acht schweren Trennungsjahren erkennt der 13-Jährige im ergrauten, blass aufgedunsenen Gesicht allein die blauen Augen seiner Mutter. In eine lumpige Wattejacke gehüllt, bückt sie sich, umfasst seinen Kopf und spricht zu ihm – auf Englisch. Fremd und vertraut zugleich, so lange hatte er die Sprache nicht mehr gehört. Dazwischen liegen seine einsamen Jahre im russischen Waisenhaus und ihre Zeit des Schreckens im sibirischen Gulag.

Utopie einer klassenlosen Gesellschaft

Sprache öffnet Welten. In diesem Roman die der Flora Solomonova, gebürtige Florence Fein aus New York, die in dieser Wiedersehensszene ihre jüdisch-amerikanischen Wurzeln zum ersten Mal wieder offen zeigt. Blutjung besteigt sie 1933 nach ihrem Mathematikstudium, als ihr "Amerika nichts mehr zu bieten hatte", den Überseedampfer und bricht nach Russland auf, um der Utopie einer klassenlosen Gesellschaft und vor allem einem dunkeläugigen Russen namens Sergej zu folgen.

Entschlossen wirft sie sich dem bitterarmen Sowjetstaat in die Arme, sucht in der Enge der Gemeinschaftswohnungen der "Kommunalka" das Beste für ihre kleine Familie, auch dann, als ihr hinterrücks der amerikanische Pass entzogen und sie zur Sowjetbürgerin gemacht wird – auch später, als Stalin seine Säuberungen beginnt und auch sie unter Verdacht gerät. Was sie trotzdem in diesem Land hielt, warum sie sich weigerte, das System, das ihre Familie zerstörte, zu verurteilen, das versucht Jahrzehnte später ihr Sohn Julian, inzwischen Amerikaner, in den freigegebenen Akten des russischen Geheimdienstes zu erfahren – und reist 2008 als "Gestörter der zweiten Generation", wie er sich nennt, nach Moskau.

Täuschungen und Enttäuschungen

In "Die Heimkehrer" erzählt Sana Krasikov, die in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien aufgewachsen und inzwischen längt Amerikanerin ist, die Geschichte einer Frau, die wie Hunderte US-Amerikaner in den 1930er-Jahren in die Sowjetunion auswanderten, haltlos durchs Land trieben und später von der US-Regierung im Stich gelassen und in Stalins Terror gerieten. Dabei vertraut die 38-jährige Autorin ihren erprobten Themen. Schon in ihrem Erzählband "One More Year" von 2008 skizzierte sie brillant die Täuschungen und Enttäuschungen der postsowjetischen Migranten, die sich davon überzeugt haben, dass "die Wahrheit – wenn man genau hinsieht – sich nicht von der Lüge unterscheidet".

In ihrem fast 800 Seiten starken "Heimkehrer"-Epos nutzt Sana Krasikov nun die erzählerische Breite, um den großen Fragen von Identität, Wahrheit und Selbsttäuschung nachzugehen. In ihrem drei Generationen umspannenden Familienroman geht es ihr vor allem darum, was die Zugehörigkeit zu einem Land ausmacht, einst und heute, meisterhaft in Rückblicken verflochten, pendelnd zwischen Amerika und Russland.

Pendeln zwischen Amerika und Russland

Dabei pfeift sie auf die Chronologie und springt zwischen den Jahren 1956 und 1934 - bis 2008 hin und her. Wie ein Zeit-Jo-Jo folgen wir dem Auf und Ab, dem Vor und Zurück auf der Zeitachse, dem Familienschicksal im sowjetischen System - und vor allem den verworrenen historischen Verbindungen.

Sana Krasikovs "Heimkehrer"-Epos, das Familiensaga, Historienroman und Spionagegeschichte zugleich ist, ist ein echter Pageturner, ein eindringliches, starkes Buch, das aufwühlt, erschüttert – und uns wieder einmal vorführt, welch heimtückischen Einfluss totalitäre Systeme auf das Leben derer haben, die darunter geraten.

Sana Krasikov: "Die Heimkehrer"
Luchterhand
790 Seiten, 26,00 Euro

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(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 17.08.2009)

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