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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.05.2013

Ruhe und Frieden statt Demokratie

Renato Baretic: "Der achte Beauftragte", Dittrich Verlag, Berlin 2013, 336 Seiten

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Für den jungen Ehrgeizling ist die Versetzung zunächst ein wahrer Horrortrip. (AP)
Für den jungen Ehrgeizling ist die Versetzung zunächst ein wahrer Horrortrip. (AP)

Durch einen Skandal geschwächt wird der kroatische Nachwuchspolitiker Siniša Mesnjak auf eine Adriainsel versetzt. Dort soll er eine demokratische Selbstverwaltung einführen - was sich als fast unmöglich herausstellt. Renato Baretić liefert mit seinem Roman ein Meisterwerk satirischer Gesellschaftskritik.

Im Prinzip hat sich Siniša Mesnjak als gewiefter Nachwuchspolitiker erwiesen. Organisatorisch begabt, hemdsärmelig und skrupellos, leistet er unverzichtbare Dienste für den Premierminister – eine Figur, die dem ehemaligen kroatischen Regierungschef und Sozialdemokraten Ivica Račan nachempfunden ist. Doch eines Tages läuft Mesnjak rechtskonservativen Medienleuten in die Falle. Deren Fotos zeigen ihn bewusstlos auf dem Fahrersitz seines Dienstwagens in Begleitung einer angeblichen Prostituierten. Um die Aufregung zu dämpfen, schickt der Premierminister seinen Schützling auf die ferne Adriainsel Drittchen. Mesnjak soll dort die demokratische Selbstverwaltung einführen, eine Aufgabe, an der zuvor bereits sieben Abgesandte der Zagreber Regierung scheiterten. Mesnjak ist so "Der achte Beauftragte" - in dem gleichnamigen, jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman des kroatischen Autors Renato Baretić.

Anfangs erweist sich der Zwangsaufenthalt auf Drittchen für den jungen Ehrgeizling als wahrer Horrortrip: kein Telefon, kein Internet, kein Handyempfang, keine Aussicht auf unverbindlichen Sex – vor allem aber keinerlei Interesse der Drittchener für die Mission des Beauftragten aus Zagreb. Mesnjaks Vorschläge, einen Gemeinderat mit konkurrierenden Parteien auf die Beine zu stellen, ignorieren die Insulaner. Wichtiger als Demokratie ist ihnen Ruhe und Frieden. Sie haben fast alle jahrzehntelang im australischen Bergbau geschuftet und kehrten als Rentner auf die Heimatinsel zurück. Dafür, dass die Versorgung funktioniert und die australischen Renten auf Drittchen ankommen, sorgt ein Drittchener, der in Australien per Heirat zum Bergwerkseigner aufgestiegen und dort geblieben ist. Diesen Bonino Langfuß verehren die Insulaner wie viele Jugoslawen einst Josip Broz Tito.

Mesnjak verliert mit der Zeit die Lust an der Politik

Der Beauftragte verliert nach und nach die Lust an seiner politischen Aufgabe. Stattdessen entdeckt er die bizarre Insellandschaft, vertieft sich in die seltsamen, oft schauerlichen Erzählungen der Bewohner, lernt den zunächst kaum verständlichen, mit italienischen und englischen Einsprengseln gespickten Drittchener Dialekt und schließt nähere Bekanntschaft mit zwei Illegalen aus Bosnien. Er befreundet sich mit seinem Assistenten Tonino und pflegt nach Toninos tragischem Tod dessen gelähmten Vater. Am Ende glaubt Mesnjak dann doch, den Schlüssel für die Einführung der Demokratie auf Drittchen in der Hand zu halten – und hofft wieder auf neue, höhere politische Aufgaben in Zagreb.

Der Journalist und Schriftsteller Renato Baretić, geboren 1963 in Zagreb, lebt seit 1983 in Split, der Metropole Dalmatiens. "Der achte Beauftrage", 2003 in Kroatien veröffentlicht und dort mehrfach ausgezeichnet, ist ein Meisterwerk satirischer Gesellschaftskritik, das die Mentalität von Herrschern und Beherrschten ausleuchtet. Die verkehrte Welt der Drittchener und der nicht selten absurde Kosmos des Politikbetriebs verflechten sich aufs Merkwürdigste. Dazu trägt auch der skurrile Inseldialekt bei – kongenial wiedergegeben in der deutschen Übersetzung von Alida Bremer.

Besprochen von Martin Sander

Renato Baretić: Der achte Beauftragte
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Dittrich Verlag, Berlin 2013
336 Seiten, 19,80 Euro

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