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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.08.2008

"Restitution ist ohne Alternative"

Eissenhauer stellt sich hinter Washingtoner Abkommen zur Rückgabe von Kunstwerken

Michael Eissenhauer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Michael Eissenhauer (AP)
Michael Eissenhauer (AP)

Der künftige Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, hat das Verfahren der Restitution von Kunstwerken verteidigt, die während der NS-Zeit geraubt wurden . Der Schaden für die deutschen Museen wäre viel gravierender, "wenn wir uns dem Geist des Washingtoner Abkommens verschließen würden", sagte Eissenhauer. Zwar könnten in Ausnahmefällen auch prominente Stücke betroffen seien, aber es sei nicht mit weißen Wänden im Museum zu rechnen.

Liane von Billerbeck: Wann waren Sie das letzte Mal im Museum und in welchem? In Ihrem Heimatmuseum oder in einer der großen deutschen Kunstsammlungen? Immerhin 108 Millionen Museumsbesuche verzeichnen die deutsche Museen pro Jahr und besonders beliebt sind auch die Berliner Staatlichen Museen. Und die haben von November an einen neuen Chef, Michael Eissenhauer kommt aus Kassel als Generaldirektor in die Hauptstadt. Was wir so von der Zukunft der Museen zu erwarten haben, das wollen wir jetzt von ihm wissen. In Berlin bin ich telefonisch mit dem künftig wohl mächtigsten Museumsmann Deutschlands verbunden. Herr Eissenhauer, ich grüße Sie!

Michael Eissenhauer: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Als Generaldirektor werden Sie die Verantwortung für, wenn ich richtig gezählt habe, 17 Museen in der Hauptstadt tragen. Ich weiß, es ist müßig, einen Vater zu fragen, welches Kind er am meisten liebt. Aber worauf freut sich der Kunsthistoriker Eissenhauer am meisten?

Blick auf das Alte Museum auf der Museumsinsel in Berlin (AP)Blick auf das Alte Museum auf der Museumsinsel in Berlin (AP)Eissenhauer: Auf die Aufgabe als solche. Es ist das größte und schönste Universalmuseum, das es in Deutschland gibt, es ist eines der größten Museen der Welt. Es ist ein Museum, dass der ganzen Menschheit verpflichtet ist. Und daher, Sie haben es schon so schön anschaulich formuliert, ein Lieblingskind zu hätscheln, wäre angesichts der Fülle und Opulenz und der Schönheit der vielen Sammlungen in Berlin ganz ungerecht. So soll es nicht sein.

von Billerbeck: Das war jetzt schon mal eine Liebeserklärung. Es gibt aber durchaus Probleme, die nicht bloß die Berliner Museen beschäftigen, sondern viele Museen. Ein Thema ganz heftig in den deutschen Museen aktuell, die Restitution von in der NS-Zeit geraubtem Kulturgut an die Besitzer, an die jüdischen Besitzer oder ihre Erben. In Kassel wurde ja gerade Entschädigung für ein Bild aus jüdischem Besitz gezahlt in Ihrer Verantwortung. Und es gab ja vor Jahren und auch immer mal wieder Befürchtungen, dass die deutschen Museen da in eine kritische Lage geraten könnten, wenn da viele Kunstwerke zurückgegeben werden. Nun gibt es zum Washingtoner Abkommen, zur Washingtoner Erklärung, die auch Deutschland unterzeichnet hat, keine Alternative. Dennoch, wie groß sehen Sie da die Konsequenzen für die deutschen und auch für die Berliner Museen?

Eissenhauer: Ich glaube, zunächst einmal, dass der Schaden für die deutschen Museen viel gravierender wäre, wenn wir uns dem Geist des Washingtoner Abkommens verschließen würden. Das Washingtoner Abkommen, 1998 unterzeichnet, legt eigentlich etwas fest, was moralisch sofort nachvollziehbar ist, nämlich das, was unrechtmäßig weggenommen worden ist, wo viele frühere Eigentümer umgebracht worden sind, verfolgt wurden, außer Landes getrieben wurden, denen ihr ehemaliges Eigentum zurückzuerstatten.

Das Washingtoner Abkommen ist dann auf der Ebene des Bundes und der Länder hier in Deutschland ein Jahr später mit einer gemeinsamen Erklärung in die praktische Anwendung umgesetzt worden. Und bei dieser praktischen Anwendung ist der Kern und der Geist, dass die möglichen Restitutionsfälle, die angemeldet werden, die ehemaligen Eigentümer oder berechtigten Erben, die Ansprüche stellen, dass die außerhalb der Verjährungsfragen behandelt werden, dass also in Anerkennung der besonderen Verbrechen des NS-Regimes hier der Bund und die Länder auf die Regelung verzichtet haben, dass bestimmte gesetzliche Straftaten, wie Raub beispielsweise, die ja einer Verjährung unterliegen oder Diebstahl, dass dies außer Kraft gesetzt ist und dass unabhängig von der verstrichenen Zeit das Unrecht anerkannt wird, dass hier ehemaliges Eigentum entzogen worden ist und dass im Falle des Nachweises, dass diese Objekte, diese Kunstwerke bestimmten Menschen gehört haben, sie ohne jegliche Gegenleistung zurückzuerstatten sind.

Und diese gemeinsame Erklärung wurde dann sozusagen in einem dritten Schritt, in eine Handreichung umgearbeitet. Diese Handreichung gibt quasi Alltagshinweise für die Museen, für die Berechtigten oder Antragsberechtigten, für das Verfahren der Rückerstattung, der Rückgabe, praktisch Alltagshilfe, wie das nun umzusetzen ist, was im Geist im Washingtoner Abkommen von '98 angelegt ist.

von Billerbeck: Wir müssen also nicht befürchten, dass dann plötzlich leere Wände uns in den Museen erwarten werden?

Eissenhauer: Nein, ganz gewiss nicht. Was man natürlich selbstverständlich, und da ist auch das, worauf Sie anspielen, in Betracht ziehen muss, natürlich kann es in exzeptionellen Fällen zu ganz prominenten Stücken kommen, die dann wirklich dem Herz und der Substanz des Museums einen deutlichen Einschnitt bringen, einen deutlichen, ich möchte nicht von Verlust sprechen, aber ein deutliches Defizit hinterlassen. Aber das sind bestimmt nicht leere Wände.

Es sind viele, viele Dinge, die aber bei dieser Restitutionsfrage mitspielen. Zum Beispiel, es ist ja auch, was Sie ansprechen, ist ja im Grunde genommen so etwas, wie ein Spannungsfeld. Da gibt es auf der einen Seite das Anerkennen des Unrechts und das Anerkennen der Berechtigung, dass Erben und frühere Eigentümer ihr Eigentum zurückerhalten sollen und es gibt auf der anderen Seite Institutionen, die dieses Eigentum sozusagen wiederhergeben sollen.

Und diese Institutionen geraten nun wirklich in ein krasses Spannungsfeld. Einerseits, das muss man einfach immer auch in dem Zusammenhang deutlich sagen, jeder, der für ein Museum verantwortlich ist, hat es gewissermaßen in die Gene angelegt bekommen, zu sammeln und zu bewahren. Und es verstößt zutiefst gegen alles, was das eigene Berufsethos widerspiegelt, aus dieser Substanz des Sammelns und des Bewahrens etwas herauszugeben. Und dass da sich vielleicht der eine oder andere Kollege oder Kollegin schwertut, das sollte man vielleicht einfach im Bereich des Menschlichen und Subjektiven auch anerkennen oder in Rechnung stellen. Aber es ist kein Hinderungsgrund, dass die Berechtigung und der Vorgang als solches trotzdem glasklar ohne Alternative ist.

Der zweite Punkt, der Museen häufig in ein Spannungsfeld führt, ist, als nach '45 die Museen wieder aufgebaut wurden, war es ja häufig so, dass die Direktorinnen und die Direktoren, die dann neu in die Ämter eingeführt wurden, ja selber Opfer des NS-Regimes zum Teil waren, die verfolgt waren, die aus ihren Berufen ausgeschlossen worden sind, die in einem Akt der Wiedergutmachung eigentlich dachten, dass sie nach '45, meistens dann im Laufe der 50er Jahre, etwas Gutes täten, indem sie die Generation, ihre eigene Generation an Künstlern, an verfolgten Künstlern in die Museen hineinholen und sie gewissermaßen nobilitieren, als ein Akt der Wiedergutmachung nobilitieren.

Der Gründer der "documenta" Arnold Bode bei der Begutachtung von Plakaten für die "documenta-4" 1968 in Kassel (AP Archiv)Der Gründer der "documenta" Arnold Bode bei der Begutachtung von Plakaten für die "documenta-4" 1968 in Kassel (AP Archiv)Da ist gerade auch in Kassel an Arnold Bode zu erinnern, der die documenta ja aus diesem Geist heraus gegründet hat, eine Wiedergutmachung an den verfolgten und verfemten Künstlern gewissermaßen zu etablieren.

Und auch diese Geschichte spielt mit hinein, nämlich dass Kunstwerke nicht gekauft worden sind, einfach nur, um Masse anzusammeln, sondern dass es auch bewusste Akte der Wiedergutmachung sein sollten, als unsere Vorgänger in den Ämtern sich bemüht haben, Anfang der 50er Jahre die Expressionisten und die verfolgten Künstler aus Deutschland allmählich wieder in die Museen hineinzukaufen.

von Billerbeck: Ein Wort, dass mit dem Wort Museum auch gerne immer in Verbindung gebracht wird, ist ja das Adjektiv "verstaubt". Nun haben sich viele Museen gerade in den letzten Jahren bemüht, modernere Präsentationen zu zeigen und gerade jüngere Leute auch in die Museen zu locken. Und es wird da ja auch zunehmend der Versuch gemacht, viele Kunstschätze digital zugänglich zu machen über das Internet. Passiert das schon ausreichend? Es ist ja gerade in der deutschen, sehr föderal organisierten Museumsstruktur ein ganz spezieller Fall, weil da in vielen Städten und Kommunen eben das Geld fehlt.

Eissenhauer: Ja, das ist auf jeden Fall voll im Gang, kann man eigentlich so ganz salopp sagen. Und gerade zu diesem Stichwort "verstaubt", da kann ich eigentlich immer nur sagen, dieses Image des Verstaubten ist gewissermaßen der Spiegel im Auge des Betrachters. Denn das Verstaubte ist ja häufig schlicht und einfach der schlechten Ausstattung und der schlechten finanziellen Möglichkeit geschuldet. Wenn Ihnen einfach keine Spielräume gelassen werden, können Sie auch keine Innovationen einführen. Das ist in der Wirtschaft nicht anders als in einem Museum.

Ich glaube, dass aber die Träger der Museen in den letzten Jahren sehr klares Bewusstsein entwickelt haben. Museen bemühen sich im Grunde genommen seit den 60er, 70er Jahren in einer Diskussion stehend, wie die Schwellen, die vermeintliche Schwellenangst der Besucher gesenkt werden kann, darum, Zugangserleichterungen in die Museen hineinzuschaffen. Das hat sich häufig in den 70er, 80erJahren in Architektur niedergeschlagen. Heute ist das Medium schlechthin, um Schwellenangst herunterzusetzen, das Internet. Das ist die Digitalisierung, die Zugänglichmachung von Sammlungsbeständen, von Service in den Museen. Da ist das Internet ohne Alternative und eine sensationelle Möglichkeit, auch auf die Öffentlichkeit zuzugehen, das Serviceangebot zu verbessern.

Und Sie sprachen gerade von der unterschiedlichen Struktur. Natürlich gibt es andere Länder, beispielsweise Nordamerika, in denen die Digitalisierung der Museen sehr viel weiter fortgeschritten ist. Aber gerade im europäischen Vergleich stehen die deutschen Museen nicht schlecht da. Es ist auf vielen Ebenen, sowohl in den Museen, die aus Bundesmitteln getragen werden, aber auch in den Ländermuseen bis hin zu den kommunalen Museen große Kampagnen zur Digitalisierung in den letzten Jahren auf den Weg gebracht worden.

Aber man muss sich auch klarmachen, angesichts der enormen Mengen an Objekten, die in manchen Museen verwahrt werden, Kassel einfach mal als Beispiel, handelt es sich um knapp eine Million Objekte…

von Billerbeck: Das dauert.

Eissenhauer: Das dauert einfach. Und diese Zeit brauchen wir. Aber diese Projekte greifen und allmählich wachsen die Bilddatenbanken, die als solche ja nicht ausreichen, keine Bilddatenbank nutzt etwas, wenn sie nicht mit einer Datenbank hinterlegt ist, aus der dann die Sachdaten zu den Objekten auch geliefert werden, die Kommentare, die Daten, die Inventarnummern etc. Und dies sind einfach hoch komplexe Prozesse. Da braucht es Leute dafür, da braucht es Zeit dafür. Aber ich glaube, da sind viele, die allermeisten großen Museen in Deutschland mittlerweile auf einem sehr guten Weg.

von Billerbeck: Sie sind ja in Kassel noch im vollen Lauf als dortiger Museumschef, haben aber in einigen Interviews schon betont, dass Sie doch sehr an die Traditionen Ihrer Vorgänger in Berlin anknüpfen wollen und wollten sich auch immer nur sehr zurückhaltend äußern. Dennoch ist es ja erlaubt, danach zu fragen, ob es einen Traum gibt, den Sie haben, wenn Sie an Ihren künftigen Arbeitsort kommen?

Eissenhauer: Ja, das war im Grunde genommen das, was Sie schon einleitend sagten, im Grunde die Erfolgsgeschichte fortzusetzen. Das ist der größte Traum. Wenn das gelingt, dann, glaube ich, kann auch meine Arbeit erfolgreich sein. Aber das muss da oberste Ziel sein, was in den letzten 10, 20 Jahren in Berlin mit den Museen erreicht wurde, mit dem gigantischen Kraftakt der Zusammenlegung der Ost- und der Westmuseen und dem sensationellen Welterfolg, den gerade die Museen auf der Museumsinsel haben.

Wenn diese Erfolgsgeschichte fortgesetzt werden könnte, wenn sie ausgeweitet werden könnte, auch auf das Kulturforum, an den heutigen Standort der Gemäldegalerie und des Kunstgewerbemuseums, wenn auch hier es gelingt, den Erfolg der Museumsinsel weiterzutragen, dann ist es, glaube ich, der allergrößte und schönste Erfolg, der überhaupt einem beschert werden kann.

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