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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.01.2015

SachbuchRitt durch die Geschichte des Denkens

Von Thorsten Jantschek

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Der Physiker und Philosoph Sir Isaac Newton auf einem Gemälde der Royal Society, London (dpa/picture alliance)
Symbolfigur der modernen Wissenschaft: der Physiker Sir Isaac Newton (dpa/picture alliance)

Der Wissenschaftshistoriker John Freely räumt in seinem Buch "Aristoteles in Oxford" mit althergebrachten Vorstellungen auf. Er zeigt, wie einflussreich arabische Philosophen für die Entfaltung der abendländischen Wissenschaften waren. Und wie wenig dunkel das "dunkle Mittelalter" war.

"Wenn ich weiter geblickt habe", schrieb der Begründer der modernen Physik Sir Isaac Newton Anfang des 18. Jahrhunderts in einem Brief, "so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe." Es sind dieselben Worte, die 500 Jahre vorher schon der mittelalterliche Philosoph Bernhard von Chartres geäußert hatte. Der in Istanbul lehrende Wissenschaftshistoriker John Freely lässt uns in einem furiosen Ritt durch die Geschichte des Denkens und Forschens ahnen, welche Dimensionen dieser Satz haben kann, und welche Verantwortung er mit sich bringt. Denn, wenn es eine Botschaft gibt, die von diesem Buch ausgeht, dann ist es die, dass sich Wissen und Aufklärung nicht bremsen oder gar verhindern lassen, nicht von religiösen Eiferern, nicht egoistischen Machthabern.

Und Freely korrigiert dabei ein Bild, das von der westlichen Moderne gerne gepflegt wird, nämlich das Bild von der blühenden Wissenschaftslandschaft der griechischen Antike, dem düsteren Mittelalter, das allenfalls einige Fußnoten zu dem Philosophen Aristoteles beigebracht hat, und jener leuchtenden Moderne, die mit der Renaissance beginnt und erst mit der Aufklärung wirklich Licht in die stockdunkle glaubenstreue Welt des Mittelalters bringt. Doch wie immer, wenn man die Geschichte nur genau genug anschaut, wird das Bild schärfer, die Verhältnisse aber unübersichtlicher.

Ein Wimmelbild der Gelehrsamkeit

Das Schlüsselereignis, von dem aus sich dieses Buch entfaltet, ist der Brand der legendären Bibliothek von Alexandria um das Jahr 415 – ein gigantischer Wissensspeicher wurde zerstört, 1000 Jahre griechische Literatur, Geschichte und Wissenschaft gingen mit einem Schlag verloren. Nur Abschriften der antiken Handschriften blieben – überall verstreut – in Klöstern erhalten. Und doch entfaltete sich das Wissen weiter. Es gab kein finsteres Mittelalter, sondern eine unaufhaltsame Tradierung und Weiterentwicklung des griechischen Denkens und gerade auch der beobachtenden, experimentierenden und rechnenden Naturphilosophie.

Um dies zu zeigen, lässt Freely Heere von mittelalterlichen Philosophen am Leser vorbei ziehen und zeichnet so ein Wimmelbild der Gelehrsamkeit und der Wissenschaftlichkeit im frühen Mittelalter. Gewiss, das mittelalterliche Denken entzündete sich an der Lichtgestalt der antiken Philosophie, an Aristoteles, aber was von Ferne als pure Auslegungstradition erscheint, ist in dem, was Freely erkundet, eine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung, Erweiterung und zum Teil – vor allem in den naturwissenschaftlichen Teilen – eine fortschreitende Widerlegung des großen Denkers. Und zwar nicht nur im Abendland.

Ohne arabische Gelehrte keine Wissensexplosion in Europa

Denn Freely wird nicht müde, zu betonen, wie einflussreich die arabischen Philosophen für die Entfaltung der Wissenschaften waren, wie sie im 9. Jahrhundert führend in der Philosophie und der Wissenschaft waren, welche Modernisierungsschübe von ihnen für das Abendland ausgingen, etwa in der Optik und der Kosmologie. Ohne sie – so legt Freely nahe – hätte sich die Explosion des Wissens in der "Renaissance vor der Renaissance", im 13 Jahrhundert in Europa wohl nicht gegeben. Wer immer heute glaubt, das Abendland vor der Islamisierung schützen zu müssen, hat keine Ahnung davon, dass es das Abendland, an das er denkt, ohne die großen islamischen Denker des Mittelalters so wohl nicht gäbe.

Und es ist diese Zeit rund um das 13. Jahrhundert, in dem Denker wie Albertus Magnus oder Thomas von Aquin die Erfahrungswissenschaften begründeten, Roger Bacon auf der Basis der Physik über motorgetriebene Schiffe oder U-Boote nachdachte oder Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham Prinzipien der Wissenschaftstheorie entfalteten und so den Boden bereiteten für Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei, die dann jenes Weltbild aus den Angeln hoben, das die Erde – so wie es die christliche Tradition verteidigte – im Zentrum des Kosmos sah.
Die kopernikanische Wende: ein Resultat mittelalterlichen Denkens und Forschens
Die sogenannte kopernikanische Wende, die wissenschaftliche Revolution, die das geozentrische Weltbild wegfegte, sie ist ein Resultat mittelalterlichen Denkens und Forschens.

"Hütet Euch, Theologen"

Galilei selbst, er war von der unheiligen Inquisition zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, hatte – und das sei auch heutigen eifernden oder fundamentalistischen Theologen ins Stammbuch geschrieben – handschriftlich notiert: "Hütet Euch, Theologen, aus der Lehre von der Bewegung und der Ruhe der Sonne und der Erde einen Glaubensartikel zu machen und Euch damit der Gefahr auszusetzen, dass Ihr seinerzeit diejenigen Wegen Ketzerei verurteilen müsst, welche behaupten, die Erde stehe fest und die Sonne bewege sich." Es sind die Grenzen der Theologie, die hier von der Wissenschaft gesetzt wurden. Und es sollten nicht und werden nicht die einzigen Grenzen sein.

Und noch etwas kann man aus diesem spannenden Buch für eine Gegenwart lernen, in der Universitäten im dauerhaften Verteilungskampf um Ressourcen stehen und ihnen unter Effizienzgesichtspunkten die Forschungsfreiheit abhandenkommt. Nämlich, dass hier eine Wissenskultur zu bewahren gilt, die nicht nur bereits im 11. und 12. Jahrhundert so glanzvolle Universitäten wie die von Paris, Bologna, Oxford und Cambridge hervorgebracht hat, sondern auch dort – und insbesondere durch die Freiräume, die den beobachtenden, experimentellen Naturwissenschaften gewährt wurde – jenes moderne Europa sich ankündigt, auf das wir heute zurecht stolz sind.

John Freely: Aristoteles in Oxford – Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete
Aus dem Amerikanischen von Ina Pfitzner
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014
395 Seiten, 24,95 Euro

 

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