Donnerstag, 24.05.2018
 

Buchkritik | Beitrag vom 27.04.2018

Richard A. Muller: "Jetzt: Die Physik der Zeit"Das Universum und der Strom der Zeit

Von Gerrit Stratmann

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Buchcover "Die Physik der Zeit" von Richard Muller, im Hintergrund: Zwei Sterne leuchten aus einem Sternennebel in einer fernen Galaxie. (S. Fischer Verlag / imago stock & people)
Buchcover "Die Physik der Zeit" von Richard Muller, im Hintergrund: Zwei Sterne leuchten aus einem Sternennebel in einer fernen Galaxie. (S. Fischer Verlag / imago stock & people)

Der preisgekrönte Physiker Richard A. Muller war beteiligt an der Entdeckung, dass sich das Universum seit dem Urknall immer weiter und schneller ausdehnt. Genau diese Erkenntnis ist laut Muller entscheidend, um den Strom der Zeit zu verstehen.

Die Zeit ist aus physikalischer Sicht ein ungelöstes Rätsel. Sie schreitet voran, niemals zurück, und niemand weiß warum. Richard Muller, Physikprofessor und Präsidentenberater aus Kalifornien, hat zusammengetragen, was über die Zeit aus physikalischer Sicht bekannt ist. Und er stellt in "Jetzt" eine eigene Sichtweise zur Natur der Zeit vor.

Robert Muller packt eine Menge in gut 420 Seiten seines Buches: historische Gedanken über die Zeit, Schwarze Löcher, die Relativitätstheorie, der Begriff der Entropie, die Expansion des Universums, die Quantenmechanik. Und er setzt sich auseinander mit dem Physikalismus, dem freien Willen, dem Dualismus von Geist und Gehirn und der Existenz der Seele.

Spannende Themen, zusammengestellt von einem erfahrenen Experimentalphysiker, der zudem für seine gute Lehre ausgezeichnet wurde und trotzdem überzeugt das Buch nicht auf ganzer Linie.

Ausdehnung des Universums schafft neuen Raum und neue Zeit

Das liegt zunächst an einer etwas langatmigen Einführung. Es dauert, bis das Buch an Fahrt gewinnt. Erst im zweiten von insgesamt fünf Teilen widmet er sich konkret dem unverstandenen Strom der Zeit. Das Problem: In den Formeln der Physik ist kein Zeitpfeil enthalten. Sie behielten ihre Gültigkeit auch bei rückwärts laufender Zeit. Einzige Ausnahme: Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Er besagt, dass die Entropie in einem geschlossenen System niemals kleiner werden kann. Je mehr Zeit vergeht, desto gleichförmiger verteilen sich Materie und Energie im gesamten Universum. Alles strebt hin zu einem Zustand maximaler Unordnung.

Die Zustandsänderung des Universums und das Fortschreiten der Zeit gehen hier also Hand in Hand. Aber ist die wachsende Entropie deshalb Ursache für das Voranschreiten der Zeit? Manche Physiker glauben das. Robert Muller ist skeptisch.

Stattdessen hat er einen anderen Vorschlag. Muller war beteiligt an der Entdeckung, dass das Universum sich seit dem Urknall immer weiter und schneller ausdehnt. Da wir nach Einstein in einer vierdimensionalen Raumzeit leben, entstehe durch die Expansion nicht nur neuer Raum, sondern auch neue Zeit. Diese neu entstehende Zeit ist nach Muller unsere Gegenwart, also das Jetzt. So gesehen, gingen sowohl die Richtung als auch das Tempo der Zeit auf das Konto der Expansion des Universums.

Durchwachsenes Lesevergnügen

Eine spannende Idee, der er leider nur die letzten 25 Seiten seines Buches widmet. Und so bleibt am Ende ein durchwachsenes Lesevergnügen zurück: Einerseits begeistert der Physikprofessor für sein Thema, bietet Denkanstöße an und erzählt mitreißend aus seiner Forschungspraxis.

Andererseits wirken seine essayistischen Passagen, in denen er darlegt, warum er an einen freien Willen glaubt, den Physikalismus für eine Religion hält und auf der Existenz einer Seele beharrt, unausgegoren. Schade, denn die Frage nach der Natur der Zeit ist hochspannend.

Richard A. Muller: Jetzt. Die Physik der Zeit
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018
475 Seiten, 25 Euro

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