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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.12.2007

Rucksacktouristin auf Fettnäpfchentour

Iris Bahr: "Moomlatz oder wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren". Frederking und Thaler, 2007. 240 S

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In Asien versucht die Protagonistin ihr Glück. (AP Archiv)
In Asien versucht die Protagonistin ihr Glück. (AP Archiv)

Zwar verarbeitet Iris Bahr in ihrem Roman jede Menge Klischees und die damit verbundenen einzelnen Geschichten sind für sich nicht neu, aber in der Verbindung sind sind sie neu. Da die Autorin hauptberuflich als Kabarettistin in New York arbeitet, wird das Buch auch nie langweilig und wird von einer großen Portion Selbstironie begleitet.

Es sind eine Menge Klischees, die Iris Bahr in ihrem Buch "Moomlatz - oder wie ich versuchte, in Asien meine Unschuld zu verlieren" verbrät. Da gibt es die Protagonistin, eine junge Frau aus Israel, die ihren Militärdienst beendet hat und nun endlich ihrer Libido gehorchen will, anstatt den Offizieren und deshalb als Rucksacktouristin nach Asien fliegt. Anders als ihre Kameradinnen legt sie die Uniform ab, ohne mit Kameraden ins Bett gegangen zu sein. Doch nun will sie ihre Unschuld verlieren.

In Asien schließlich landet sie in jener Parallelwelt der Rucksacktouristen, die die Hippies vor vielen Jahren einmal begründet haben, die sich aber mittlerweile von einem Großteil der alten Aussteigerideen gelöst hat - von fast allen, wenn man genau ist; übrig geblieben ist der hemmungslose Hedonismus.

Die junge Frau verknallt sich in einen Engländer, der aber lieber mit thailändischen Prostituierten ins Bett geht und den sie schließlich in einem Opiumdorf zurücklässt, weil ihm die Droge wichtiger ist als sie. Sie reist nach Vietnam, kommt aber auch dort nicht über eine heiße Knutscherei in einem Schlafwagenabteil hinaus. In Indien schließlich gerät sie an eine Gruppe israelischer Goa-Raver. Ihre Unschuld verliert sie aber immer noch nicht, dafür kifft sie eine Menge.

Es kommen viele Klischees vor. Aber sie sind originell verwoben: Bahr kombiniert das "Coming-of-Age"-Thema der Erziehung des Herzens mit dem neuen Motiv des Massentourismus; dazu verquirlt sie die Geschichte ihrer Selbstfindung mit dem großen jüdischen Thema der Identitätssuche. Für sich genommen sind das alles oft erzählte Geschichten. So aufeinander getürmt, ergeben sie aber etwas Neues.

Iris Bahr ist in New York aufgewachsen, im Alter von zwölf Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Israel. Wie ihre Protagonistin hat sie dort den Militärdienst absolviert und ist dann einige Monate durch Asien gereist - sie übertreibe zwar, aber im Grunde sei diese Reise mehr oder weniger genauso passiert, wie sie es in "Moomlatz" beschreibe, sagt sie in Interviews.

Heute lebt sie wieder in New York. Sie arbeitet als Schauspielerin, Kabarettistin und Theaterautorin. Ein Stück, in dem sie acht Gäste eines israelischen Café spielt, das von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wird, hat am Broadway für einige Furore gesorgt.

Tatsächlich ist der Umstand, dass Bahr nicht in erster Linie Schriftstellerin ist, ein großes Glück für ihr Buch. Denn so erzählt es nicht so sehr eine Geschichte, sondern folgt eher der Dramaturgie einer Stand-Up-Comedy-Show. Das heißt: Der erzählerische Bogen ist unwichtig; was zählt, sind die Pointen.

Wie weit der Abstand zwischen dieser Art des New Yorker Humors zum deutschen Spaßverständnis ist, kann man schon am Titel des Buchs ablesen: "Dork Whore" heißt das Buch im Original, was man mit "Trottelschlampe" übersetzen könnte. Ein Titel, der treffend die Selbstironie kommuniziert, mit der Bahr sich selbst und ihre Identitätsprobleme ins Zentrum ihrer Geschichte setzt. Denn die anderen mögen zwar alle Trottel sein, aber die, die sich an diese Trottel ranwirft, hat natürlich noch weniger Nachsicht verdient.

Der deutsche Titel "Moomlatz" betont etwas anderes. "Moomlatz" ist das hebräische Wort für "empfohlen", es ist ein Qualitätssiegel für Touristenfallen, die damit werben, von israelischen Reisebüros empfohlen zu sein. Ähnlich wie das Schild "Man spricht deutsch" in Gerhard Polts Film, betont ein solcher Titel eher den allgemeinen Wahnsinn des Tourismus.

Ansonsten gibt es an der Übersetzung aber nichts zu mäkeln, mit Verve bringt Andrea O'Brian den überdrehten Sound ins Deutsche. Das ist mit ganz großer Klappe erzählt und immer einen Tick zu laut, zu oberflächlich. Langweilig ist es nie.

Rezensiert von Tobias Rapp

Iris Bahr: "Moomlatz oder wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren"
Übersetzt von Andrea O'Brian
Frederking und Thaler, 2007.
240 S. 14,95 EUR

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